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15.03.2021, Jamal Tuschick

Esoterische Torturen

Pola Oloixaracs Roman „Wilde Theorien“ beginnt mit einem ethnologischen Ausblick

Auf einem Abtritt der Vereinzelung

„Sex ist ein stabiles System egoistischer Formen, die um die Sonne der Eitelkeit kreisen.“

Eingebetteter Medieninhalt

Im Rahmen eines Initiationsgeschehens versetzt das Volk der Orokaiva auf Neuguinea den Nachwuchs in Angst und Schrecken. Maskierte treiben Kinder mit Lanzen „ins Zentrum der Angstrituale“. Sie erzwingen die Erfahrung, Beute zu sein. Die „esoterischen Torturen“ stellen den Auftakt umfangreicher Belehrungen dar. Am Ende erhalten die Geschulten ihre Zugangsberechtigung zur Jagdgemeinschaft. Die Familien- und Hausstandgründung erfolgt im nächsten Schritt. 

Im Akut des Romangeschehens geht es auch um Partizipationskulte in fortgeschrittenen Gesellschaften. Die Akteure kreieren wilde Theorien. Sie verfallen auf solche Einsichten:

„Sex ist ein stabiles System egoistischer Formen, die um die Sonne der Eitelkeit kreisen.“

Pola Oloixarac, „Wilde Theorien“, Wagenbach, 251 Seiten, 22,-   

Kamtchowsky und Pablo vereint die Sehnsucht nach einem Leben ohne Dutzendgenüsse. Die Studierenden hoffen auf erlesene Erregungen im Verein mit den Generationsgenoss:innen Mara und Andy - und in Opposition zu egozentrischen Babyboomereltern, von denen schärfste Abgrenzungen nötig erscheinen. Es stellen sich die Fragen: Was ist gerade genial und was verranzt. 

In Pola Oloixaracs erstem Roman bestimmt eine ultranerdige Jeunesse dorée die Koordinaten ihrer Ära. Sie poliert und stürzt Denkmäler. Sie skaliert und justiert. Vor allem erkennt sie im Vokabular Älterer das Verbrauchte.

Ein Untersuchungsgegenstand

Was steckt in den ältesten Kammern des Bewusstseins? Wo beginnt das Gedächtnis der Menschheit?

Will man den Anfang mit einem Wort benennen, dann ist Angst das Wort. Kamtchowsky bringt es auf den Punkt: Auf den Spuren der Erinnerung erleiden wir immer noch das Grauen des avancierten „Primaten, der im Übergang zum Menschen ... zur Beute von Raubtieren“ wird. Er bleibt animalischen Prozessen ausgeliefert, obwohl er darüber hinaus gewachsen ist.  

Die Angst der Ahnen liefert unserer Matrix einen Hauptbegriff. 

„Nachdem die Menschen über Millionen von Jahren ein minderwertiges Element auf der Speisekarte von Raubtieren und daher ständig auf der Flucht gewesen waren, nutzen sie ... Waffen zum ersten Schlag gegen die Macht der Bestien.“

Das Ich kommt mit dem Speer. Bewegung & Bewusstsein sind zwei Seiten einer Medaille. Der Speer wird zum Ich. Im entfesselten Wir erzeugt der moderne Mensch die Überlegenheit der Bestie. Doch zwingt ihn ein unbeugsamer Egoismus immer wieder auf den Abtritt der Vereinzelung.

„Die Verben des Kriegers (jagen, erlegen, kämpfen) sind das Vorspiel für sexuelle Beziehungen“, referiert Kamtchowsky. Sie fungiert als erzählende Heldin. Sie bezieht sich auf eine Instanz; eine Autorität mit Aufzeichnungen. Die Koryphäe wusste: „Alle Formen des Verständnisses sind psychologische Kalk-Ablagerungen der ersten Begegnung mit wilden Tieren.“

Das glaube ich auch. Was wir Verständnis nennen, ist ein Reflex der Angst vor Klauen und Zähnen. Im erdgeschichtlichen Präsens müssen wir die Bestie begreifen. Sie ist noch da. Wir sind sie im Verhältnis zu jedem Ich

Aus der Ankündigung

Eine Studentin bedrängt ihren Professor auf den Gängen der Fakultät, zwei superschlaue Trolle finden in ihrem Hass zueinander, und eine vergessene Theorie kann alles erklären. Eine philosophische Komödie über Macht, Verführung und die Schönheit der Niedertracht – barock, brillant-verrückt, erbarmungslos.

Sie möchten sich von einem Roman verzaubern lassen? Literarische Figuren kennenlernen, mit denen Sie sich identifizieren können, die zu guten Freunden werden? In Wilde Theorien gibt es nichts davon – nur Intellektuelle mit empathiefreiem Weltzugang, Lust an der Provokation und dem unstillbaren Wunsch, zu dominieren.

Die wunderschöne Erzählerin, eine Philosophiestudentin, trägt stets eine dreisprachige Aristoteles-Ausgabe bei sich, umkreist einen Ex-Guerillakämpfer und ist überzeugt, die Theorie ihres überforderten Professors endlich vervollständigt zu haben. Dann sind da die kleine Kamtchowsky und ihr Freund Pabst, so überhebliche wie hässliche Außenseiter, die in die Subkultur von Buenos Aires eintauchen, moralische Videospiele entwerfen und in ihrer Bilderstürmerei vor kaum einer Geschmacklosigkeit zurückschrecken. Und zuletzt gibt es einen niederländischen Anthropologen, der erklärt, wie die Bestie Mensch zum Menschen wird – bevor er im Urwald verschwindet …

Ein überbordender, wilder Roman über das Irrlichtern großer Geister und eine jahrtausendealte, immer wieder hervorbrechende Gewalt.

Pola Oloixarac (*1977) studierte Philosophie in Buenos Aires, ihrer Heimatstadt. Nach ihrem in mehrere Sprachen übersetzten Debütroman »Las teorías salvajes«, der in Argentinien für Furore sorgte, wurde sie 2010 auf die Granta-Liste der besten spanischsprachigen Autoren gewählt. Sie gründete die digitale Zeitschrift Buenos Aires Review, hat drei Romane und ein Opernlibretto verfasst und schreibt u. a. für die New York Times und die BBC. Sie lebt in Barcelona.