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17.03.2021, Jamal Tuschick

Plunder des Augenblicks

Mitte des 17. Jahrhunderts soll es in den Niederlanden keinen Haushalt ohne eine überseeisch-exotische Note gegeben haben. Als Mitläufer-Signal der jüngsten Moderne fungierten türkische Tischläufer. Das erklärt Gary Schwartz. Gemeinsam mit Bodo Brinkmann kuratiert Schwartz die Ausstellung Rembrandts Orient; zurzeit zu sehen im Potsdamer Museum Barberini.

In den niederländischen Orientalismen des Goldenen Zeitalters begegnet ein gediegener Kunstsachverstand  einer abenteuerlichen Sujetauffassung. Man illustrierte biblische Geschichten mit dem Plunder des Augenblicks.   

Michiel van Musscher, Barend van Lin, his younger brother and his future brother-in-law © Jamal Texas Tuschick

Europäische Epochenbegriffe

Assueer Jacob Schimmelpenninck van der Oije (1631–1673) war ein weitgereister Repräsentant des Goldenen Zeitalters, als er sich 1660 von Dirck van Loonen in Heldenpose porträtieren ließ. Der Maler hatte die (in der eurozentrischen Perspektive exotischen) Landschaften nie gesehen, die seinen Auftraggeber zu dem Auftritt inspirierten. © Jamal Texas Tuschick

Die Vorsteher der Amsterdamer Gilde der St. Sebastians-Armbrustschützen - Bartholomeus van der Helst © Jamal Texas Tuschick

Katholischer Druck

Die vom Kunden vorgeschriebene Überhöhung erfolgt nicht allein metaphorisch. Schimmelpenninck steht als Prachtausgabe seiner Selbst auf einem Block. Er beansprucht Erhabenheit auch im Verhältnis zu der kolossalen Kreatur. Der Hund erscheint als Statussymbol und ist zugleich eine lebende Erinnerung an die Pilgerreise, die Schimmelpennincks Horizont dramatisch erweiterte. Von Zypern war er 1657/58 nach Jerusalem, Damaskus, Tripoli und Aleppo gelangt. Aus eigener Anschauung kannte er, was den meisten niederländischen Zeitgenoss:innen nur vom Hörensagen geläufig war. Im Geist einer neuen Zeit stilisierte sich der Weltmann imperial. Sein Selbstverständnis ragte weit über das hinaus, was wir heute mit dem Vorwurf der Cultural Appropriation belegen. Der Turban ist Accessoire und Signal eines Machtanspruchs. Zwei Faktoren bestimmen das Spezifische.

Das Überlegenheitsphantasma begründen calvinistisch-protestantische Formulierungen im Gegensatz zu dem katholischen Dominanztext der Ära.   

Die protestantische Kolonialmacht Niederlande steht selbst unter dem katholischen Druck Habsburger Ansprüche. 

Wir wissen es schon lange. Kolonialismus bleibt ein andauerndes Jahrtausendverbrechen. Seine geistigen Voraussetzungen definieren Europa von der Neuzeit bis zur Gegenwart. Erst seit ein paar Jahren formiert sich eine kritische Gegenkraft zu einer Politik der Ungleichheit.   

Der Orient ist eine europäische Phantasie. Zu Recht exponieren Bodo Brinkmann und Gary Schwartz als Kuratoren der Ausstellung Rembrandts Orient im Potsdamer Museum Barberini Epochenbegriffe der Eurozentrik. Sie zeichnen rassistische Klischees etwa am Beispiel tumber Darstellungen von Schwarzen aus.

Aus der Ankündigung

Rembrandt und seine Zeitgenossen waren fasziniert von den fernen Ländern, deren Waren erstmals im 17. Jahrhundert im großen Stil in die Niederlande importiert wurden. Die Begeisterung für das Fremde wurde zu einer Mode, die eine neuartige Kunst entstehen ließ: Der Realismus der Malerei verband sich mit Wunschbildern und phantastischen Projektionen. Der Orient war ein Konstrukt aus Versatzstücken, Stereotypen und Imagination. Die Ausstellung thematisiert die damaligen Bilder des Fremden – eine west-östliche Begegnung, die eng mit Rembrandts Werk verbunden war.

Bald mehr.

Zu den Voraussetzungen rassistischen Denkens 

Die weiße Welt kommt aus dem Geist pflügender Pioniere – macht euch die Erde untertan. Wo immer sie Neuland entdeckten, war es ihr Land und die Leute, die sie antrafen, sahen ihnen höchstens ähnlich. Sie unterschieden zwischen wilden und zahmen Wilden. In ihrem Begreifen sympathisierte jede(r) KulturfolgerIn, so wie Silberfische und Wanderratten, erfolgreicher mit den Zivilisationsgesandten als die Indigenen. Die katholische Kirche bewahrte dem „Indio manso“ ein Daseinsrecht in seiner Verniedlichung. Sie stellte ihn als Kind der Wildnis hin. Den Mut, die Sache blutig zu Ende zu bringen, forderten andere. Sie nannten es Feigheit, den aus dem Kuckucksnest der Steinzeit gefallenen Wilden im Elend zu lassen, wo er doch nichts anderes als das Elend vererben konnte.

Die kolonial-rassistischen Muster haben ihren Ursprung in schockhaft-traumatischen Begegnungen neuzeitlicher Typen mit altzeitlichen Exoten. Bis dahin war all das, was es zum Beispiel auf der seit der Antike gedachten Terra Australis tatsächlich gab, nur geträumt worden. Das kollektive Unbewusste Europas fand in Amerika, Afrika und Australien seine stärksten Bilder der Andersartigkeit. Das Andere (der Fremde in seiner natürlichen Umgebung) wurde der Natur (Barbarei) zugeordnet, während sich die Raumfahrer des Mittelalters distanzierten. Aus ihren Albträumen sind rassistische Ressentiments gemacht.

Nichts beweist eine größere Resistenz gegen Erkenntnisse als das Ressentiment. Das erklärt im Verein mit den Machtverhältnissen, warum Menschen nicht aufhören, etwas für biologisch zu halten, dass nur einer Konvention entspricht, oder um Hall zu zitieren, „Rasse ist ein gleitender Signifikant“. Der in seinen besten Zeiten zwischen Oxford und Harvard pendelnde Kulturwissenschaftler zieht „Rasse“ oft, aber nicht immer aus dem Rahmen der Markierung eines kontaminierten Begriffs.

Halls Einfälle drehen sich um Kulturbefehle, die Hierarchien dann noch garantieren, wenn jemand Ethnie oder Kultur statt „Rasse“ sagt. Vermutlich ist es noch nicht mal wichtig, ob in der Verwendung dieser Wörter eine Überzeugung veröffentlicht wird oder ob jemand gerade Kreide frisst.

Hall bezeichnet „Rasse“ als eine „Meisteridee der Klassifizierung“ und als „Herzstück“ einer Herrschaft, die Differenz zu ihrem Vorteil produziert. Jede Gegenformel beweist die Kraft des Rassismus.

Hall zeigt, warum „Rasse“ sich als konfrontative Kategorie nicht einfach selbst in der Ethnizität zum Verschwinden bringt. Er macht klar, wie tradierte Erwartungen (etwa einer geringeren Intelligenz bei Schwarzen) als Barrieren noch in den Überwindungen rassistischer Denk- und Sprechweisen Standfestigkeit beweisen. Hall bleibt da nicht stehen. Er entwickelt einen diasporisch-pluralen Begriff von Identität. Er trifft sich mit Patrick Chamoiseau in der Einschätzung von Folgen im Kolonialstil vernichteter indigener Ökonomien. Es sind die Elendsverweigerer, die den Druck an Europas Schmerzgrenzen aufbauen.