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21.03.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Nackte Nebelkrähen

Schkona stinkt nach Bitterfeld. Schwefel und Armut fusionieren furios. Nachts färbt der Dreck den Horizont orange. Die Jugend der Republik tanzt in den Kellerclubs, die unter Brachen das Repertoire mit Triptycha des Bunkeresken anreichern. Alles erscheint radioaktiv kontaminiert. Zu den sensationellen Nebensachen zählt die Kondensation. Die Keller riechen noch nach eingesperrter Dunkelheit, nach Einzelzelle, Verzweiflung, Kopfschuss, und sie riechen schon nach dem Schweiß des Neuen. 

Ein Interregnum entsteht. Utopist:innen wittern Morgenluft. Die Anarchie schickt reitende Bot:innen, und in einem Winter so kalt, dass der Thälmannplatz nur noch für Kettenfahrzeuge befahrbar ist, erfolgt eine der folgenreichsten Hausbesetzungen. 

Kleopetra Balla, kurz Kleo B., zeigt der Welt und ihren Nebelkrähen den blanken Arsch. Sie säuft mit ihren Camaradas und führt sie großspurig an. 

„Sechzehn Schornsteine stützten den Himmel über der Stadt.“

So steht es geschrieben in Erik Neutschs Roman „Spur der Steine“, erschienen 1964 im Mitteldeutschen Verlag. Der Autor beschreibt eine Industriezone in der Vormauerzeit. Noch geht es um die gesamtdeutsche Befreiung der Arbeiterklasse. Man will Westdeutschland überflügeln und die Überlegenheit des Sozialismus beweisen. Die förmlich wie ein Mensch tätig oder ganz zur Maschine gewordene Landschaft wird als beispielhaft und vorbildlich für ein vereintes Deutschland dargestellt. Neutsch erfindet dem Giganten ein Schkona. Eine Batterie von Fabriken bildet ein Chemiekombinat. Nach allem greift der Auf- und Ausbau, das Leben ist eine Baustelle. Der Film verschwand drei Tage nach der Uraufführung im Keller, in Beyers hochgelobtem Buchenwaldstreifen „Nackt unter Wölfen“ sind die Kommunisten im KZ so fest und famos wie Brigadier Balla auf dem Bau. Analog zu den Verwandlungen selbstständig wirtschaftender Bauern in Kollektivisten: widerfährt Balla das Wunder der Einsicht, nicht nur stolz auf sein Handwerk als permanente Autonomiebehauptung:

„Ihr könnt Partei machen, wenn ich Feierabend habe.“

Der zweite Zündstoff steckte im Mangel.

Managementfehler - „Planfetischismus“ fällt als problematisches Wort.

Dazu kommt drittens Katrin „Kati“ Klee als neue Ingenieurin. Auftritt der vorgesetzten Frau. Mit ihr stemmt sich aber auch ein Staat gegen Arbeitskräfteschwund. (Man bildet für den Westen aus.)

Sechzig Jahre später erscheint Kleo B. als Manfreda K. aka K. Balla in Schkona. Sie haut mit Stuhlbeinen zu und tritt eine Kollegin vom Kipper, da sie den Kies für „ihren“ Bau braucht. Sie ergreift Frauen und Männer ohne Ansehen der Person. Die Ergriffenen quietschen.  
*
Nichts wird wahr ohne sein Gegenteil. Realismus vs. Idealismus - Kleo Ballas Gegenspielerin heißt Kerstin Wursthorn. Auf ihre Art ist Kerstin genauso stur und schneidig wie die Holzerin. 
Bald mehr.