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23.03.2021, Jamal Tuschick

Kalter Liebesentzug

Ikonografisches Stilbewusstsein/Scheusalmutter

Blythe sitzt im Auto und stalkt eine bis zum letzten Detail inszenierte Alltagsszene durch raumhohe Panoramafenster. Die Lichtgestalt im Mittelpunkt des gleisend hellen Geschehens ist Blythes Ex-Ehemann Fox Connor. Der Zampano des Formwillens verwirklicht sein ikonografisches Stilbewusstsein in einer Choreografie mit Familie. Zum Ensemble gehört Violet. Die Tochter stammt aus der Verbindung mit Blythe.

Die leibliche Mutter betrachtet sich selbst als Opfer einer Scheusalmutter.

Ashley Audrain, „Der Verdacht“, Roman, aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, Penguin Verlag, 22,-

Garantierte Herzensangelegenheit

Ashley Audrain erzählt eine furchtbare Geschichte in elegischen Rückblenden. Der Anfang aller Verwerfungen liegt in einer wie Perlmutt schimmernden Vergangenheit. Blythe und Fox begegnen sich als Studierende im Zustand der Gnade. Sie heben sich gegenseitig an in einem Exklusivitätsverhältnis. Eine Beziehungsschieflage ergibt sich aus der Umsicht guter Eltern auf der Connor-Seite. Auf Blythes Seite ist nichts gut. Der Vater verknattert im Unterholz der Unzulänglichkeit. Die Mutter hat sich vor langer Zeit von der Familie verabschiedet. 

Blythe täuscht intakte Herkunftsverhältnisse vor. Die Immoralität der Eltern stellt sie vor unlösbare Rätsel. Ihr fehlt das Zerebralsystem der Intimität mit all seinen Feinheiten und kleinsten Verästelungen. Wer in der umfassenden Liebe vollständig aufgehoben aufwächst, übernimmt mit dem Bananenkuchenrezept der Großmutter ein Verfahren der Weltgewandtheit, das Fox selbstverständlich beherrscht – und Blythe genauso selbstverständlich entbehrt.

Das ist die Spielanordnung. Blythes Defizite erscheinen klein in der Nähe des Big Spender Fox. Es verdunkelt die Welt, sobald sich der Gesegnete abwendet.

Ich sage es noch einmal anders. Fox war schon reich, bevor er Blythe traf. Blythe hatte nichts, bis Fox sie reich machte.

Fox will Architekt werden, Blythe Schriftstellerin. Fox träumt davon, Babys mit Blythe zu haben. Er sagt seiner Liebsten eine grandiose Zukunft als Mutter voraus.

Blythe sonnt sich in dieser Erwartung. Sie zweifelt aber auch. Ihre Großmutter Etta verweigerte Blythes Mutter Cecilia die Versorgung als garantierte Herzensangelegenheit. Audrain beschreibt eine transgenerationale Störung landläufig als natürlich begriffener und automatisch zustande kommender Verbindungen. Blythe fühlt sich von Violet beim Schreiben gestört, während das Kind mit einem verstörenden Repertoire auf die absurde Mutter reagiert.

Das Glück der Anderen

“Something is terribly wrong in this family.” Ashley Audrain

Eingebetteter Medieninhalt

„Wir schwingen im Rhythmus des Blutes unserer Mutter, noch bevor sie selbst geboren ist.“

Das Glück der Anderen zieht Blythe magisch an. Es macht sie zur Stalkerin. Sie beobachtet das neue Familienglück ihres Ex-Mannes, mit dem sie einst in einer verschworenen Gemeinschaft einen Seligkeitsgipfel nach dem nächsten erreichte. Nun zelebriert er das gelungene Leben in einer Hochform mit einer anderen Frau, einem Sohn aus dieser Verbindung und jener Tochter, die er von Blythe bekommen hat. Ashley Audrains Erzählmanier legt die exzentrische Formulierung nah. Die Autorin schildert einen leidenschaftlichen Vater voller Erzeugerstolz.

*

Blythe sitzt im Auto und betrachtet die bis zum letzten Detail inszenierte Alltagsszene durch raumhohe Panoramafenster.

Der Mann performt Perfektion. In einer Lage zwischen Dompteur und Dirigent tanzt er am Plattenspieler. Selbstverständlich schwört so ein Feinschmecker des Lebens auf Vinyl. Im Weiteren kommt es zu pointillisierter Ehepaarerotik im Ornat der Vollständigkeit mit Tochter und Sohn in Partner:innen-Plaid Shirts.

Die Geschwister erscheinen herausgeputzt und die Erwachsenen märchenhaft mühelos.

Violet war ein Wunschkind, dem Blythe unbedingt die liebevolle Mutter sein wollte, die sie selbst entbehrte. So wie bereits ihre Mutter im kalten Liebesentzug aufwuchs.  

„Eines Tages wirst du das verstehen, Blythe. Die Frauen in dieser Familie sind anders.“

Vorrübergehend hatte Violet schon einmal einen Bruder, der im Roman-Jetzt lange tot ist.

Aus der Ankündigung

Violet ist ein Wunschkind, und Blythe möchte die liebevolle Mutter sein, die ihr selbst so sehr fehlte. Doch als man ihr das Neugeborene in den Arm legt, fühlt sich alles falsch an. Da ist nur Ablehnung, und je älter das Mädchen wird, desto mehr wächst die Angst vor Violet und ihrem feindseligen Verhalten, das sich Blythe nicht erklären kann. Alles nur Einbildung? Oder ist das Mädchen tatsächlich absichtsvoll böse? Fox, der seine Tochter von ganzem Herzen liebt, beobachtet seine Frau mit wachsendem Misstrauen. Bis eines Tages das größtmögliche Unglück über die Familie hereinbricht – und Blythe sich ihrer Wahrheit stellen muss.

Wenn man sein Kind bedingungslos lieben möchte, aber die Angst das überwältigendere Gefühl ist. »Der Verdacht« erzählt von schicksalhaften Familienbanden, von Obsession und der Zerbrechlichkeit von Glück – ein zutiefst aufwühlender Roman von großer Sogkraft, erschütternder Klarheit und stilistischer Brillanz.

»Man kann diesen durch und durch originellen Roman nicht mehr weglegen - ›Der Verdacht‹ zeigt uns die dunkelsten Momente von Mutterschaft auf.«

Bestsellerautorin Kristin Hannah (14. August 2020)

Ashley Audrain wuchs außerhalb von Toronto auf, studierte Medienwissenschaften und arbeitete viele Jahre im Bereich Public Relations unter anderem im Verlagswesen. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrer Familie in Toronto. Ihr Debütroman »Der Verdacht« begeisterte Lektorinnen und Lektoren in aller Welt; lange vor Erscheinen verkauften sich die Übersetzungsrechte in über 30 Länder.