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24.03.2021, Jamal Tuschick

Omawissen und Steinzeittechnik

Die wichtigste Lektion lautete: Moderne Technik versagt unter extremen Witterungsbedingungen. Steinzeittechnik funktioniert immer.

© Jamal Texas Tuschick

Marie Malaparte ist eine jener Elite-Hochschulabsolventin, die mehrere Studiengänge mit Bravour abschloss, und dann sofort in leitender Position, wenn auch in bunkeresken Verhältnissen tief unter der Erde sich forschend entfaltete. Wochenlang sah Marie nur Personen in Schutzanzügen. Die Trennung von Arbeit und Leben war zugunsten der Arbeit aufgehoben. Kein Himmel weit und breit. Mehr als ein Lächeln in der Bergwerkskantine war nicht drin. Am Horizont ihrer Sehnsucht sah Marie sich in der Gesellschaft der arktischen Großmutter grönländische Küstenlinien entlang gleiten. Märchenhaft erschienen die Szenen der Erinnerung im Gegenlicht der kernspintomographischen Umgebung im Untertage. Hinter der Oma her war Marie über die Traumpfade versprengter Schneestämme getappt. Sie hatte gelernt, wie man aus Robbenhaut Stiefel näht. Die wichtigste Lektion lautete: Moderne Technik versagt unter extremen Witterungsbedingungen. Steinzeittechnik funktioniert immer.

Marie stammt von Ostgrönländern ab, die den Einflüssen der Zivilisation trotzten und sich mühelos ein Überlebenspolster draufschafften: insofern sie Informationen weitergaben, die eine Existenz ohne Strom regeln. Dieser vermeintlich rückwärtsgewandte, in Wahrheit jedoch furios-futurischer Daseinsentwurf expandierte einigermaßen ungestört hinter einem Packeisschild. Plötzlich sieht die ganze Erde so aus wie in Maries Kindheit lediglich ein schmaler Streifen. Kurz gesagt, die globale Erwärmung ist gerade in ihr Gegenteil umgekippt. Die Welt erstarrt im Eis. Marie besinnt sich auf das Omawissen.