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25.03.2021, Jamal Tuschick

Kalenderbinse

„Wir schwingen im Rhythmus des Blutes unserer Mutter, noch bevor sie selbst geboren ist.“ Mutterschaft ist für Blythe das Höchste. Man muss schon sehr weit weg vom ...

Aussitzender Alltag

Mutterschaft ist für Blythe das Höchste. Man muss schon sehr weit weg von solchen Antipoden wie dem deutschen Nationalsozialismus und dem Heliski-Feminismus des Geschlechterkonstruktivismus sozialisiert worden sein, um das Selbstverwirklichungsphantasma einer Haltlosen als leidenschaftliche Mutter unbefangen in ein Romanzentrum zu stellen.  

Ashley Audrain, „Der Verdacht“, Roman, aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, Penguin Verlag, 22,-

Audrains narrativer Aufbau kreist um ein Evergreen der Philosophietrivialisierung: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Adornos Sentenz, die Devise von Siegfried Unseld, eine Kalenderbinse der Kategorie Immer radikal, niemals konsequent (Walter Benjamin), erfüllt sich prophetisch (self-fulfilling prophecy) in Blythes Dasein. Vermutlich wäre einer schlimmen Kindheit nichts Ärgeres nachgekommen, wenn Blythe als dichtende Schlaffi in einem aussitzenden Alltag überwintert hätte. Blythes elementare Defizite schreien nach Nische, Winkel, Ghetto. Die miese Indolenz des Vaters und die furiose Abgängigkeit der Mutter erklären vieles. Allein, was hilft es? Blythe muss sehen, wo sie bleibt. Hallo, ruft das Leben. Und dann, und so beginnt nämlich erst das echte Elend, stürmt Fox Connor im Strahlenkranz eines Glückspilzes um die Ecke und stellt wahnsinnige Behauptungen auf. Er hebt Blythe an. Ich glaube, so formuliert Audrain es sogar selbst. Die Angehobene rauscht auf. Huch, so viel positive Aufmerksamkeit; Blythe fühlt sich ausgezeichnet. Eben noch Nulpe und Niete, Lappen und Lusche - nun erscheint sie als Bringerin erster Güte. 

Wohlriechende Verlässlichkeit

Du sollst die Mama meiner Babys werden, bestimmt Fox. Die Geliebte entzückt Fox' doppeltes Begehren. Er will alles von ihr, so toll ist sie. Sie erfüllt zunächst alle Erwartungen als Eier legende Wollmilchsau im Gatter eines packenden Zugriffs. 

Ich will da verweilen. 

Fox himmelt gar nicht Blythe an, sondern ein Imago, ein Idol, eine von ihm erschaffene Figur. Er ejakuliert in den Himmel seiner Phantasie. Er prosperiert, prospektiert und projiziert.

Wo er ist, da ist Fülle. Wo sie ist, da verdorrt das Gras.

Im Gegenzug reagiert Blythe nicht nur auf Fox. Vielmehr fühlt sie sich magisch von dessen Familie angezogen. Die unter seelisch Verwahrlosten Aufgewachsene schärft das Connor-Gefüge mit seinen unerschütterlichen Grundmauern und einer absichernden Geschlossenheit der Verhältnisse. Die Connors schicken ihren Nachwuchs nicht in eine Geisterbahn erwachsenen Wahnsinns. Da herrscht Fürsorge. 

Blythe bringt Violet zur Welt. Im nächsten Atemzug der Erzählung zieht die Tochter den Stöpsel der Hoffnung, auch Blythe sei willkommen im Kreis der Gesegneten. Ein Kartenhaus der Fehleinschätzungen stürzt zusammen.  

Das Glück der Anderen

“Something is terribly wrong in this family.” Ashley Audrain

Eingebetteter Medieninhalt

„Wir schwingen im Rhythmus des Blutes unserer Mutter, noch bevor sie selbst geboren ist.“

Das Glück der Anderen zieht Blythe magisch an. Es macht sie zur Stalkerin. Sie beobachtet das neue Familienglück ihres Ex-Mannes, mit dem sie einst in einer verschworenen Gemeinschaft einen Seligkeitsgipfel nach dem nächsten erreichte. Nun zelebriert er das gelungene Leben in einer Hochform mit einer anderen Frau, einem Sohn aus dieser Verbindung und jener Tochter, die er von Blythe bekommen hat. Ashley Audrains Erzählmanier legt die exzentrische Formulierung nah. Die Autorin schildert einen leidenschaftlichen Vater voller Erzeugerstolz.

*

Blythe sitzt im Auto und betrachtet die bis zum letzten Detail inszenierte Alltagsszene durch raumhohe Panoramafenster.

Der Mann performt Perfektion. In einer Lage zwischen Dompteur und Dirigent tanzt er am Plattenspieler. Selbstverständlich schwört so ein Feinschmecker des Lebens auf Vinyl. Im Weiteren kommt es zu pointillisierter Ehepaarerotik im Ornat der Vollständigkeit mit Tochter und Sohn in Partner:innen-Plaid Shirts.

Die Geschwister erscheinen herausgeputzt und die Erwachsenen märchenhaft mühelos.

Violet war ein Wunschkind, dem Blythe unbedingt die liebevolle Mutter sein wollte, die sie selbst entbehrte. So wie bereits ihre Mutter im kalten Liebesentzug aufwuchs.  

„Eines Tages wirst du das verstehen, Blythe. Die Frauen in dieser Familie sind anders.“

Vorrübergehend hatte Violet schon einmal einen Bruder, der im Roman-Jetzt lange tot ist.

Kalter Liebesentzug

Ikonografisches Stilbewusstsein/Scheusalmutter

Blythe sitzt im Auto und stalkt eine bis zum letzten Detail inszenierte Alltagsszene durch raumhohe Panoramafenster. Die Lichtgestalt im Mittelpunkt des gleisend hellen Geschehens ist Blythes Ex-Ehemann Fox Connor. Der Zampano des Formwillens verwirklicht sein ikonografisches Stilbewusstsein in einer Choreografie mit Familie. Zum Ensemble gehört Violet. Die Tochter stammt aus der Verbindung mit Blythe.

Die leibliche Mutter betrachtet sich selbst als Opfer einer Scheusalmutter.

Garantierte Herzensangelegenheit

Ashley Audrain erzählt eine furchtbare Geschichte in elegischen Rückblenden. Der Anfang aller Verwerfungen liegt in einer wie Perlmutt schimmernden Vergangenheit. Blythe und Fox begegnen sich als Studierende im Zustand der Gnade. Sie heben sich gegenseitig an in einem Exklusivitätsverhältnis. Eine Beziehungsschieflage ergibt sich aus der Umsicht guter Eltern auf der Connor-Seite. Auf Blythes Seite ist nichts gut. Der Vater verknattert im Unterholz der Unzulänglichkeit. Die Mutter hat sich vor langer Zeit von der Familie verabschiedet.  

Blythe täuscht intakte Herkunftsverhältnisse vor. Die Immoralität der Eltern stellt sie vor unlösbare Rätsel. Ihr fehlt das Zerebralsystem der Intimität mit all seinen Feinheiten und kleinsten Verästelungen. Wer in der umfassenden Liebe vollständig aufgehoben aufwächst, übernimmt mit dem Bananenkuchenrezept der Großmutter ein Verfahren der Weltgewandtheit, das Fox selbstverständlich beherrscht – und Blythe genauso selbstverständlich entbehrt.

Das ist die Spielanordnung. Blythes Defizite erscheinen klein in der Nähe des Big Spender Fox. Es verdunkelt die Welt, sobald sich der Gesegnete abwendet.

Ich sage es noch einmal anders. Fox war schon reich, bevor er Blythe traf. Blythe hatte nichts, bis Fox sie reich machte.

Fox will Architekt werden, Blythe Schriftstellerin. Fox träumt davon, Babys mit Blythe zu haben. Er sagt seiner Liebsten eine grandiose Zukunft als Mutter voraus.

Blythe sonnt sich in dieser Erwartung. Sie zweifelt aber auch. Ihre Großmutter Etta verweigerte Blythes Mutter Cecilia die Versorgung als garantierte Herzensangelegenheit. Audrain beschreibt eine transgenerationale Störung landläufig als natürlich begriffener und automatisch zustande kommender Verbindungen. Blythe fühlt sich von Violet beim Schreiben gestört, während das Kind mit einem verstörenden Repertoire auf die absurde Mutter reagiert.

Unerträgliche Heimlichkeit

Eine Frau wirft ihrem Kind dessen Geschrei vor. Sie erlebt den Protest als „Verrat“; als sei Mutterschaft nicht nur die Trägerrakete zu einem Mond neuer Möglichkeiten in der Konsequenz neuer Verknüpfungen, sondern auch ein Hort mütterlicher Selbstverwirklichung. Ashley Audrain beschreibt bizarre Phänomene verfehlter Mutterschaft auch am Beispiel von Blythes Mutter Cecilia, die im kalten Liebesentzug aufwuchs.  

Wir erinnern uns.

In der Romangegenwart stalkt Blythe das Leben ihres Ex-Mannes Fox Connor, der in zweiter Ehe eine gelungene Familie an den Start gebracht hat, unter anderem mit Blythes Tochter Violet. In dem Mädchen arbeitet ein problematisches Erbe. Sie steht am vorläufigen Ende einer desaströsen Entwicklung. Audrain Ashley setzt Violets liebesunfähige Urgroßmutter Etta an den Entwicklungsanfang. 

Mit Etta begann das Familienelend.    

„Irgendwann war jedem klar, dass Etta unaufhaltsam davonglitt. Sie hatte aufgehört zu kochen und aufgehört zu essen. Sie hatte inzwischen so ziemlich mit allem aufgehört.“

Noch mal von vorn

“I had nothing when I met you, and you so effortlessly became my everything.”

So bringt Blythe ihr Verhältnis zu Fox auf den Punkt. In der Vorläufigkeit des beruflichen Anlaufs begründet Blythe jede Krise mit den gestörten Verhältnissen in ihrer Herkunftsfamilie. Die angehende Schriftstellerin fühlt sich dann aber auch von Violet beim Schreiben gestört, während das Kind mit einem verstörenden Repertoire auf die ambivalente Mutter reagiert.

Das ist der Diskussionsstand von gestern. Gucken wir uns noch einmal die Ehe von Blythe und Fox an. Belastet wird sie vom Tod des zweiten Kindes - Sam. Blythe erkennt in dem Verlust des Sohnes einen Riegel vor dem Familienglück. Ihr Leben kann jetzt nicht mehr gelingen. Nennen Sie es einen abergläubischen Vorsatz. Auch Fox läuft aus dem Ruder und geht seiner Wege mit einer für Blythe unerträglichen Heimlichkeit. Sein prüfender Blick, wenn sie aus dem Bad kommt, mit Brüsten, „die diese Kinder leer gesaugt hatten; die zotteligen Schamhaare, die seit Jahren nicht mehr getrimmt worden waren“.

„... vor den Augen eines Mannes, der etwas Besseres, Jüngeres, Festeres hatte, das er anschauen konnte. Ich stellte mir vor, dass ihre Haut glatt war ...“

Muss ich weiterreden? 

Es folgt der Trennungsvollzug. Blythes Position bestimmen Nachteile. Sie verliert nicht nur gegen eine jüngere Frau. Vielmehr bricht die Katastrophe über sie hinein, dass Violet als Vertraute ihres Vaters nun tatsächlich zur Verräterin und Spionin im geschrumpften Haushalt wird.

Violets Erwartungen richten sich nicht auf die Mutter. Violet prospektiert den potenten Haushalt, in dem bald, halten Sie sich fest, ein Sohn das Ensemble erweitert. Fox nutzt seine zweite Chance. Er macht (mit Gemma) einfach da weiter, wo es mit Blythe nicht mehr weiterging. 

Aus der Ankündigung

Violet ist ein Wunschkind, und Blythe möchte die liebevolle Mutter sein, die ihr selbst so sehr fehlte. Doch als man ihr das Neugeborene in den Arm legt, fühlt sich alles falsch an. Da ist nur Ablehnung, und je älter das Mädchen wird, desto mehr wächst die Angst vor Violet und ihrem feindseligen Verhalten, das sich Blythe nicht erklären kann. Alles nur Einbildung? Oder ist das Mädchen tatsächlich absichtsvoll böse? Fox, der seine Tochter von ganzem Herzen liebt, beobachtet seine Frau mit wachsendem Misstrauen. Bis eines Tages das größtmögliche Unglück über die Familie hereinbricht – und Blythe sich ihrer Wahrheit stellen muss.

Wenn man sein Kind bedingungslos lieben möchte, aber die Angst das überwältigendere Gefühl ist. »Der Verdacht« erzählt von schicksalhaften Familienbanden, von Obsession und der Zerbrechlichkeit von Glück – ein zutiefst aufwühlender Roman von großer Sogkraft, erschütternder Klarheit und stilistischer Brillanz.

»Man kann diesen durch und durch originellen Roman nicht mehr weglegen - ›Der Verdacht‹ zeigt uns die dunkelsten Momente von Mutterschaft auf.«

Bestsellerautorin Kristin Hannah (14. August 2020)