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25.03.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Auf der Kriechspur des Laienpfusches

Riviera Joyce verkörpert den Typus der Drehtürpatientin. Die Psychiatrie ist ihr zweites Zuhause. Die Versierte verfügt über ein klinisches Vokabular auf der Kriechspur des Laienpfusches. Sie kennt viele Krankheiten in- und auswendig. Die Krankheiten erscheinen ihr wie Lebewesen der tückischen Art.

Jedes Geräusch lässt Riviera aufhorchen. Jede Person erschreckt sie.

Die Depressive legt ein Mosaik vorläufiger Endpunkte. Von einer Begegnung in Palermo weiß Riviera in der retrospektiven Betrachtung, dass sie das Treffen bereits abgesprengt absolvierte.

Im Flur von Revieras Refugium verstauben Pfandflaschen. In einer Ecke stapelt sich Altpapier. Riviera ist noch zu jung, um in einer aufgeräumten Wohnung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu stoßen. Die Einraumnot- und Zwischenmietlösungen sind in jedem Fall nur Transitstationen und so völlig vorläufig wie der Ehemann und die Liebhaber, mit denen die Heldin ihre Depression vergeblich bekämpft.

An guten Tagen

trägt Riviera das Haar vorgeblich nachlässig hochgesteckt, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigt. Sie hat dann einen Mordsschritt. Dann hallen die Clocks. Weiße Schlaghosen sorgen für eine maritime Note. Riviera präsentiert sich in einem Wellenganglook mit der Ansage: Ich bin keine Touristin.  

Man kennt Riviera in Flattersachen, in Leinen und Wolle, mit signalroten Lippen; so geht sie zum Metzger, so kompromisslos anti-vegan. Piet Lauritz bewundert die Seltsame seit seiner Kindheit in der Art, wie man früher heimische Film- & Bühnenstars verehrte.

Riviera nimmt ihre Prise Bewunderung mit aus der Metzgerei. Sie wechselt zum Grööngood-Xuan; der Gemüse vertickende Nachfahre eines jener Dschungelkrieger des Việt cộng, die auf den Pfaden der sozialistischen Bruderhilfe via Rostock und Kasernierung nach Stralsund gelangten, zählt sich geschmeichelt zu den Handlanger:innen der Ostsee-Mafia - den Panntjefiskes.

„Als die DDR Geschichte wurde, waren die Vietnames:innen mit rund 60.000 Menschen die größte Gruppe von Ausländern im ehemaligen Arbeiter:innen- und Bäuerinnenstaat. Bereits Mitte der 1950er-Jahre nahm die DDR im Rahmen von Solidaritätsprogrammen Vietnames:innen auf. Der Höhepunkt wurde allerdings erst mit den so genannten Vertragsarbeiter:innen Ende der 1970er-Jahre erreicht.“ Aus MDR Zeitreise (Die grammatische Geschlechtergerechtigkeit wurde von der Team-Tuschick- & der Texas Ranger:innen-Redaktion hergestellt.) 

Gleich mehr.