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29.03.2021, Jamal Tuschick

Das XX. Jahrhundert hat uns historisch gestimmt und uns die Mystik ausgetrieben. Das sagt sinngemäß Adam Zagajewski.

„‚Yin’ und ‚Yang’ sind ... keine ‚Kräfte’, sondern von der ‚Kraft’ (‚Qi’) erfüllte ‚Energien’, die beide entgegengesetzt sind und zusammen gehören“, sagt Horst Tiwald. Mit den Einfassungen von Yin und Yang und Qi erklärt der Forscher in der Gegenwart der Niederschrift, dass er den nicht wissenschaftlich abgeklärten Gehalt von Yin und Yang und Qi vorläufig nicht akzeptiert. Dies im Sinn von Keith Kernspechts (Tiwalds Einsichten nachfolgender) Feststellung: „Wer von ‚Qi’ reden muss, um zu erklären, was er erfolgreich macht, hat nicht verstanden, was er so gekonnt tut.“

© Jamal Texas Tuschick

Alpiner Trotz

Das Bergler-Elend findet in einer Postkartenlandschaft statt. Schon stürmen wieder Tourist:innen die Almen, während die Aarents' in alpinem Trotz aus- und durchhalten

Annerl Aarents wird als Tochter eines Bergbauern und Holzfällers im ersten Kriegsjahr geboren. Es gibt eine ältere Schwester, die übrigen Geschwister entstehen bis Fünfundvierzig in den Frontferien des Vaters. Vier Jahre nach der großdeutschen Niederlage kehrt ein in russischer Kriegsgefangenschaft erloschener Mann heim zu einer verbrauchten Frau und darbenden Kindern, die nichts mit ihm anfangen können. Der Verstummte spannt sich in ein Tagwerk, bis ihm ein Holzstoß ins Kreuz fährt und er für immer ausfällt.

Das Bergler-Elend findet in einer Postkartenlandschaft statt. Schon stürmen wieder Tourist:innen die Almen, während die Aarents' zwischen Fassungslosigkeit und Erstarrung in alpinem Trotz aus- und durchhalten. Manche Nachbar:innen leben mit ihrem Vieh zusammen, das sie im Winter wärmt. Die fundamentalistisch patriarchalischen Bergkamerad:innen verkarsten in unerbittlichem Materialismus vor malerischen Ansichten.

Annerl verliebt sich zur rechten Zeit in einen Ansehnlichen. In der Larve eines Zimmermädchens wird sie zum ersten Mal schwanger. Annerl erklärt einen Invaliden, der sein Glück kaum fassen kann, zum Kindsvater. Der mehr als einmal dem Tod soeben von der Schippe gesprungene Knecht wehrt sich auch dann noch nicht gegen die Vereinnahmung, als ihm seine Rolle als Depp vom Dienst aufgeht. Er tut auch sonst das Richtige in der Logik verquerer Verhältnisse.

Jahrzehnte später erzählt Annerl von ihrer List ohne Verzierung und Psychologie; bar jeden Unrechtsbewusstseins. Sie verzichtet grundsätzlich auf Erklärungen und Entschuldigungen. Dazu war ihr Leben zu hart. Der geheiratete Knecht hätte als solistische Randfigur gewiss eine Chance gehabt, alt zu werden. Als in jeder Hinsicht Überforderter verschleißt er in Rekordzeit. Annerl geht sturmfest in die Ehe mit dem grobschlächtigen, vor Gemeinheit triefenden Bauern Baldur Bremseisen. In dieser Presse wird die ganze Person schroff wie ein Fels.

Annerl fehlen Reserven aus dem Fett der Trägheit. Jeder Tag erschöpft sie bis zur Ohnmacht. Trotzdem bewahrt sie sich wunderbar in der Liebe zu ihren Kindern und den Tieren. Der böse Baldur stirbt beizeiten. Die Dinge beginnen sich gnädig zu fügen.