MenuMENU

zurück zu Main Labor

30.03.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Renegatin der Indifferenz

Gilda Elğızılik-Úluburun, Sprossin einer Dynastie glaubensbequemer Fischer:innen, wird Pastorin aus Protest gegen den blinden Furor der Natur. Ein Sturm entwurzelte die Kirche ihrer Geburtsgemeinde. Ein ästhetischer Reflex macht Gilda zur Renegatin der Indifferenz. Doch wirkt sich die ursprüngliche Prägung zum Nachteil der Überzeugungskraft aus. Gildas Predigten schläfern die Schäfchen ein. Die Geistliche macht Lyon zum Schauplatz ihrer Lethargie. Ihr Mann ist so krekel wie sie matt. Achtundsechzig geht er auf die Barrikaden. Gilda versucht Schritt zu halten, mit fatalen Folgen. Sie politisiert sich falsch und verirrt sich in einem Widerstand gegen die außerparlamentarische Opposition, der ihre Ehe an einen Abgrund führt. Die lebensmatt-reaktionäre Pastorin entzieht sich dem politischen Lärm nach Beansland. Da trifft sie Anton Obama Smith.   

Sagenhafte Hohlräume

In Millerville, der Hauptstadt von Beansland, leben nur Versprengte; isolierte Außenseite:innen; verkommene Raucher:innen, die unter widerlichen Wiederholungszwängen stehen. In der Gegend tun sich sagenhafte Hohlräume unter einer erdgeschichtlich verwüsteten Oberfläche auf.  

Gilda geht die Luft nun ganz aus. Die ohnehin lächerliche Würdenträgerinnenfassade bröckelt erst, dann bricht sie. Zum Vorschein kommt eine Zockerin, die durchaus abgefeimt agieren kann, wenn sie sich denn unbewacht fühlt. Die Millerviller scheren sich einen Dreck um Religion. Für sie ist Gilda eine fähige Falschspielerin, deren Talente Bewunderung verdienen. Sie führt Tagebuch, deshalb hat die Nachwelt davon Kenntnis.  

Raus aus dem Russ

Die Aufzeichnungen einer bodenständigen Migration pfählen Episoden aus dem Gefängnis. Gilda sieht ein zünftig-martialisches Rollschuhkillerspiel in der Knastarena und erfährt, wie weit weg sie von den Erleuchtungen dieses Sports dahinvegetiert. Zum Vorwurf macht ihr eine Zellengenossin, die biedere Imkerin Honolulu Moufette, dass Gilda keine Geburtsbeansländerin ist.

Ungeschützter Augenblick

Nach ihrer Entlassung zieht Gilda nach Istanbul, wo sie zur Göttin der Mängel einer Wohnmaschine mit Residenzcharakter und den Ausmaßen eines Ozeandampfers wird. Nun ergreift Wyoming Bögs von der vielseitigen Hausmeisterin Besitz. Die Aura des doppelgesichtigen Halbilisers (mit einem türkischen Vater) gleicht einer ungeschützten Begegnung des Augen- mit dem Sonnenlicht. Die Helligkeit macht dich blind. Gleichzeitig zieht ein Farbgewitter über deine Netzhaut. Schläft Gilda mit Wyoming, weiß sie nie, ob sie von einem Iliser aus Sárgarépa oder von einem Türken aus Çayırlı erkannt wird, der ebenso gut ein Kurde oder ein Armenier oder eine zazaische Person sein könnte.