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31.03.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Von Dana Grigorcea

Mein Aquarium

Im Januar 2020, noch vor Pandemie und Lockdown, erfüllte ich mir einen Kindheitstraum und beschaffte mir für unsere Wohnung ein 120 Liter fassendes Aquarium, und zwar eines mit allem Drum und Dran: Beleuchtung mit Zeitschalter, Sauerstoffpumpe, blaue Hintergrundfolie, schwarzes Vulkangestein, darauf weisses Lochgestein, eine Mangrovenwurzel und ein Paradies aus wehenden Wasserpflanzen mit sprechenden Namen – von den Limnophila sessiliflora über Javamoos bis zu den roten Rotala wallichii.

Nach dreiwöchiger Karenz für die Sauerstoffanreicherung und die korrekte PH-Balance sowie nach ausgiebiger Lektüre zu ethisch tragbarer Beschaffung nicht-heimischer Lebewesen und deren artgerechter Haltung setzte ich mit grosser Aufregung die ersten Tiere im Aquarium aus: schwarze Stahlhelmschnecken, die an der Scheibe ihr riesiges Mundwerkzeug öffneten, lange Felsenschnecken, die einmal für sich sein wollten, dann wieder einander suchten, und Zebra-Apfelschnecken mit langen Fühlern, die sie beim Hinabgleiten durchs Becken sanft wie Flügel bewegen. Nach und nach sind rote Sakura- und Yellow-Fire-Garnelen dazugekommen, deren Fortbewegung in gewellten Bahnen, den Hinterteil schwingend, etwas Pferdhaftes hat, quirlige, zänkische Endler-Guppys, scheue Galaxy-Bärblinge, silbern gepunktet, und, die sympathischsten von allen: marmorne Zwergpanzerwelse, sorgsam im Umgang miteinander und mit den anderen Aquariumsbewohnern, gesellige Fischchen, die aneinander streifen und sich liebend gerne zusammen, mit halbgeschlossenen Augen, auf einem Blatt wiegen.    

Meinen Ohrensessel, auf dem ich lese, habe ich zum Aquarium gerückt, und wenn ich von meinem Buch aufschaue, verliert sich mein Blick in dieser wundersamen Unterwasserwelt.

Das erste Aquarium meines Lebens bekam ich als Kind von einem dicken Mädchen geschenkt, das Rivka hiess und meine Freundin sein wollte. Es waren die achtziger Jahre im kommunistischen Bukarest, und ich erinnere mich nicht, dass wir Tierhandlungen gehabt hätten. Rivka aber besass Meerschweinchen und zwei Aquarien und hatte eine Grossmutter, die ihr unentwegt hinterherlief, für den Fall, dass Rivka etwas essen oder trinken wollte. Nur Freunde hatte sie keine. Wir gingen zusammen zur Schule, ihre hübsche Schwester Ava war vier Jahre älter. Bei den Schneeballschlachten zielten alle Jungen auf Ava, und ihre Mädchenclique verteidigte sie. Jemand hatte meinen Eltern erzählt, dass, als die Mutter der Mädchen den Vater verliess, sie nur Ava mitnehmen wollte. Rivka habe sie dem Vater überlassen und er sie seiner alten Mutter.

Ob ich ein grosses Aquarium mit schönen Pflanzen und knalllbunten Fischen haben wolle, fragte mich eines Tages Rivkas Grossmutter.

Sie lud mich zu ihnen ein, kochte ausgiebig, gleich zwei unterschiedliche Desserts, und liess Rivka die Meerscheinchen vorführen und die Fische, auch brachten sie mir das Kartenspiel „Pinnacle“ bei. Ich mochte Rivka, sie war gar nicht so scheu wie in der Schule, wir übertrafen uns im Witze erzählen, und ich dachte für mich, dass ich in der Haut ihrer Mutter auch sie mitgenommen hätte, nicht nur Ava, die wahrscheinlich gar nicht so viel lachte. Am Abend begleitete mich Rivka mit ihrer Grossmutter und dem geschenkten Aquarium nach Hause.

Ich sehe es vor mir, das dicke, milchige Glas meines ersten Aquariums, der darin schwimmende Pflanzenstengel und die Fische mit ihren farbigen Schwänzchen. Ich unterschied sie nach ihrer Farbe, gab ihnen Namen. Stundenlang sass ich über das Aquarium gebeugt, und wenn ich nach der Schule Rivka traf, unterhielten wir uns lange über unsere Fische, sie wollte mir auch ein deutsches Buch über Zierfische besorgen.

Über einen Bekannten gelang es meinem Vater, zwei rote Fische beschaffen, die er mir feierlich ins Aquarium legte. Kaum im Aquarium, schwammen sie mit merkwürdig eckigen Bewegungen, das Wasser wallte sich an der Oberfläche, und wir sahen, viel zu spät, dass sie den anderen Fischen die Schwänze abbissen und sie schliesslich auffrassen.

Einige Tage später schwammen auch die roten Fische tot an der Wasseroberfläche.

In der Schule ging ich, aus Verlegenheit, Rivka aus dem Weg, und wenn ich sie auf mich zukommen sah, lief ich davon ...

Manchmal, beim Betrachten meiner marmornen Zwergpanzerwelse, denke ich noch an sie.

Wir hätten uns damals bestimmt gut verstanden.