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31.03.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Mineure des Überlebens

Es ist Sommer, einer jener ewigen Sommer, die das letzte Jahrtausend in die Länge ziehen

In einer verödeten Gegend an der Grenze zu Spanien folgen Desperados einem unterirdischen Pfad des Überlebens. Ohne soziale Absicherung arbeiten sie in dem Nachbarland und bewahren als Pendler:innen ihre französischen Gemeinden davor, Wüstungen zu werden. Sie retten hier eine Schule, in der sie sich selbst gelangweilt haben, und da eine Bäckerei, die ihnen einmal als verheißungsvoller Ort erschienen ist. Mitten in Europa existieren sie an einem Rand. Ihre Klasse gibt es in keiner positiven Betrachtung mehr. Sie konkurrieren mit Migrant:innen. In diesem Wettbewerb sind sie sich selbst so fremd geworden, dass sie ihren Töchtern und Söhnen außer Plattitüden fast nichts mehr zu sagen haben.

Die unerzogenen (und ratlosen) Nachkommen der Verlierer:innen ästhetisieren ihre Wut. Performative Akte schützen sie in einer Gemeinschaft, die ihre Verfassung verloren hat. Früher arbeiteten die Eltern an Hochöfen und ihre muskulöse Genügsamkeit stellte einen gesellschaftlichen Wert dar. Jetzt hilft Beluga Brice ihrer Mutter, die (nach Jahrzehnten im Stahlwerk) als Gabelstapelfahrerin ihre letzte solide Beschäftigung hatte und nun nur noch die Anwesen der wenigen Vermögenden vor Ort in Schuss hält.  

Ich schildere gerade ein Milieu, in der Selbstachtung für viele ein Phantasieprodukt ist. Jahrhunderte hing die Achtung der Armen von Arbeit ab, von schweren gemeinschaftlich begangenen Tätigkeiten, die einen typischen Tagesablauf erzwangen; eine Gleichheit der Verhältnisse, die den Gemeinschaftssinn anspornte und Traditionen stiftete. Die Lebensentwürfe wurden vererbt. Man kam zwar nicht über seine Klasse hinaus, fiel aber auch nicht aus dem Rahmen. Man war, was der Großvater schon gewesen war, ob Steiger oder Stauer. In der Gegenwart haben die sich durchschlagenden Eltern nicht einmal mehr den Fetzen eines Lebensentwurfs für ihre Kinder.

Beluga lebt in einer Wildnis. Sie treibt kriminellen Aufwand, vielleicht auch nur Unfug. Sie lässt sich das Moped ihrer Mutter klauen; von Hatice, die der große Gamechancer als Gegenspielerin mit Migratinnenhintergrund aufbaut und dann beinah klischeehaft zum Einsatz kommen lässt.  

Schauplatz der Tristesse ist Punville, eine Stadt an einem See und in einer Senke. Es ist Sommer, einer jener ewigen Sommer, die das letzte Jahrtausend in die Länge ziehen. Die Ereignisse, die uns gerade interessieren, beginnen Anfang der 1990er-Jahre mit einer Bandenbildung, die Beluga einschließt und Hatice außen vor lässt; manchmal ist es so einfach. Sie zieht sich durch das Jahrzehnt und kennt nur meine Lieblingsjahreszeit. Im ersten Sommer ist Beluga vierzehn. Sie orientiert sich an einer älteren Cousine auf eine nachlaufende Weise. Verliebt ist sie in Tiger-Jane, die das Randale-Kücken immerhin niedlich findet. Tiger-Jane selbst himmelt das megasüße Arschloch Nadeschda an.

Wegen des geklauten Mopeds sieht sich Beluga genötigt, energisch zu werden. Erst zielt sie mit einer Pistole auf Hatice, dann spuckt sie der Diebin & Dealerin ins Gesicht. Ich deute eine beinah schwesterliche Verbindung an: Wie ihre Mütter werden auch sie keine Spur hinterlassen. Als hätten sie nie gelebt.