MenuMENU

zurück zu Main Labor

03.04.2021, Jamal Tuschick

Antifeudale Transformation

Man ver-dichtete verschiedene ethnische Gruppen zu einem Volk (dem mythisch überhöhten Volk der Griechen). Es regierte die Fremdzuschreibung in einer Kombination mit neuen, nämlich nationalstaatlichen Ideen. Die Ideen tauchten in irregulären Blutbädern, bis sie in der bürgerlichen DNA des 19. Jahrhunderts soweit verankert waren, das sie staatstragend wirkten und reguläre Truppen mental mobilisierten. 

*

Die Hellenisierung des neuzeitlichen Griechenlands (als einer geografisch höchst ungefähren Größe) ergab sich auch im Zug einer „antifeudalen Transformation“. Im Verein mit allen möglichen Idealisierungen führte man die antike Agora-Demokratie in den bürgerlichen Begriffskranz ein.

Die neobyzantinische Option

Sehen Sie ferner: Textland | Richard Schuberth - Aristokratische Euro-Gang

Im siebten Jahrhundert verlor das oströmische Reich Syrien, Mesopotamien, Nordafrika und viel von Kleinasien an den Islam. Konstantinopel musste Belagerungen widerstehen. Slawische Völker wanderten in den Peloponnes ein. Byzanz schien weder leben noch sterben zu können (Jacob Burckhardt) - und doch währte die römische Resterampe tausend Jahre. Tausend Jahre vergebliche instauratio imperii Romani. Byzanz hielt sein Leben der äußersten Verteidigung für Wert. Ja, es träumte von Wiedergewinnung des Okzidents noch, als es schon ganz und gar dem Orient anheimgefallen war. 

Richard Schuberth, „Lord Byrons letzte Fahrt. Eine Geschichte des Griechischen Unabhängigkeitskrieges“, Wallstein Verlag, 29,90 Euro  

Schuberths Analysen führen den Leser stets an den Punkt, wo ein profaner Prozess im Spektrum von Verdrängung und Neuaushandlung mit aufstockenden Formeln überformt wird. Jedes nationalstaatliche Narrativ basiert auf dem Mythos einer Abstammungsgemeinschaft in einem geografischen Tiegel. Wieder und wieder weist der Autor den fiktiven Aufwand nach, der sich im 19. Jahrhundert mit der Herausbildung von Nationalstaaten verband. Die 1821 eingeleitete griechische Empörung gegen die osmanischen Kolonialmacht, ging, so schreibt Schuberth, auf dem Territorium des heutigen Rumäniens los. Der Autor führt aus: „Die Bevölkerung der Donaufürstentümer war äußerst heterogen ... ihre Alltagssprache (integrierte) so viele slawische Lehnwörter und Wendungen integriert, dass man von einer slawo-walachischen Mischkultur ausgehen muss ... (da siedelten) Ungarn, Roma, christianisierte Turkvölker wie die Gagausen, die ungarischsprachigen Szekler und Csángos sowie Slawen mit unterschiedlichen Dialekten, mal welche, deren Worte eher serbisch klangen, mal welche, die man für Bulgaren halten konnte.“ Kurz gesagt, es gab keine ethnische Klammer, die Rumänen von anderen abgeschlossen hätte. Der Bevölkerungsgroßteil nahm die osmanische Dominanz als legitime Herrschaft wahr. Schließlich wirtschaftete man seit Jahrhunderten unter der Aufsicht von Potentaten, die sich ihre Macht in Istanbul geliehen haben.  

Was zuvor festgestellt wurde

Schuberths analytische Erzählung entfaltet einen wunderbar starken Sog. Dem Autor dient Lord Byron als Kulminationspunkt epochaler Ideen und Irrtümer. Ihm geht es nicht um die aristokratische Euro-Gang erlesenheitssüchtiger Ästhet:innen des Krieges. Schuberth kümmert sich kaum um jene malerisch verkleideten Akteure, die zwischen Scharmützeln mit dem Schmauch an ihren Fingern Skizzen von Wolken- über Felsreliefformationen anfertigten. 

*

„Die Flinte ist mein Pascha und mein Säbel mein Wesir.“  Aus einem Räuberlied

Der Osmanische Reichskahn krängt längst dem sprichwörtlichen Invaliden am Bosporus entgegen, als der Volksaufstand ohne Nationalbewusstsein losgeht. Das Gros der Aufständischen weiß nichts von Griechenland. Folglich fehlt den im Herrschaftsverständnis marodierenden Land- und Seeleuten der patriotische Impuls. Die Symbolpolitik im Rahmen der griechischen Fahnenweihe am 25. März 1821 im Kloster Agia Lavra ist ein elitäres Schwelgen im kleinen Kreis um den Metropoliten Germanos von Patras. 

Schuberth führt aus: Die Empörten widersetzen sich nicht der „Despotie einer Zentralmacht“. Sie leiden unter „der Anarchie eines erodierenden Großreiches“. 

Byzantinischer Kulturpool

Schuberth erklärt überzeugend, wie es dazu kam, dass ein Gebiet im ehedem oströmischen Reich, das Jahrhunderte osmanisch gestempelt war, zum Sehnsuchtsort eben auch der Deutschen wurde. Die Hellenisierung des neuzeitlichen Griechenlands (als einer geografisch höchst ungefähren Größe) ergab sich auch im Zug einer „antifeudalen Transformation“. Im Verein mit allen möglichen Idealisierungen führte man die antike Agora-Demokratie in den bürgerlichen Begriffskranz ein.   

Man ver-dichtete verschiedene ethnische Gruppen zu einem Volk (dem mythisch überhöhten Volk der Griechen). Es regierte die Fremdzuschreibung in einer Kombination mit neuen, nämlich nationalstaatlichen Ideen. Die Ideen tauchten in irregulären Blutbädern, bis sie in der bürgerlichen DNA des 19. Jahrhunderts soweit verankert waren, das sie staatstragend wirkten und reguläre Truppen mental mobilisierten. 

Bis dahin begegneten sich Konfessionsgemeinschaften und (einer Herrschaft gemeinsam) Unterworfene nicht unbedingt mit der Vorstellung, in einem ethnischen Definitionsrahmen zum Schulterschluss aufgerufen zu sein. 

Wie entstanden aus Sprachgemeinschaften Schicksalsverbände?

Dieser Frage geht Schuberth nach. In seiner Auslegung gab es keine ethnische Kontinuität und Geschlossenheit in den Innovationsprozessen auf jenem Territorium, das westliche Beobachter:innen als die Wiege der abendländischen Kultur feierten. Aufsteiger:innen und Spitzenreiter:innen wechselten sich ab, ohne je aus dem byzantinischen Kulturpool zu schöpfen. Echte Griech:innen fand man allenfalls noch als migrantisch Versprengte auf Sizilien.   

„Sie stellten unmittelbare Nachkommen der altgriechischen (Siedler:innen) beziehungsweise hellenisierter Menschen und byzantinischer Griechen dar ... Pontosgriechen hatten mit ihren lazischen (also Georgisch sprechenden) und türkischen (Nachbar:innen) mehr gemeinsam als mit den europäischen (Griech:innen).“ 

Byzantinischer Kulturpool

Als Retrokausalität bezeichnet man Wirkungen die ihren Ursachen vorauseilen. Richard Schuberth legt so gründlich wie anschaulich dar, dass der sogenannte griechische Freiheitskampf gegen die osmanische Vorherrschaft zwar all das nicht war, was man ihm landläufig nachsagt, aber trotzdem als (auch in negativer Hinsicht) vorbildliches Beispiel für eine nationalstaatliche Emanzipation nach den Spielregeln des 19. Jahrhunderts begriffen werden kann. Eine kaum konzertierte, super poröse, bizarre Blüten ausbildende Allianz lokaler Identitäten wirkte in der retrospektiven Betrachtung wie die Erhebung der Griechen gegen die Türken mit dem Ziel nationalstaatlicher Autonomie*

Man muss Schuberth lesen, um nicht länger  falsche Allgemeinplätze zu diesem Thema breitzutreten. Es ging überhaupt nicht um eine ethnische Kommunion auf dem Sockel eines Homogenitätsphantasmas. Konfessionelle Gemeinschaften und Abgrenzungen spielten immerhin größere Rollen. Aber auch an dieser Stelle kam kein Widerstand unmittelbar aus einem religiösen Gegensatz. Katholiken, Orthodoxe und mitunter sogar Muslime traten gemeinsam an. 

*„Die Griechische Revolution (1821–1829), auch Griechischer Aufstand oder Griechischer Unabhängigkeitskrieg genannt, bezeichnet den Kampf der Griechen gegen die Herrschaft der Osmanen und für eine unabhängige griechische Republik. Das Bestreben nach Unabhängigkeit wurde zunächst vor allem aus taktischen Gründen von den Großmächten Frankreich, Großbritannien und Russland unterstützt. Der 25. März 1821 markiert den Beginn der griechischen Revolution und ist Nationalfeiertag in Griechenland.“ Wikipedia

Schuberth zitiert Noel Malcolm: „In nur dürftig von Priestern versorgten ländlichen Gebieten war das Christentum (welcher Art auch immer) wahrscheinlich wenig mehr als eine Handvoll volkstümlicher Bräuche und Zeremonien, die zum Teil Geburt, Hochzeit und Tod betrafen, zum Teil Unglück abwehren, (von) Krankheiten heilen oder für gute Ernten sorgen sollten. Vom volkstümlichen Christentum zum volkstümlichen Islam war kein großer Schritt.“

Schuberth bilanziert: „Da ihr Glaube Aberglaube war, Ritus und Magie, blieben ihnen auch die theologischen Streitpunkte der großen Konfessionen verwehrt.“

Folglich wurden die Kombattant:innen weder ethnisch noch konfessionell mobilisiert. 

Was trieb sie dann?

Jedenfalls nicht die Idee von einer Restauration des Oströmischen Reichs, mit der sich vereinzelt Akteure in den Kampf ziehen ließen. Russische Agent:innen versponnen den Restitutionskitsch mit einer Intrige, die im 18. Jahrhundert wenigstens eine Erhebung auslöste. 

Schuberth bezeichnet „ethnisch beglaubigte Banditengesellschaften ... (als) militärisches Rückgrat“ der Revolte. Die Outlaw-Communities rekrutierten sich zumal aus albanischen und montenegrinischen Bergstämmen, denen Sagenhaftes nach den Figurationen im Robin-Hood-Mythenkranz angedichtet wurde.  

Bulgaren, Albaner, Armenier und Griechen kämpfen gemeinsam gegen die osmanische Suprematie und so auch gegeneinander in burlesken Bündnissen.  Involviert sind walachische Nomaden, Klephten, Phanarioten, die Mönche des Athos, Akteure der walachischen und moldawischen Hospodaren-Regimes, anti-osmanische Janitscharen-Warlords und Aktivist:innen der „kommerziellen Wiener (Griechen-Communauté)“.
Mit seinen malerischen Aufzählungen weist der Autor unermüdlich darauf hin, wie wenig nationalstaatlich gestimmt die Aufständigen von 1821 waren. Schuberths Sendungsbewusstsein bricht durch. Er feiert Rigas Feraios aka Rigas Velestinlis (1757–1798), der bereits im späten 18. Jahrhundert einen „multikulturellen Republikanismus mit sozialistischem und feministischem Antlitz anstrebte“. 

Die neobyzantinische Option

Falls Sie Feraios' Salóni-revolutionären Attitüde weniger abgewinnen können als der Autor, biete ich Ihnen einen Blick auf märchenhaft-martialische Alpinist: innen. Kein Karl May kann sie sich besser ausdenken. Die Bergbrigant:innen illustrierten Verwegenheit. Sie verwahrten ihre Pistolen in köcherartigen Holstern und waren außerdem jederzeit mit jeder Menge kaltem Eisen versorgt. Schuberth zitiert einen Kundigen, dem das aufwendige Waffengehänge nur bewies, dass es sich in keinem Feldzug je bewährt hatte; so schwer und schweißtreibend wie es nun auf seinen Träger:innen lastete. Folglich war man nicht nur RäuberIn, sondern schilderte auch eine(n) mit der eigenen Person. Effizienz geht anders. Da scheint viel Vormodernes im Spiel gewesen zu sein. Die europapolitischen Majorplayer:innen vom Schlage eines Metternichs hielten die griechischen Partisan:innen für bewaffnetes Gesindel; im Ganzen für schiere Kanaille, mit der sich kein amikaler Umgang empfahl. 

Wenn schon keine Griechen, dann wenigstens in Griechenland. Aber nein ... Schuberth fragt sie: 

„Warum brach die griechische Revolution im heutigen Rumänien aus und nicht in Griechenland? Eine Frage, die unser aller national formatiertes Weltbild bezeugt. Denn Griechenland war zum Zeitpunkt der Erhebung bloß eine Idee.“

Aus der Ankündigung

Der Aufstand gegen das Osmanische Reich und die Geburt der griechischen Nation - erzählt als Tragikomödie.

Der Griechische Unabhängigkeitskrieg (1821-29): eine Rebellion, bei der nichts so war, wie es schien. Er zog tausende Philhellenen aus allen Teilen Europas an: Schwärmer, Narren, Hochstapler, Gauner, Idealisten - unter ihnen der Dichter Lord Byron. Vor Ort zerschellten ihre Illusionen an der griechischen Realität: Der »Freiheitskampf« wurde von Banditenbanden, Warlords und Großgrundbesitzern geführt, die muslimische und jüdische Bevölkerung wurde in den ersten Kriegsmonaten ermordet oder vertrieben, die Osmanen verwalteten lediglich ihr erodierendes Reich und die britischen Kreditgeber agierten als eigennützige Spekulanten. Richard Schuberth erzählt die Geschichte des Krieges in scharfer Abkehr von nationalen Deutungen - als epische Tragikomödie, die vor allem zu unvorstellbarem Leid der Bevölkerung führte. Seine Studie zeigt die verschiedenen Facetten des Krieges und seiner Protagonisten auf und deutet den Konflikt als »Nabelbruch der Moderne«, in dessen Verlauf viele Topoi und Ideologien unserer Zeit ihren Auftritt hatten: Seien es Medienpropaganda, Orientalismus oder Nationalismus.

Richard Schuberth, geb. 1968 in Ybbs an der Donau, studierte Kulturanthropologie, Philosophie, Psychologie und Geschichte in Wien. Er verfasste Romane, Komödien, Essays, Aphorismen, Lyrik, Songs, Dreh- und Sachbücher. Veröffentlichungen u. a.: Bus nach Bingöl (2020); Narzissmus und Konformität (2018); Karl Kraus - 30 und drei Anstiftungen (2016); Bevor die Völker wussten, dass sie welche sind (2015); Chronik einer fröhlichen Verschwörung (2015).