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04.04.2021, Jamal Tuschick
Lob von Dana Grigorcea 
 
Lieber Jamal, 
 
es (ein Beitrag*) sieht gut aus! Danke sehr! Und Dein Blog stellt spannenden Lesestoff bereit. 
...
Herzlich
Dana 
 

Kalligrafisches Fragezeichen

„Kein Wort steht still, sondern es rückt immer durch den Gebrauch von seinem anfänglichen Platz, eher hinab als hinauf, eher ins Schlechtere als ins Bessere, ins Engere als Weitere, und an der Wandelbarkeit des Wortes lässt sich die Wandelbarkeit der Begriffe erkennen.“ Goethe

*

Solange wir Einfluss auf das Geschehen der Welt haben, entstehen aus Widersprüchen Räume. Adam Zagajewski liefert ein schönes Beispiel. Der Heranwachsende erwägt im Zustand der Befreiung von 1945 einen Rachefeldzug gegen die Deutschen.

„Als Kind hasste ich die Deutschen ... und schmiedete sogar Pläne eines schnellen militärischen Rachefeldzug.“

Gleichzeitig lässt er sich von deutschen Literatur einnehmen. Die Kontraktion erlebt er als einen erfreulichen Vorgang. Die intelligente Reaktion im Vergleich (zu einem stumpfen Verdammen im Rahmen einer falschen Widerspruchsfreiheit) möbelt ihn auf. Der Debütant entgeht der Fremdbestimmung in eigenwillige Verknüpfungen. 

„Unser Zentralnervensystem ist wie eine gigantische energetische Bibliothek, in der alles hinterlegt ist, was sich je in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ereignet hat.“ Thomas Hübl 

*

Rilke repräsentiert seine Epoche nicht. Vielmehr wirkt er abgeschnitten; gefangen in einem Kokon des Eigensinns. Zagajewski schildert ihn als „kalligrafisches Fragezeichen am Rande der Geschichte“.

Adam Zagajewski, „Poesie für Anfänger“, Essays, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Edition Akzente Hanser, 24,-

Der Essayist sieht einen Feind der Industrialisierung. Zagajewski spricht von dem Opfer, das Rilke mit eiserner Disziplin bringt. Der Dichter existiert in einem Wartesaal. Darin erwartet er die Ankunft seiner Gedichte, deren Natur er vorausahnt.

So schreibt ein Dichter über einen Dichter.  

Titanische Geltung

Der erste Vergleich trifft Goethe & Rilke. Der eine strotzt im Fett seiner Patriziergewissheiten. Er „erneuert die deutsche Einbildungskraft“. Der andere erfindet sich einen Stammbaum und erdichtet sich seine Bedeutung. Der Essayist wähnt Rilke auf einer „unbändigen Jagd nach Erfüllung“.

Geografie als Schicksal

Zagajewski bemerkt das Verhältnis von Peripherie und Zentrum auch in Goethes biografischer Geografie. Frankfurt und Weimar sind epochale Hotspots. Noch in der Topografie spiegelt sich Goethes titanische Geltung.

„Des Menschen Wohnung ist sein halbes Leben“ Goethe in einem Brief an den Maler und Freund Johann Heinrich Meyer, 30. Dezember 1795

„Im Haus am Frauenplan lebte und wirkte Goethe seit seinem Einzug als Mieter 1782 fast 50 Jahre lang. Für den Dichter und Staatsmann sowie seine Familie war es weit mehr als eine Wohn- und Arbeitsstätte: Die nach seinen Kunstidealen und vielseitigen Interessen gestalteten Räume dienten der Geselligkeit und dem kulturellen sowie wissenschaftlichen Austausch. Neben Handschriften und Büchern fanden hier auch Goethes stetig wachsende Kunst- und naturwissenschaftliche Sammlungen Platz.“  Quelle: Goethes Wohnhaus

Zagajewski schildert Rilke als Obdachlosen, jedenfalls Unbehausten bis hin zur geografisch marginalen Herkunft. Zwar wurde Rilke in Prag geboren. Doch wurde er da als Österreicher geboren. Auf der Achse Wien - Prag war Prag inferior, während Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main eine altweltliche Potenz ersten Ranges darstellte.   

Ich reite darauf nicht herum. Aber Zagajewski interessiert sich dafür. Goethe empfängt „Gäste aus den entlegensten Winkeln“; er hält Hof und er hält durch. Er hört nicht auf, präsidial zu wirken. Immer vor Kopf, stets in jedem Vorstand.

Rilke eiert vor sich hin. Er empfängt nicht, sondern muss selbst vorstellig werden und sich einladen lassen. Er ist „kein Minister wie Goethe. Kein Senator wie Yeats. Kein Diplomat wie Saint-John Perse“. Er begegnet auch keinem Staatsmann. Die Aristokrat:innen, die zu seinen Gastgeber:innen werden, sind die Nachkommen von Champions League Spieler:innen. Ihre Vermögen verbinden sich nicht mehr mit politischer Macht. 

Aus der Ankündigung

Adam Zagajewski, der große polnische Dichter, begibt sich auf die ewige, nie abgeschlossene Suche nach dem Wesen der Dichtung.

Adam Zagajewski, der große polnische Lyriker und Essayist, stellt in diesem wunderbar luziden Band für ihn wichtige Schriftsteller und Schriftstellerinnen in ein erstaunlich neues, zum Teil ganz persönliches Licht. Seine Essays über Czesław Miłosz, W.G. Sebald, Wisława Szymborska und viele mehr sind kleine Offenbarungen. Über das Werk, die Zeit und das Leben der Porträtierten. Aber auch über das eigene Schreiben und den Essay selbst, diese bedrohte Form, die wie keine andere die Beweglichkeit der Gedanken verteidigt. In feinster Prosa entspinnt Zagajewski seine Suche nach dem Wesen der Dichtung, nach ihren Bedingungen und ihrer Aufgabe.

Zum Autor

Adam Zagajewski, 1945 in Lemberg geboren und 2021 in Krakau gestorben, studierte Psychologie und Philosophie in Krakau. Er lehrte regelmäßig an der University of Chicago. Adam Zagajewski ist Autor zahlreicher Lyrik- und Essaybände sowie mehrerer Romane und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Eichendorff-Literaturpreis (2014), dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste (2015), dem Leopold Lucas-Preis (2016), dem Jean Améry-Preis für Essayistik (2016), dem Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur (2017) und dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (2019). Seit 2015 war Adam Zagajewski Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Bei Hanser erschienen zuletzt Verteidigung der Leidenschaft (Essays, 2008), Unsichtbare Hand (Gedichte, 2012), Die kleine Ewigkeit der Kunst (Tagebuch ohne Datum, 2014) und Asymmetrie (Gedichte, 2017). 2021 erscheint der Essayband Poesie für Anfänger.