MenuMENU

zurück zu Main Labor

04.04.2021, Jamal Tuschick

Von Helen Breit und Albert Scherr

"Junge Geflüchtete brauchen mehr Zeit"

© Jamal Texas Tuschick

Junge Geflüchtete mit unsicherem Aufenthaltsstatus fallen oft durch das soziale Netz. Was braucht es, um sie zu erreichen? Ein Gastbeitrag des Soziologen Albert Scherr und der Erziehungswissenschaftlerin Helen Breit. 

Der Beitrag erschien zuerst hier/Mediendienst Integration

Geflüchtete, die als Kinder oder Jugendliche – oftmals allein – nach Deutschland kommen, sind eine besonders vulnerable Gruppe. Viele von ihnen besuchen hier mit Erfolg die Schule, haben eine Arbeit und einen Freundeskreis. Aber es gibt auch einige Jugendliche und junge Erwachsene, die kaum eine Perspektive haben – ohne Qualifizierungen und oftmals ohne die Hoffnung, in Deutschland bleiben zu können und hier ein Leben aufzubauen.

Mediale und politische Debatten um junge Geflüchtete sind ambivalent. Einerseits geht es um ihre traumatisierenden Erfahrungen und darum, dass sie eine gute Unterstützung benötigen. Andererseits werden gerade geflüchtete männliche Jugendliche oftmals pauschal als Problemgruppe dargestellt. Bisher gibt es wenig Erkenntnisse zur Frage, wie stark junge Geflüchtete belastet sind und was die Gründe dafür sind.

In unserem Forschungsprojekt haben wir darüber mit jungen Geflüchteten und mit Fachkräften gesprochen, die mit der Gruppe arbeiten. Darunter Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen. Junge Geflüchtete, die in Problemlagen geraten, hatten nicht von Anfang an diese Schwierigkeiten, sagen die Fachkräfte. Oft führen die Umstände dazu. Sie stoßen auf sehr viele Hürden, die sie mit der Zeit entmutigen.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts des Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg haben Prof. Dr. Albert Scherr und Helen Breit junge Geflüchtete und Fachkräfte der Flüchtlingsarbeit in Baden-Württemberg interviewt. Die vollständige Studie finden Sie hier >>> Link zum Download.

Der Frust wächst, die Motivation sinkt

Bei der Ankunft in Deutschland sind junge Geflüchtete überwiegend sehr motiviert, die Sprache zu lernen, eine Arbeit zu finden und ihren Aufenthaltsstatus zu sichern. So berichten uns Sozialarbeiter*innen davon, dass viele junge Geflüchtete etwa mit großer Begeisterung die Ausbildung beginnen. Die praktischen Anforderungen im Betrieb können sie in der Anfangszeit meist bewältigen.

Doch stehen sie auf ihrem Weg immer wieder vor Herausforderungen: Sie leben etwa in Gemeinschaftsunterkünften, wo sie oftmals keine Rückzugsmöglichkeiten haben. Dort fehlen ausreichenden Ruhe-, Schlaf- und Lernzeiten, berichten die jungen Geflüchteten. Das kann sich auf Dauer negativ auf ihre Leistung in der Schule und auf der Arbeit auswirken. Manche sind deshalb von den Anforderungen dort schnell überfordert. Einige erleben auch Ablehnung und Diskriminierung. Das führt häufig dazu, dass sie frustriert und entmutigt werden.

Hinzu kommt, dass viele von ihnen unter Druck stehen: Sie würden ihren Familien gerne Geld schicken. Anstatt die Schule zu besuchen oder eine Ausbildung zu absolvieren, bevorzugen es einige junge Geflüchtete deshalb, einer unqualifizierten Arbeit nachzugehen – oftmals in prekären Verhältnissen.

Besonders schwierig ist die Situation von jungen Menschen, die nur eine Duldung haben. Da sie nicht wissen, ob sie in wenigen Monaten noch in Deutschland sein werden, sind manche nicht motiviert, die Sprache zu lernen, die Schule zu besuchen oder einer Arbeit nachzugehen. Zudem erhalten sie hierfür nicht immer adäquate Angebote. Wenn sie keine Perspektive sehen, ihre Lebenssituation zu verbessern, kann etwa der Alkohol- und Drogenkonsum sowie die Tendenz zur Kleinkriminalität zunehmen.

Strafrechtliche Sanktionen können zu einem Arbeitsverbot führen, was dann in einer weiteren Abwärtsspirale münden kann. Wenn sie dann mit 21 – in einigen Fällen sogar schon mit 18 – nicht mehr vom Jugendamt betreut werden, ist es fast unmöglich, dass etwa Sozialarbeiter*innen sie erreichen und in der erforderlichen Weise unterstützen können. Dies gilt in zugespitzter Weise für junge Geflüchtete, die als junge Erwachsene einreisen und deshalb von Anfang an viele Angebote der Jugendhilfe nicht mehr wahrnehmen können.

Ein Umdenken ist nötig

Aus den Interviews mit Geflüchteten und mit Fachkräften der Flüchtlingsarbeit, die wir geführt haben, geht die klare Forderung hervor, den bestehenden Umgang mit jungen Geflüchteten grundsätzlich zu überdenken:

Junge Geflüchtete brauchen mehr Zeit. Momentan wird erwartet, dass sie binnen kurzer Zeit bestimmte "Integrationsleistungen" erbringen: Deutsch lernen sowie schulische und berufliche Qualifizierungen erreichen. Besonders junge Geduldete stehen dabei unter extremen Druck, denn von ihrem Erfolg hängen ihre Bleibeperspektiven ab.

Für einen Teil der jungen Geflüchteten ist es jedoch undenkbar, etwa bis zum 21. Lebensjahr diese Leistungen zu erbringen – meist werden sie danach aber nicht vom Jugendamt unterstützt. Doch eigentlich brauchen sie die Betreuung, etwa um sich auf Stellen zu bewerben und sich im Bürokratie-Dschungel zurecht zu finden. Deshalb sollte die Betreuungsmöglichkeiten durch die Jugendhilfe um einige Jahre verlängert werden.

Auch junge Geduldete brauchen mehr Zeit: Mit 21 können sie keine Aufenthaltserlaubnis aufgrund gelungener Integration mehr beantragen (§25a AufenthG). Viele schaffen die "Integrationsleistung" bis dahin aber nicht. Deshalb soll diese Möglichkeit mindestens bis zum 26. Lebensjahr weiterbestehen.

Sozialarbeiter*innen müssen junge Geflüchtete auch jenseits der Wohneinrichtungen erreichen können. Dabei sind besonders Angebote der mobilen Beratung erfolgreich: Diese können Geflüchtete dort erreichen, wo sie sich im Alltag treffen, wie etwa auf öffentlichen Plätzen und in Stadtparks. Fachkräfte berichten davon, dass dadurch auch diejenigen jungen Geflüchteten erreicht werden können, die von anderen Angeboten weniger bis gar keinen Gebrauch machen. Das Modell der mobilen Beratung als Angebot der Jugendsozialarbeit wird bisher in der Flüchtlingshilfe zu wenig genutzt und sollte ausgebaut werden.

Sozialarbeiter*innen, Lehrer*innen und Therapeut*innen sollen außerdem mehr Unterstützung bekommen, um die Herausforderungen in der Arbeit mit jungen Geflüchteten zu bewältigen. Viele berichten uns davon, dass sie nicht ausreichend darauf vorbereitet sind, mit Traumata, ungünstigen Lebensbedingungen und dem Mangel an familiären Bindungen umzugehen, die das Leben junger Geflüchteter prägen. Außerdem müsste es eine lokale Koordination aller Institutionen geben, die mit jungen Geflüchteten arbeiten, um Erfahrungen auszutauschen und Best-Practice-Modelle zu fördern.