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05.04.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Erzwungene Abstinenz

Da biegt keine Flaneurin um die Bockenheimer Ecken. Da überwintert eine im Sommer. Ausgetrocknet von erzwungener Abstinenz.

Julia führt das Leben einer sesshaften Landstreicherin, gedeckt vom Laissez-faire der Bockenheimer Milieus – einer soften Melange, produziert von griechischen Wirt:innen, türkischen Gemüsehändler:innen, Spontis, Studierenden und Rentner:innen. Langzeitstudierende („vom BaföG in die Rente“, Norbert Blüm) bilden einen eigenen Stamm zwischen „Distel“ (Naturkost), „Albatros“ (Café), „Tannenbaum“ (Kneipe) und ein paar malerisch aufgelassenen, mysteriösen Nutzungen offen stehenden Fabrikhallen, deren Star das Bockenheimer Depot ist. Julia ist doppelt so alt wie die Bildbestimmer:innen ihrer Umgebung. Sie sickert durch subkulturelle Schichten. Sehr genau registriert Julia, wer wem voran und wer wo hingeht. Das campusnahe italienische Restaurant für den akademischen Mittelbau hat andere Farben als der abgabenpflichtige Fresspopulismus nebenan.

Im sagenhaften „Doctor Flotte“ erscheint Julia als Fuselgespenst; eine Weile im Rang einer Geliebten des rätselhaft situierten Ludwig Walter, genannt Lullo-Walter. Von ihm heißt es, er habe ausgesorgt. Er eröfffnet Julia eine Perspektive. Er richtet den Schaden an, ohne es zu merken. 

Für Lullo-Walter gibt es auf der Welt nur Kneipe, einmal im Jahr auch auf Mallorca.

Julia ist die Tochter einer vom Wirtschaftswunder konsequent abgeschnittenen Flüchtlingsmutter. Zwanghaft wiederholt sie das Drama der Entwurzelung in diversen Konstellationen. Die Trennung von Lullo-Walter schneidet Julia nicht nur von der problemlosen Versorgung ab. Sie löst auch einen vertrauten Degradierungsschmerz aus.

*

Es ist alles so mühsam und es ist alles zu viel. Julias Alltag fehlt der Schongang. In jeder Stunde packt sich die Welt aus, ob man sie so umfassend sehen will oder nicht. Ständig findet eine Notzucht der Sinne statt; in einer Diktatur des Erlebens.

Das Leben macht keine Pause. Das Laub raschelt immer weiter. Der Wind kann nicht anders. Julia steht auf der Adalbertstraße und sieht die Taunuskämme am lichten Horizont. Sie ist klamm und stier, eingeklemmt von Verpflichtungen gegenüber einem unerbittlichen Fürsten. Der Suchtdruck treibt sie.     

Da biegt keine Flaneurin um die Ecken. Da überwintert eine im Sommer; ausgetrocknet von erzwungener Abstinenz; die Saufchancen der anderen zählend. Immer kriegt die Bianca noch einen Amaretto von Kurz, dem Wirt des „Alten Drehstuhls“. Wer da verkehrt, ist ganz unten angekommen, um doch noch turmhoch über den Rucksacktrinker:innen zu balancieren. Julia nutzt eine zusätzliche Unterkunft von Kurz, um in Frankfurt zu campieren; der Obdachlosigkeit auf den Wegen freundschaftlicher Wohlfahrt soeben entgehend. Wieder mit knapper Not nur.

Julia schiebt sich aus einer Not in die nächste … eine trubelfeste Einzelgängerin in ihren Vierzigern; eine Erfrierende.