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06.04.2021, Jamal Tuschick

Jomo Kenyatta

„Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.“ Jomo Kenyatta, Kenias erster Präsident

Viviane Jórvík

1856 folgt Simon Jórvík dem Ruf von Umeå via Wuppertal nach Kamerun. Hundert Jahre später präsentiert sich Viviane Jórvík im Liegestuhl auf dem Deck eines Ozeanriesen in den Farben und Formen der 1950er Jahre. Das ist vielmehr ein Genre als ein Bild, das als Standfoto isoliert verbreitet wird. Es sind die Farben des Westens und seine Sujets. Nie war Amerika mächtiger und die amerikanische Botschaft von der freien Welt populärer. Viviane ist weiß Gott nicht so weiß wie sie dem Publikum erscheint.

© Jamal Texas Tuschick

Biblischer Marschbefehl

Lange bevor sich im Bergischen Land die Städte Elberfeld, Barmen, Ronsdorf, Cronenberg und Vohwinkel zu einer Stadt namens Wuppertal zusammenschlossen, gab es ein Wupperthal in Afrika. Ein Missionar aus Elberfeld fand den Schauplatz seines Bekehrungseifers so idyllisch und der Gegend seiner Herkunft landschaftlich so verwandt, dass er den Flecken im heutigen Namibia mit heimatlichem Anklang taufte. Es geschah dies im Jahr 1834 im Zuge einer Erneuerungsbewegung in der evangelischen Kirche, die zu größerer Standfestigkeit gegenüber Säkularisierungstendenzen und fester Bibeltreue aufrief. Man erwartete das Reich Gottes auf Erden in naher Zukunft und hielt es für eine Christenpflicht, bis dahin so viele „Heid:innen“ wie möglich zu bekehren. Das ergab sich aus dem biblischen Marschbefehl (Taufbefehl), Matthäus 28, „gehet hin und verkündet die frohe Botschaft“. Auf Englisch klingt „frohe Botschaft“ nach Google. Die „good news“ waren ein „gift“, das viele Afrikaner:innen gar nicht haben wollten.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich überall in Europa Missionsgesellschaften. Sie organisierten den Aufstieg junger Männer aus einfachen Verhältnissen. Treiber dieser Bewegung war eine neue Spiritualität. 1842 startet die „Rheinische Mission” im Land der Herero ihr Bekehrungswerk. Erst vierzig Jahre später setzt der Herero-Widerstand ein.

„Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.“ Jomo Kenyatta, Kenias erster Präsident

Die deutschen Kolonisten kamen nach den Missionaren. Sie kamen mit europäischen Eigentumsbegriffen. Die Begriffe wurden vom Raumverständnis der Afrikaner nicht erfasst. Die Kolonisierten dachten nicht, dass Land als Handelsgut in Betracht gezogen werden könne. Sie hielten es für unveräußerlich.

Die Missionare hatten Vertrauen erworben und die Sprachen der Völker gelernt. Das machten sich die Kolonist:innen zunutze. Die Missionare sollten weiterhin die Erwartungen der Afrikaner:innen in den Himmel verlegen, während sie für Europa Rohstoffe aus der Erde gruben. 

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1856 folgt Simon Jórvík dem Ruf von Umeå via Wuppertal nach Kamerun. Hundert Jahre später präsentiert sich Viviane Jórvík im Liegestuhl auf dem Deck eines Ozeanriesen in den Farben und Formen der 1950er Jahre. Das ist vielmehr ein Genre als ein Bild, das als Standfoto isoliert verbreitet wird. Es sind die Farben des Westens und seine Sujets. Nie war Amerika mächtiger und die amerikanische Botschaft von der freien Welt populärer. Viviane ist weiß Gott nicht so weiß wie sie dem Publikum erscheint.