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07.04.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Wenn Nara läuft, sieht das aus wie Weltklasse-Leichtathletik. Macht sie Gymnastik, wirkt das wie die Glamour-Präsentation einer Edelmarke. Raucht sie, erkennt man in ihr den Star einer Hollywood-Produktion. Großes Kino ist Naras Normal.  

Serpent

Glatt & giftig - Nara spielt sich selbst als Vorläuferin einer neuen Lustkultur mit Jetset-Flair. Ihre Jäger:innen von Interpol nennen die Killerin in der Maske einer Influencerin 'The Serpent'.

Eingebetteter Medieninhalt

Andrzej Stasiuk entdeckt in seiner Marcopologie „Der Osten“ das Echo einer von Absichten kaum beschwerten Expansion. Man eroberte, um die Pferde in Gang und die Männer in Form zu halten, ritt Fleisch unter dem Sattel mürbe, zerstörte, was den Weg verstellte, und stellte dann doch nur wieder eine Jurte zwischen rauchenden Ruinen auf. „Gleichgültige Blicke, reglose Gesichter. Genauso müssen die Mongolen vor siebenhundert Jahren ausgesehen haben, als sie von ihren Sätteln herab auf die vor Schreck erstarrten Bewohner der unterworfenen Gebiete blickten.“

Nara The Serpent Bayar kommt den mongolischen Eroberer:innen nach. Sie ist zugleich Falke, Sturm und großer Gesang (ungefähr Rilke) – eine Schamanin unserer Zeit. Immer weiß Nara, was sie will. Allein das löst Begehren aus. Das Begehren breitet sich wie ein Lauffeuer aus. Nara reißt Frauen und Männer mit. Alle ergeben sich sofort. Keine(r) versteht, wie ihr/ihm geschieht.

Die neben vielen anderen ermittelnde Interpol-Agentin Gloom Costigan wird 2046 vor einem Ausschuss den rätselhaften Satz fallen lassen:

Nara Bayar erotisierte ihr Jin.

Sie ging mit dem hypertrophierten Sex-Appeal auf ihre Opfer los. Die wurden von Multiplen Orgasmen erschüttert und destabilisiert. Oft waren sie nach der Kur für keine bürgerliche Beschäftigung mehr zu gebrauchen. Hörig irrten sie durch die Nacht; verloren für den Eintopf des Lebens. 

Auf einem Traumpfad stolpert Nara über ihre Wurzeln. In einem Jurtenrondo mit Tee und mongolisch-traditionellem Trallala wird sie von der Oma über den Grad der Entfremdung von ihrer Ursprungskultur informiert. Das steckt Nara nicht einfach weg. Sie fühlt sich ein bisschen zerrissen. Doch fällt ihr rechtzeitig ein, dass sie im Hauptberuf Jetsetterin ist. Ja, Nara betrachtet sich als Global Playerin, befähigt die kulturellen Abstände und Zeitunterschiede zwischen den Kontinenten präzise zu bestimmen und genial für sich zu nutzen.

Nara agiert bei jeder Gelegenheit als Führerin und Entführerin bis zur Willenlosigkeit Geblendeter. Die Arglosen sind folgsam wie Hypnotisierte. Nara ist stolz darauf, die Gefügigen gnadenlos im Griff zu haben; so wie sie zwanghaft alles im Griff hat.
Angeblich hat Nara jede Menge Arbeit auf dem Klapptisch ihres ambulanten Home Office. Die Arbeit stört nicht. Überall auf der Welt logiert Nara schick und lässig. Sie trägt ausgefallene Sachen, in denen sie sich notfalls auch von Amateur:innen fotografieren lässt. Ob in Hongkong oder in Melbourne, kaum ist Nara auf der Straße, erkennen Leute die Influencerin. 

Wenn Nara läuft, sieht das aus wie Weltklasse-Leichtathletik. Macht sie Gymnastik, wirkt das wie die Glamour-Präsentation einer Edelmarke. Raucht sie, erkennt man in ihr den Star einer Hollywood-Produktion. Großes Kino ist Naras Normal.  
Nara spielt sich selbst als Vorläuferin einer neuen Leistungs- und Lustkultur. Sie ist ein weiblicher Macker. Mitunter provoziert sie die gleichen Einwände wie ihre Brüder im Geist. 

Gloom folgt Naras transkontinentalen Spuren. Sie jagt eine feminine Ausgabe von Charles Sobhraj, dem smartesten aller parkettsicheren Killer.