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09.04.2021, Jamal Tuschick

„Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus Tugend machen: aber ich durchschaue euer Selbstloses ... Aber du fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.“ Nietzsche

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Der Künstler als Knabe gibt in der Sommerfrische den abgebrühten Beobachter. Er bemerkt „unfreundliche“ Hügel am Strand von Balbec. Den Bahnhofsvorsteher verortet er „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelt auf den „künstlichen Marmor“ der Monumentaltreppe im Grandhotel seines Aufenthalts herab. Den Direktor, „ein Fettwanst im Smoking“, verdächtigt er „einer kosmopolitischen Kindheit“.

Pariser Fenster

Das Material des Himmels
 
Der „unermüdliche Flug der Mauersegler“ vor seinen Pariser Fenstern erscheint dem Debütanten als ein „Feuerwerk von Leben“.   

Ist das eine prosaische Übertreibung? Oder eine Indolenzfeststellung ex negativo. Proust kam leidend auf die Welt. Er leidet mit beachtlicher Ausdauer. Seine Familie überzieht er mit dem Geflecht der Schonung. Seine Krisen geben den Takt an. Die Mutter stellt die fadenscheinige Gesundheit ihres Sohnes in das Zentrum eines gehobenen Fin de Siècle-Alltags. Sie nährt die Dünkel des Sohns und formt seinen Snobismus nach den Regeln einer herablassenden Gesellschaftsschicht.

„Manchmal füllte der Ozean fast mein ganzes Fenster, das durch einen Streifen Himmel besonders hoch erschien.“

Der Horizont „absorbiert und verflüssigt Schiffe“ aus dem Hafen einer vom Erzähler imaginierten Gemäldegalerie. „Der Bug und das Tauwerk“ sind aus dem Material des Himmels. Dessen Blau gewinnt die Konsistenz von Baustoffen. 

Marcel Proust, Der gewendete Tag. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in den Vorabdrucken, aus dem Französischen von Christina Viragh, Hanno Helbling, Menasse, 24.90 Euro
„Bei Der gewendete Tag handelt es sich um ein Mosaik aus neunzehn Prosastücken, die von 1912 bis 1923 in Zeitschriften erschienen und Die Suche nach der verlorenen Zeit eindrucksvoll vorbereiten und ergänzen.“ (Aus dem Pressetext) 

Aus der Ankündigung

Die «Recherche» en miniature

Zum 150. Geburtstag des großen französischen Romanciers am 10.7.2021 erscheint hier ein Destillat von Prousts siebenbändigem Hauptwerk in Neuausgabe. Darin begegnet man bereits den Guermantes und Verdurins, Albertine und vielen anderen bekannten Figuren aus dem Proust-Kosmos, oft in überraschender Beleuchtung und reizvoller Akzentuierung. Bei «Der gewendete Tag» handelt es sich um ein Mosaik aus neunzehn Prosastücken, die von 1912 bis 1923 in Zeitschriften erschienen und «Die Suche nach der verlorenen Zeit» eindrucksvoll vorbereiten und ergänzen. In der kongenialen Übersetzung von Christina Viragh und Hanno Helbling bietet dieser spezielle Band Kennern wie Entdeckern einen komprimierten Proust. 

«Keine schönere Einladung zur Lektüre Prousts scheint denkbar als diese von ihm selbst ausgewählten Begegnungen eines vielschichtigen Bewusstseins mit einer unendlich genau erfassten Wirklichkeit.» Karlheinz Stierle, NZZ

Zum Autor 
Marcel Proust (1871-1922) wuchs in Paris auf und studierte dort Jura, war aber nur kurze Zeit als Anwalt tätig, da er als Sohn eines wohlhabenden Arztes finanziell unabhängig war. Er verkehrte in den Pariser Salons und führte das mondäne Leben eines Dandys, bis er im Alter von 35 Jahren wegen seines schlimmen Asthmaleidens zum Rückzug aus der Gesellschaft gezwungen war. In der Einsamkeit seiner Wohnung am Boulevard Haussmann verdichtete er seine Beobachtungen und Erlebnisse zu seinem Hauptwerk «A la recherche du temps perdu» (7 Teile, erschienen 1913-1927), das er erst wenige Monate vor seinem Tod beendete. Marcel Proust, 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, gilt neben Joyce und Kafka als Begründer der literarischen Moderne.