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09.04.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Tycoon unter Konditoren

„In meiner Rekonvaleszenten-Mattigkeit ließ mich die Sonne, die bestimmt über den Feldern von Fiesole schien, blinzeln und lächeln.“ Marcel Proust in einer Oster-Phantasie

Vermutlich gab es in der langen Geschichte der spirituellen Gymnastik neben allen möglichen Scharlatanen jede Menge nicht anschlussfähiger Autodidakt:innen und Neuerfinder:innen existierender Formen. Das Unsortierte, Wuchernde und Schräge, vor allem jedoch das Yoga-grammatisch und -orthografisch Zweifelhafte fordern eine argwöhnische Betrachtung heraus. Gleichzeitig fasziniert dieser Karneval der Bemühungen um Körperbeherrschung. Auch Madison Kaskaskia verfolgt seinen eigenen Weg. Sie hat sich das Laufen auf den Händen beigebracht. Sie kann sich zusammenfalten und ihren Puls herunterregulieren. Ihre Flugangst überwindet sie so nicht. Sie krümmt sich in der Sitzschale, während ein höchst erfolgreicher Tortenbäcker, der sich selbst als  Tycoon unter Konditoren feiert, Madison unbekümmert in ein Gespräch zieht. Luther Champlain gefällt die frische Erscheinung an seiner Seite.

Zur Zeit nennt sich Madison Taconia Vermont. Sie präsentiert sich als ledige Weißnäherin an der Schwelle zur Überfälligkeit. Sie spielt Luther das Sujet der reifen Frucht in die gierigen Hände. 

Madison könnte als Sniper* im Zirkus auftreten. Sie verfügt über besondere Fähigkeiten und Kenntnisse. Doch ihr ganzes, in Jahrzehnten auf der Flucht und im Untergrund verfeinertes Repertoire der Verstellung und Täuschung hängt von einem in der Kabine ausgeschlossenen Faktor ab - Bewegungsfreiheit. Ìm Stillen verflucht sie ihre Lage, während Luther Morgenluft wittert und Süßholz raspelt. Er hofft auf eine gemeinsame Nacht mit Madison im Country Inn Motel nahe dem Gander International Airport. Er mischt ein ausuferndes Kreuzworträtselwissen mit einer glänzenden Gegenwart und einer tristen Kindheit. Im Winter verheizte sein Vater Bodenbretter und Dachsparren. Bevor Luther ins Klassenzimmer durfte, musste er sich der peinlichen Prozedur einer Läusekontrolle unterziehen. Die Lehrerin ekelte sich vor ihm und machte keinen Hehl aus ihrer Aversion. Luthers Anblick löste Allergien aus. Aber das Kind dramatisch verwahrloster Leute kannte die Namen aller Hauptstädte und wusste wie hoch genau der Mount Everest in den Himmel ragt.

Die Welt erschließt sich ihm in einem Eklektizismus, der von liegengebliebenen Magazinen und Taschenbüchern angeheizt wird. Ständig lernt Luther dazu. Er drückt sich so gewählt aus wie manche Analphabeten.    

Luther könnte alles Mögliche eher sein als das, was er ist: nämlich ein vom Glück verzuckerter Konditormeister. Ich beziehe mich auf Informationen, die vor allem von dem Ermittlungsteam rund um Gloom Costigan, Brain (nicht Brian) Thundergold und Arizona Coogan  gesammelt wurden. Luther, die alte Backpflaume, wird die Nacht mit Madison, auf die er im Flugzeug hingerissen hinarbeitet, nicht überleben 

Madison existiert so gründlich außerhalb der bürgerlichen Ordnung, dass alle Verbindungen klappern.  Nach Luthers Ermordung setzt sie sich via Toronto und London nach Lissabon ab. In Ihrer Wahrnehmung hat der Erdkreis das Interieur der Groschenromane. Madison ist ein altes Mädchen, das mit Waffen spielt, und sich mit einer Art Ganov:innen-Voodoo abschirmt. Die Ermittlerinnen glauben zuerst, der infantile Habitus markiere Madison als vollkommen unzuständig für jede ehrliche geldwerte Beschäftigung, die mehr verlangt als das Zusammenschieben von Einkaufswagen vor einem Supermarkt.

Die Laufkundschaft im Zeitzeugenstand hält Madison aber für sozial solvent. Gloom bringt es auf den Punkt. Madison besitzt „mentale Disziplin“. Geschickt wählt sie ihre Decknamen und -adressen. Sie übt die Unterschriften, wechselt die Unterwäsche in zivilisierten Abständen, vollbringt Wunder der Mimikry und bewahrt sich in einer hausgemachten Gnade.

Gloom folgt Madisons Fährte nach Europa. Sie macht sich Luft in einem Garten voller Standbilder von Dichtern. Arizona gegenüber erwähnt sie am Telefon, wie Scott Fitzgerald auf Joseph Conrad reagierte. Von Conrads Helden der Finsternis Marlow kommt sie zu Chandlers Trouble ist my Business-Marlowe und das fügt sich so wie die von Ian Fleming persönlich auf Effekt geschriebenen Szenen eines James Bond - dem fittesten aller Trinker und Raucher.

Only the fittest survive ist keine Stamina-Ansage. Es geht um Anpassung. Das hat Madison vor Gloom kapiert. Madisons Freiheit hängt davon ab, dass sich niemand zu einem nachbohrenden Blick veranlasst sieht.