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14.04.2021, Jamal Tuschick

„Eine mutige Neuerfindung der Einwanderungserzählung, verführerisch, poetisch ... beispiellos.“ Taiye Selasi 

Nana Oforiatta Ayim schildert den Clash einer ermächtigten Existenz, wir haben die Sprachen und die Power, uns hört man (zu), mit den Kalamitäten eines Alltags, der von den Zukunftsüberschüssen (noch) nichts weiß.  Jamal Tuschick

"We have entered a new time." Nana Oforiatta Ayim 

Nana Oforiatta Ayim © tbn_privat

Weißer Voodoo

Maya verschwört sich mit Kojo. Fernmündlich hält er die Cousine auf Kurs, sobald es darum geht, das englische Geheimnis zu entschlüsseln. Wie konnte es passieren, dass das kleine Nebelland ohne nennenswerte Ressourcen die halbe Welt unter der britischen Knute/Krone knebeln konnte? 

So was ging doch nur mit weißem Voodoo.

„Hör zu. Das ist nichts weiter als eine kleine beschissene Insel, die nicht einmal richtig funktioniert. Es ist ein kaltes, nasses Dritte-Welt-Land, aber sie haben uns glauben gemacht, das sie mächtig sind.“ 

Nana Oforiatta Ayim, „Wir Gotteskinder“, Roman, aus dem Englischen von Reinhild Böhnke, Penguin Verlag, 22,-

An dem Punkt waren wir vor zwei Tagen. 

„Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.“ Jomo Kenyatta, Kenias erster Präsident

Koja beschimpft Maya als „coon“ und findet es „pedantisch“, dass sie ihm den rassistischen Gehalt der Beleidigung vorwirft. Nach seiner Analyse verbirgt die koloniale Attitüde schiere Hexerei.

„Ich will, dass du Hexerei lernst. Wie man Leute glauben macht, man hätte etwas, wenn man in Wirklichkeit nichts hat.“

Im Übrigen besucht Maya ein Internat noch nicht so lange, dass sie die Codes der herrschenden Mädchen verstünde. Die Direktorin macht ihre Ansagen mit „Margaret-Thatcher-Stimme“, während Maya eine „bemühte Unbekümmertheit“ bei den Konkurrentinnen registriert. Die Beobachterin „perfektioniert die Schutzhülle (fremder) Angewohnheiten“.

Prinzessin Yaa

Maya schöpft aus dem Vollen. Die geschwisterlose Arzttochter nutzt Chancen mehrfacher kultureller Auswahl mit dem Vorbehalt ihrer Schöpferin. Manchmal sind es zu viele „Welten & Worte“, die Maya eben nicht nur zur Verfügung stehen, sondern sich in ihr auch verwirren. Sie „protestiert“ gegen einen „Überfluss an Wörtern“ mit phonetischem Eigensinn. Die geografischen Stationen ihrer Biografie liegen in Deutschland, Großbritannien und Ghana.

Vater und Mutter ergänzen sich in ihrer Gegensätzlichkeit. Royale Exaltation trifft bürgerliche Zurückhaltung. Maya findet die unbekümmert-lebhafte Mutter, eine Prinzessin, mitunter peinlich.

Das ist oft gar nicht so einfach, wenn die Mutter eine Prinzessin ist und dies auch gern mal einer Verkäuferin offenbart, deren Benehmen zu wünschen übrig lässt. 

„Sie (erzählt) ihr, wo sie herkomme, seien ihre Kleider aus Spitze und Gold, sie habe Diener und sei in einem Palast aufgewachsen.“ 

Die Verkäuferin zeigt sich erschrocken. Sie zieht ihre rassistischen Antennen ein und fordert Verstärkung an. Schließlich verabschieden vier Kolleginnen die mit fünf Plastiktüten aufbrechende Fürstin. Maya bemerkt kleinlich: „Sie (zahlt) mit der Kreditkarte meines Vaters. (Die Verkäuferinnen) begleiten uns. Sie (streichen) mir übers Haar.“

Die Erzählerin aktiviert ihr Rosenmustertapetenlächeln. Sie nimmt das bedenkliche Lob hin, das ihr überall eine Differenz zu bedenken gibt. Man bemerkt ihr tadelloses Deutsch.

*

Die Tochter übersetzt den Rang der Mutter mit Schönheit. Maya betrachtet sich als Erbin dieser Schönheit, während die Hochgeborene der Nachgeborenen beinah vorwirft, so schön nicht zu sein.

„Ich dachte, die Generation vor mir sei noch zu behaftet von kolonialem Unwohlsein, meine Generation sei eine Brücke, unsere Töchter und Söhne seien die hoffentlich wahrhaft Freien.“

Nana Oforiatta Ayim schildert den Clash einer ermächtigten Existenz, wir haben die Sprachen und die Power, uns hört man (zu), mit den Kalamitäten eines Alltags, der von Mayas Zukunftsüberschüssen (noch) nichts weiß. In diesem Kontext erscheinen die Deutschen so ungehobelt wie unbeholfen und nur soeben in der Lage, Mayas noble und leistungsorientierte Familie von den „nach Illegalität stinkenden“ Migrant:innen zu unterscheiden. Auf der anderen Seite sanktioniert der Vater Unbotmäßigkeiten mit der Drohung, Maya dahin zu schicken, wo er herkommt. Dann ist die Rede von Abomoso. 

"Abomoso is a town located in the Atiwa West District, Eastern region. It is dominated by the Akim clan which is part of the Akan tribe which covers 70% of the total population of Ghana. The residents are mainly farmers settled along and north of the Birim river. Area is dominated by the production of cocoa." Wikipedia

Aus dem Pressetext
 

Maya Mensah ist im deutschen Exil täglich damit konfrontiert, anders zu sein. Auch ihre Eltern sind anders. Ihr Vater ist ein scheuer Intellektueller, und ihre schöne Mutter liebt es, das Geld mit vollen Händen auszugeben und an ihre königliche Abkunft zu erinnern. Doch wenn Maya in der Schule von ihrer glanzvollen Familie erzählt, wird sie verspottet. Beistand leistet ihr einzig ihr Cousin Kojo. Maya ist fasziniert von seinen farbenprächtigen Erzählungen aus Ghana, an das sie sich kaum erinnern kann. Sie klingen für sie wie Märchen, die mythisch und wirklich zugleich scheinen, und öffnen ihr den Blick: für ein Land, das seine Seele nach all den Jahren der Kolonialzeit erst wiederfinden muss, für ihre entwurzelten Eltern - und endlich erkennt sich Maya als Teil dieser Geschichte.

Poetisch, fesselnd, faszinierend - » Wir Gotteskinder« ist wahre Weltliteratur und eine Hymne an das Geschichtenerzählen als verbindendes Glied zwischen den Kulturen.

»Bahnbrechend und bewundernswert ... Nana Oforiatta Ayim ist geschickt darin, die Angst eines Kindes einzufangen, dessen Wunsch nach Zugehörigkeit dadurch verstärkt wird, dass es in einer Welt lebt, in der Schwarzsein und Afrika nicht wertgeschätzt sind … Bücher wie ›Wir Gotteskinder‹ haben das Potenzial, die Weltliteratur zu bereichern und, in John Bergers Worten, neue Sichtweisen zu bieten.«

The Guardian (20. März 2020)

»Schwindelerregend, faszinierend und fesselnd ... Ein klassischer Entwicklungsroman, der zugleich ein besorgtes Bild von der Geschichte Ghanas entwirft und den psychischen Verwerfungen im Exil.«

Daily Mail (20. März 2020)

»Ein faszinierendes Debüt! Von Geschlechterpolitik bis zum Leben als junge schwarze Immigrantin in Europa, die zentralen Themen werden durch lebendige Charaktere und üppige Details belebt. Der lyrische Prosastil zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann... Schillernd, detailliert und vielfältig in seinen Themen, seiner Prosa und Beschreibung.«

The Irish Times (20. März 2020)

Zur Autorin

Nana Oforiatta Ayim ist Autorin, Filmemacherin und Kunsthistorikerin. Sie ist in Düsseldorf geboren und aufgewachsen. Ihr Großvater ist König der ghanaischen Region Akyem Abuakwa. Sie studierte Afrikanische Kunstgeschichte und Politikwissenschaften, arbeitete für die UN in New York und ist heute weltweit v.a. als Kunstvermittlerin und Kuratorin tätig. Als Gründerin des ANO Institute of Arts and Knowledge hat sie Projekte wie »Das mobile Museum« sowie die erste Enzyklopädie der afrikanischen Kultur angestoßen. Nana Oforiatta Ayim kuratiert weltweit Ausstellungen und hält Vorträge über kulturelle Narrative. 2019 verantwortete sie den ersten ghanaischen Pavillon auf der Biennale von Venedig.

Für ihre bisherigen Leistungen wurde sie mit verschiedensten Ehrungen und Auszeichnungen bedacht. »Okay Africa« zählt sie zu den »12 wichtigsten Frauen aus Afrika, die Geschichte schreiben«. Sie gehört auch zu den »Apollo 40 unter 40« und damit zu »den talentiertesten und inspirierendsten jungen Personen, die die Kunstwelt heute voran-bringen«. 2015 erhielt sie den »Art & Technology Award« des Los Angeles County Museum of Art (LACMA); 2016 den »AIR Award«, mit dem »außergewöhnliche afrikanische Künstler geehrt und gefeiert werden sollen, die sich für provokative, innovative und sozial engagierte Arbeit einsetzen«. Nana Oforiatta Ayim war 2018 Teilnehmerin des ersten Soros Arts Fellowship und ebenfalls 2018 Global South Visiting Fellow an der Universität Oxford. Sie wurde in den Beirat des Kulturprogramms der Universität Oxford und ab April 2020 als Untersuchungsleitung der »Aktion zur Wiederherstellung Afrikanischer Kultur« berufen.

»Wir Gotteskinder« ist Nana Oforiatta Ayims hochgelobter Debütroman, der nun auf Deutsch erscheint. Sie lebt in Accra/Ghana.