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15.04.2021, Jamal Tuschick

Spirituelle Stunts

Er schillert zwischen Wittgenstein und Yoga. Als Staatsanwalt „beeindruckt (Amir mit) packender Rhetorik“. In den poolbasierten Außenanlagen eines Clubs für die Funktionselite trifft die Erzählerin, eine Anwältin, den zeitgemäß herausgeputzten Gesellschaftslöwen zum ersten Mal privat. 

Patrícia Melo, „Gestapelte Frauen“, Roman, aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita, Unionsverlag, 250 Seiten, 22,- 

Amir beeindruckt seine Verehrerin mit spirituellen Stunts. Einen Kopfstand erklärt er zur „Schnellreinigung der Blutgefässe“. Mit solchen verwaschenen Erklärungen verdienen manche Leute viel Geld. Amirs athletischer Körper affiziert die Erzählerin.

A. „war ein wirklich außergewöhnlicher Typ, ein Yoga praktizierender Staatsanwalt mit einer Doktorarbeit über Wittgenstein, der den Kopfstand beherrschte wie ein Zirkusakrobat.“  

Die beiden nutzen gemeinsam das Schwimmbecken. Mit intellektuellen Flirtmanövern beweisen sie sich ihre Klasse. Die Erzählerin erkennt:

„Miteinander zu lachen ist ein machtvolles Aphrodisiakum.“

Doch schon bald entpuppt sich dieser „begehrenswerte Beischläfer“ als Schläger. Auf einer Anwaltsparty packt Amir, ergriffen von grundloser Eifersucht, die Erzählerin am Arm, zerrt sie auf die Toilette, beschimpft sie als „Schlampe“ und versetzt ihr eine Ohrfeige. 

Patrícia Melo wechselt von der Gewalterfahrung ihrer Erzählerin zum Femizide. Sie schildert die Milieus aus, in denen Frauen mit der Mordbereitschaft von Männern konfrontiert sind.  

Aus der Ankündigung

Sie verliebt sich schnell in Amir – charmant, intelligent, interessiert. Die Unterhaltungen belebend, die Nächte im lebhaften São Paulo berauschend. Dann die Ohrfeige, die Beleidigung. Um so weit weg wie nur möglich von ihm zu sein, nimmt die junge Anwältin eine Stelle im entlegenen Cruzeiro do Sul an. Als Beobachterin nimmt sie an Gerichtsverhandlungen zu brutalen Frauenmorden teil. Immer näher kommt sie dem Leben der Opfer – den Töchtern, den Müttern, den Freundinnen. Und immer eindringlicher verfolgen sie Bilder aus ihrer Kindheit, Bilder ihrer eigenen Mutter.

Um der Wirklichkeit zu entkommen, flüchtet sie sich in eine Traumwelt – in geheimnisumwirkte Wälder und Flüsse, an die Seite von Amazonen, die die Täter verfolgen. In der Realität aber scheint die Gerechtigkeit unerreichbar.

Zur Autorin

Patrícia Melo (*1962 in São Paulo) zählt zu den wichtigsten Stimmen der brasilianischen Gegenwartsliteratur. Nach ihrem Studium in São Paulo arbeitete sie beim Fernsehen. In ihrem sozialkritischen Werk, bestehend aus Kriminalromanen, Hörspielen, Theaterstücken und Drehbüchern, beschäftigt sie sich mit der Gewalt und Kriminalität in Brasiliens Großstädten. Melo wurde u. a. mit dem Deutschen Krimipreis und dem LiBeraturpreis ausgezeichnet, die Times kürte sie zur »führenden Schriftstellerin des Millenniums« in Lateinamerika. Sie lebt in Lugano.