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28.04.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

„Seit langem träume ich nicht, das ist ein schlechtes Zeichen (: ich arbeite auch nachts nicht), ich habe das Unterbewußtsein verloren, Genossen, kein Homeoffice im Schlaf, die gewohnte Schwarzarbeit.“ Volker Braun

Am 10. Mai erscheint bei Suhrkamp ein bisher unangekündigtes neues Buch mit Gedichten von Volker Braun. „Große Fuge“ entstand unter dem Eindruck der Pandemie. 

Die Stadt ist ruhiggestellt/ wie ein Pestpatient/ Ein Morgenfrieden bis Mitternacht/ Entmenschte Straßen wie befreit/ von der Krätze/ der Kunden

Volker Braun in KATARRHSIS, dem Auftaktgedicht von „Große Fuge“

Leslie Jamison © Beowulf Sheehan

Bekenntnishafte Vereinzelung

Der alte Mariner Joe George züchtet Kobralilien

Eingebetteter Medieninhalt

Die Marineluftbasis auf Whidbey Island im Puget Sound ist nicht nur ein Militärflughafen in einer pazifischen Förde. Solange der Kalte Krieg das Weltgeschehen bestimmt, dient der abgeschirmte Platz auch als Horchposten. Mit Hydrophonen (laut Wikipedia, „einem Gerät zur Wandlung von Wasserschall in eine dem Schalldruck entsprechende elektrische Spannung“) spürt man sowjetische U-Boote auf und analysiert die Audiosignaturen ihrer Aktivitäten. Das Sound Surveillance System (SOSUS) unterliegt einer hohen Geheimhaltungsstufe auch dann noch, als man damit nur noch Walgesänge filtert. Die in den Ozean hineinlauschenden Spezialist:innen arbeiten sogar unter Ausschluss der limitierten Stützpunktöffentlichkeit. Daran erinnert sich Jahrzehnte später der Tontechniker Joe George im Gespräch mit Leslie Jameson.    

Leslie Jameson, „Es muss schreien, es muss brennen“, Essays, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Berlin, 25.-

Man isolierte sie; jene Frauen und Männer, die mit der Auswertung „der von Hydrophonen gelieferten Audiodaten zuständig waren“, sollten keinen Umgang haben mit dem ahnungslosen Rest der Besatzung. 

„Das Gebäude war von mit Stacheldraht gekrönten Doppelzäunen umgeben. George sagte, manche Soldaten auf dem Stützpunkt hätten es für eine Art Gefängnis gehalten.“  

Der bis zur Pedanterie gründliche George gibt seine Sonderstellung selbst dann nicht auf, als er ins Reservist:innenglied zurückgestoßen wird. Nah seiner beruflichen Wirkungsstätte etabliert er sich in bekenntnishafter Vereinzelung als Züchter fleischfressender Pflanzen.

Audiosignatur

Solange der Kalte Krieg währte, diente die Naval Air Station Whidbey Island  (fünfzig Kilometer nördlich von Seattle) in erster Linie als Ohr der Navy.  

„Auf dem Stützpunkt kam der unendliche Pazifik als endliche Datenmenge an, die von einem am Meeresgrund verteilten Netzwerk von Hydrophonen aufgefangen wurde.“ 

Im Dezember 1992 fängt Obermaat Velma Ronquille einen mysteriösen Sound ein. Sie bittet Joe George um eine Expertise. Der Tontechniker identifiziert den Urheber als untypisch (und einzigartig) hoch singenden Blauwalbullen. Das Tier bekommt die Kennung 52 Blue. Im Verlauf der nächsten Jahre stellt sich heraus, dass es isoliert existiert. Offenbar wird der Einzelgänger von seinen Artgenossen gemieden. Jedenfalls registrieren die Aufzeichnungen keinen Kontakt.  

„Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist ... aber wie es aussieht, ist er in der ungeheuren Weite des Ozeans allein.“

Jahre später, längst lebt George im Ruhestand, spielt der alte Mariner der Essayistin einen Audioclip von 52 Blue vor. Der Mitschnitt „hörte sich unheimlich an: ein schriller, pulsierender, bohrender Klang, das akustische Pendant eines trüben Lichtstrahls im dichten Nebel einer Vollmondnacht“. 

Aus der Ankündigung

„So klug und radikal ehrlich: Seit Susan Sontag und Joan Didion hat niemand aufregendere Essays geschrieben als Leslie Jamison.“ Daniel Schreiber

Leslie Jamison ist eine der originellsten und couragiertesten Denkerinnen ihrer Generation. In ihrem neuen Buch erkundet sie die Tiefen von Verlangen, Intimität und Obsession und testet dabei auch die Grenzen ihrer eigenen Offenheit und ihres Mitgefühls für andere aus. Wie kann sie empathisch über menschliche Erfahrung schreiben, ohne ihre kritische Distanz zu verlieren? Wie ihr Beteiligtsein verarbeiten, ohne der Selbstbezogenheit zu erliegen? In Essays über so unterschiedliche Themen wie den „einsamsten Wal der Welt“, kindliche Erinnerungen an frühere Leben oder die Erfahrung, eine Stiefmutter zu sein, sucht sie nach neuen, ehrlichen Möglichkeiten erzählerischer Zeugenschaft. 

Leslie Jamison, geboren 1983 und aufgewachsen in Los Angeles, ist die Autorin von Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer (2015), Die Klarheit (2018) und dem Roman Der Gin-Trailer (2019). Sie schreibt u. a. für die New York Times, The Atlantic und Harper’s, leitet das Non-Fiction-Programm der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.