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29.04.2021, Jamal Tuschick

Nordadriatisches Haff

Die berühmteste Lagune der Welt diente in den Jahrhunderten der imperialen Schlussseufzer als sich selbst verriegelnde Zuflucht unverwöhnter Fischer:innen vor den Ansturmperioden der Ostgoten, Hunnen und Langobarden. Das auf dem Höhepunkt des römischen Niedergangs viertausend Jahre junge Haff bot genug Leuten eine Lebensgrundlage (es nährte genug Hoffnungen) um 421 die prominenteste nordadriatische Stadtgründung zu provozieren. Vierhundert Jahre später etablierte sich im Rialto der feste Sitz des Dogen. So könnte man weiter ausholen und -führen und dabei aus den Augen verlieren, was Petra Reski als Venedig-Novizin vor Jahrzehnten ins Auge sprang. 

Petra Reski, „Als ich einmal in den Canal Grande fiel. Vom Leben in Venedig“, Droemer Knaur, 269 Seiten, 18,-

„Im Schatten vor dem Campanile“ entdeckte sie eine Netze flickende und Arien schmetternde Kolossalerscheinung, die sie zuerst für den Darsteller eines obsoleten Alltagsmoments in der Manier eines Historienspiels hielt.

„Wie erstarrt (blieb ich) stehen. Das (konnte) nicht wahr. Die Lagune (war) doch nur noch eine Dekoration. Hier (fischte) doch keiner mehr in echt.“

Der Soziologe Rachid Amirou berichtet, dass in der französischen Hinterwelt einer ruralen Pittoreske Rentner:innen dafür bezahlt werden, als Akteure des Typischen aufzutreten. Zu den Stoßzeiten des täglichen Tourist:innenaufkommens erscheinen sie als unverwüstliche Vertreter:innen des ländlichen Frankreichs. Sie spielen Boule und trinken Pastis. Vor allem jedoch lassen sie sich ohne Zeichen der Gereiztheit fotografieren. In den Rollen von Fotosafariprotagonist:innen schröpfen sie das Ursprüngliche & Eigentliche.

Geben sich die alten weißen Frauen und Männer für ein Täuschungsmanöver her? Stecken sie in einem Angriffsgewitter auf ihre Würde? Ist das Kolonialismus in einem Mutterland?

Weiter im Goldrandpräsens von Damals:

Sofort schließt Reski Freundschaft mit dem Fischer Alberto, einem der letzten seiner Zunft. Der Inhaber einer legendären Anschrift „hat sein halbes Leben auf der Lagune verbracht, wo er sich ohne Kompass zurechtfindet, weil er die Richtung aus den Wellen und dem Wind liest“.

Denken wir an La Serenissima, denken wir an die unter dem Terror einer regen Natur leidenden Paläste, an Thomas Mann und Marcel Proust. Vor ein paar Tagen stand an dieser Stelle: 

Madame Proust reist mit ihrem leidenden Sohn nach Venedig. Die Frau eines Epidemiologen, der schon mit knapp dreißig Chef der Pariser Charité war, und im Augenblick des Geschehens ein General des französischen Gesundheitswesens mit ungeheuren Verdiensten ist, lieferte ihrem Mann bereits Anlässe für die Vermutung,  Neurasthenie sei eine Folge mütterlicher Fürsorgeexzesse. 

Adrien Achille Proust (1834 - 1903) ist ein unfassbar tüchtiger Mann und insofern das schiere Gegenteil seines Sohnes Marcel, der von den flüchtigsten Erscheinungen des Lebens förmlich aufgehalten wird. Der alte Proust findet in der Hygiene einen Zivilisationsschlüssel. Seine titanische Natur versichert Frankreich gegen manchen Schrecken, der sich im Schatten von Seuchen vorschleicht. Außerdem verfasst der Supersenior ein Standardwerk zur Behandlung von Neurastheniker:innen.  

Die Mutter hält an ihrer (das Kind überthronenden) Praxis fest. Sie ist für Marcel, was Adrien Achille P. für Frankreich ist. In Venedig beginnt Marcels Tag mit der Aussicht auf „den goldenen Engel des Campanile von San Marco. Schimmernd in einer Sonnenhelle, die seinen Umriss dem Blick beinahe entzog, verhieß er mir mit seinen weit geöffneten Armen“. Und so weiter.  

Marcel Proust, Der gewendete Tag. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in den Vorabdrucken, aus dem Französischen von Christina Viragh, Hanno Helbling, Menasse, 24.90 Euro
 
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Zurück zu Reski.

Alberto ist der ideale Stichwortgeber für den „Bauch von Venedig“, der dem städtischen Raum historisch und geografisch als Vorhof und Basis zur Verfügung steht. Den Bodden oder Busen säumt ein von Marschland gefasstes Watt. Da liegen zentrale Etappenziele für Zugvögel. Wo der Gezeitenwechsel nicht als bestimmende Kraft auftritt, enthält ein toter Trakt vor allem Süßwasser. Wo das Meer die Lagune regiert, leben altlantische Arten. Das ist ein Unique Selling Point; an keiner anderen Adriastelle gibt es das. 

In der Förde tauchten in überschaubaren Zeiträumen Inseln auf und gingen wieder unter. Konkurrierende Siedlungsprojekte fielen buchstäblich ins Wasser. Die Förde-Anrainer:innen reagierten auf Brigant:innen, Ungar:innen, slawische Wanderer:innen und auf Sarazen:innen mit Flucht und Abwehr. 

Reski schildert die häuslichen Verhältnisse ihres Gewährsmannes Alberto. „Dank ihm weiß sie, dass Seebarsche an der kroatischen Küste überwintern. (Er zeigte ihr) die Inseln für Pestkranke, Seeleute mit Syphilis und für Verrückte“. 

Aus der Ankündigung

Als ich einmal in den Canal Grande fiel - Das ungeschönte Porträt der schönsten Stadt der Welt
In „Als ich einmal in den Canal Grande fiel“ wirft Petra Reski einen wehmütigen Blick hinter die Kulissen Venedigs und erzählt, wie es ist, in einer Stadt zu leben, der es zum Verhängnis wird, dass sie von aller Welt geliebt wird.

Von Touristen überrannt, vom Hochwasser bedroht – und dennoch die schönste Stadt der Welt: Petra Reski, die seit den Neunzigern in der Lagunenstadt lebt und sie kennt wie keine Zweite, erzählt so atmosphärisch wie schonungslos vom Leben in Venedig. Einst hat sie ihr Herz an einen Venezianer verloren – längst hat sie sich in dessen Heimatstadt verliebt. Doch Kreuzfahrttourismus, Immobilienspekulation und gewissenlose Bürgermeister setzen der Stadt zu. Petra Reski kennt sie noch, die alten Venezianer und die Geheimnisse dieser Stadt, sie zeichnet ein wehmütiges Bild von Venedig, dessen Untergang es unbedingt zu verhindern gilt.

„Als ich einmal in den Canal Grande fiel“ ist eine mitreißende und die Augen öffnende Lektüre für alle Venedig-Liebhaber.

Petra Reski wurde im Ruhrgebiet geboren. Nach dem Studium besuchte sie die Henri-Nannen-Schule und arbeitete als Redakteurin beim Stern, bevor sie in Venedig ihr Herz verlor. Seit 1991 schreibt sie von dort aus für Zeitschriften wie GEO, DIE ZEIT, Merian und Brigitte, sowie für den Rundfunk. Zuletzt erschien von ihr: "Der Italiener an meiner Seite" (2006), "Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern" (2008), "Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland" (2010) sowie ihre Krimireihe um Ermittlerin Serena Vitale.