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03.05.2021, Jamal Tuschick

Kalte Kulturen

Kalte Kulturen beobachtet man in weitgehend herrschaftsfreien Gesellschaften, die so weit wie möglich von der industriezivilisatorischen Norm entfernt bestehen. Claude Lévi-Strauss fiel auf, dass stark vereinzelte Ethnien Systeme zur Vermeidung von Veränderungen vital halten. Um degradierende Bezeichnungen aus der Palette der „Primitiven Völker“ außer Kurs zu setzen, wählen Freund:innen einer gerechten Sprache den Begriff kalte Kultur.

© Jamal Tuschick

Bizarre Formate

Irgendwo sagt Heiner Müller, sobald der Ethnologie Genüge getan wurde, stirbt der erforschte Stamm aus. Auf einen ähnlichen Gedanken stoße ich in Bourbon Arikaras Essay „Die dämonische Dimension des Banalen“. Die finnisch-französische Philosophin zitiert Alberto Moravia:

„Ich entdecke, dass ich Mitglied einer Art bin … weil die Art bald aussterben wird.“

Am 6. August 1945 fiel die Bombe auf Hiroshima. Siebzigtausend Menschen starben in der Unmittelbarkeit des Detonationsgeschehens. Der Atomblitz sorgte für bizarre Formate. Hundertsechzigtausend Tote zählte man im weiteren Verlauf, bevor der Schleichtot eintraf. Bourbon erinnert daran, wie ungerührt der erste Atombombenabwurf, kaum verschleiert als Test, in Amerika gehandelt wurde.

Sieger:innen kennen keine Reue, und wenn doch, fliegen sie aus dem Verband und das Beste, was ihnen dann noch passieren kann, ist eine solide Krankengeschichte. Ein Beispiel liefert der angeblich bereuende, sogenannte „Hiroshima-Pilot“ Claude Eatherly, der mit der Tat unmittelbar nichts zu tun hatte, wie ein Hauptakteur mit ehrabschneidenden Absichten wiederholt erklärte.

Colonel Paul Tibbets, Pilot des Atombombentransporters Enola Gay, bestand darauf, Eatherlys Bedeutungslosigkeit herauszustreichen. Eatherly war in stationärer psychiatrischer Behandlung (und zudem kriminell auffällig geworden), als ihn der Philosoph Günther Anders zur Stimme des Gewissens hochjazzte. Er machte aus Eatherly den großen Anderen im Verhältnis zu dem dann vielleicht doch nicht so pflichtpedantisch-banal-bösen Adolf Eichmann.

Der eine empfindet Reue, der andere beruft sich auf sein Amt. Das war schon zum Zeitpunkt des publizistischen Coups, den Anders landete, eine verkitschte Konstellation. Beide Personen der Zeitgeschichte äußerten sich unter den Vorbehalten der Selbstdarstellungsvorteile. Zu fragen ist ferner, ob nicht in Anders‘ Ignoranz von Eatherlys Zwielichtigkeit ein Element ungewollter Relativierung verborgen blieb.

Amerikanische Soldaten konnten auch in der Distanz der Zeugenschaft dazu ermutigt werden, die Einsätze über Hiroshima und Nagasaki als Kriegshandlungen zu bewerten, während sich der Holocaust so nicht deuten lässt.

Bourbon verweist implizit auf die Schwierigkeiten der Japaner: in ihrer kalten Kultur das Hiroshima-Gedenken nicht im Ritual erstarren zu lassen.

Kalte Kulturen beobachtet man in weitgehend herrschaftsfreien Gesellschaften, die so weit wie möglich von der industriezivilisatorischen Norm entfernt bestehen. Claude Lévi-Strauss fiel auf, dass stark vereinzelte Ethnien Systeme zur Vermeidung von Veränderungen vital halten. Um degradierende Bezeichnungen aus der Palette der „Primitiven Völker“ außer Kurs zu setzen, wählen Freund:innen einer gerechten Sprache den Begriff kalte Kultur.

Das trifft zwar alles nicht auf die seit 1853 in einem Nachahmungsfestival furiosen Japaner zu. Trotzdem fürchtet das offizielle Japan kulturelle Kontaminationen und strebt kulturkalte „Reinheit“ an. Diese Vorgabe erzwingt statuarische Formen. Die Formen beweisen bei allen Gelegenheiten Resistenz.

*

Bei Moravia geht es ab einem bestimmten Punkt stets um die Bombe so wie Stanley Kubrick sie im Strangelove Modus sah. Diese apokalyptische Zuspitzung vollzieht sich in der Gleichzeitigkeit des Wettlaufs zum Mond und La dolce vita nach Motiven von Federico Fellini. Die einen schicken Hunde ins All, die anderen steigen zum Beweis ihrer Gleichgültigkeit gegenüber einer Zukunft im atomaren Winter in den Trevi-Brunnen*.

*Wikipedia: „Das süße Leben (Originaltitel: La dolce vita) ist ein Schwarzweißfilm von Federico Fellini aus dem Jahr 1960. In den Hauptrollen sind Marcello Mastroianni, Anouk Aimée, Yvonne Furneaux, Anita Ekberg und Alain Cuny zu sehen. Weltberühmt wurde die Szene mit Ekberg im Trevi-Brunnen.“

Bourbon berät Fellini. Sie ist bei den Dreharbeiten zu La dolce vita dabei. 

Gleich mehr.