MenuMENU

zurück zu Main Labor

04.05.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Falsche Amerikaner:innen

„Ein Buch über den Nahen Osten musst du in der ersten Woche schreiben. Je länger du dich hier rumtreibst, desto weniger kapierst du.“ Joris Luyendijk

„Nur Kinder glauben, dass der Teufel Hörner hat.“ Gesehen auf einem (von Karl dem Großen persönlich in Auftrag gegebenen) Kirchenportal.  

*

Foucault beschreibt die Ehe, so wie Augustinus sie verstand, als paradoxes Projekt. Sie bildet einen frühmittelalterlichen Rahmen für „die Askese der Keuschheit und die Moral der Ehe“. Sie geht von „freundschaftlichen Beziehungen aus, die den ehelichen Frieden gewährleisten“. Leslie und Cyril Northbelt verfahren so, ohne je darüber nachgedacht zu haben. Beide verbrachten ihre Kindheit und Jugend in Heimen; stets wurden die ihren geächteten Eltern Entzogenen zur Geselligkeit im Geist einer rigiden Gemeinschaft angehalten. Das Programm lehrte Leslie und Cyril, auf Durchzug zu schalten. 

Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Leslie und Cyril kommen Augustinus' Begriffen vom guten Miteinander sehr nah. Die aus Weliki Nowgorod gebürtigen (Nowgorod war die erste Kapitale der Kiewer Rus) Agent:innen sind nach ihrer Legende expatriierte Amerikaner:innen, geboren in La Crosse, einer katholisch geprägten Stadt im Bundesstaat Wisconsin. Am 10. Dezember 2016 erreicht das Paar die Schockwellen eines Anschlags nahe der Beşiktaş Jimnastik Kulübü-Heimspielstätte, einer Vodafone-Arena.

Beşiktaş Istanbul wurde 1903 gegründet.   

Leslie und Cyril präsentieren sich als Vertreter:innen einer humanitären Nichtregierungsorganisation namens Alepha. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen sie auf der Seite jener, die in Erdoğans Repressionszirkus durch die Mangel gedreht werden. Die Wahrheit ist komplizierter. Solange Erdoğan dem Westen Steine in den Weg legt, bleibt er für Putin in einer positiven Weise interessant.   

Ivan Krastev und Stephen Holmes halten sich in ihrer als Abrechnung deklarierten Analyse Das Licht, das erlosch lange mit buchstäblich abwegigen Adaptionen westlicher Modelle auf. Das Übernommene unterliegt der Abwehr. Formate werden technisch eingesetzt. Man borgt Instrumente in beinah antinomischen Prozessen zwischen Einverleibung und Distanzierung. Die Entleihung der Mittel soll sich nicht auf die Identität auswirken. Das beschreibt ganz gut das Dilemma, in dem sich Leslie und Cyril befinden.  

Reaktionärer Nativismus

Erdoğan und Putin halten den „westlichen Universalismus (für) notdürftig getarnten Partikularismus“. Nach ihren geostrategischen Begriffen verschleiern die „Vorkämpfer:innen der Freiheit“ den westlichen Expansionsdrang mit Moralgirlanden und mit auf Quarkfüßen stehenden Moralmonstranzen. 

Erdoğans Partei gewordene Bewegung „für Gerechtigkeit und Aufschwung“ nennt sich „die Tugendhaften“. Ihrem Führer folgen die Parteigänger:innen mit religiöser Leidenschaft. Als ihr Präsident sie in der Putschnacht des 15. Juli 2016 auf die Straßen des Landes rief, kamen sie zuhauf und in Scharen. Das waren Scharen in Schlafanzügen. Sie traten gegen die Panzer der Putschisten und verfluchten die zum Umsturz befohlenen Rekruten, die oft gar nicht wussten, in wessen Namen sie handelten.

Der Präsident nutzt die Gunst der Stunde zum Durchregieren. Er zerschlägt die eh ruinierte Gewaltenteilung.