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09.05.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Unerklärtes Upper-Class-Portfolio

Nach ihren Dauerläufen sind sie vielmehr angeregt als erschöpft. Ahnhye und Heechoi sieden in einer Glut aus Glückshormonen.

Nach ihren Dauerläufen sind sie vielmehr angeregt als erschöpft. Ahnhye und Heechoi sieden in einer Glut aus Glückshormonen. Die Unterlegene erforschend, bringt Ahnhye das Gespräch in ihrem avant-kargen Apartment auf Phantasien, ohne selbst etwas preiszugeben. Die Architekturstudentin mit dem unerklärten Upper-Class-Portfolio und einer heimlichen Kunstproduktion dominiert das Verhältnis. Werkstudentin Heechoi patzt selten in der Rolle der Verehrenden, Anschmachtenden und (in einer ausufernden sinnlichen Prozesshaftigkeit) Nachfolgenden. Sie weiß, was von ihr erwartet wird. Sie will auch nichts anderes, als hingebungsvoll bewundern.

Heechoi läuft lustvoll hinter Ahnhye her. Bei ihren Trainingsläufen überholt sie die Schönere und Schnellere auf Kommando. Sie gibt die Häsin, während Ahnhye die Performance der Ergebenen rezensiert. Ahnhye findet freundliche Worte. Spielerisch kaschiert sie eine Geringschätzung, die sie bei anderen Gelegenheiten zugibt. 

Die Laufgemeinschaft brandet mit einem enormen Schauwert als 내 친구처럼 . Über siebzigtausend Abonnent:innen verfolgen die beinah stündlichen Statusmeldungen auf Instagram. Das Leben von Ahnhye und Heechoi dreht sich solange ausschließlich um Fitness, Diäten, Körpergewichtsdebatten, gesunde Lebensmittel, kalorienarme Gerichte und Getränke, bis die Ethnologie-Professorin Erica Lye aus dem Duo ein Trio und die Literatur zu einem weiteren Thema macht.  

Die Besiegelung der Erweiterung vollzieht sich auf einer Insel im Südchinesischen Meer. Auf Tap Mun werden Fischernetze noch von Hand hergestellt. Eine singende Handwerkerin beklagt den Zahn der Zeit.

Es ist das alte Lied vom mythischen Ursprung. Auf der Suche nach authentischem Seemannsgarn, Sirenensonetten, meerjungfräulichen Offenbarungen sowie einer gesungenen Wahrheit von Damals führt eine Hongkongchinesische Professorin Higgins die Debütantinnen durch die unvertrauten Labyrinthe archaischer Armut.

Erica gibt sofort vollständig den Ton an.

Die Insulaner:innen halten ihre Heimat so sauber wie jedes schwäbisches Kehrwöchnerinnenkombinat. In einer elegischen Szenenfolge fegt ein komunales Ensemble vor den Augen der Festlandnarzisstinnen mit antikem Gerät angeschwemmten Unrat vom Strand. Eine segelnde Abteilung räumt in der Zwischenzeit das Meer auf.  

Die Insel ist Heimat der Bootmenschen: Tanka genannt. Sie haben ihre ozeanische Lebensweise aufgegeben, sind aber immer noch in einem Rahmen eigentümlich und verbunden, der die Grenzen des bloß Folkloristischen offensichtlich sprengt. Sie existieren nach einem (in einem Rechtsstreit des 18. Jahrhunderts bestätigten) Gewohnheitsrecht und gehören historisch zu dem Reservoir der Geächteten. Ihre Minoritätskarriere begannen sie im Filter einer Fremdwahrnehmung, die sie nachweislich ab dem 11. Jahrhundert als tierische Barbaren vor Ort denunzierte. Man unterschied zwischen Fisch-, Austern- und Wald-Tanka.

Um als Tier und Barbar diskriminiert zu werden, brauchte es in China lange wenig mehr als die Annahme, nicht chinesisch zu sein.

Die Nachkommen der Parias stecken zweifellos noch in einer Stigmatisierungsschlinge. Unter sich beanspruchen Tanka auch eine ethnische Sonderrolle. Sie wird ihnen ferner zugeschrieben.

Für die Tanka vergangener Jahrhunderte war das Meer ein Zufluchtsort. Als Geächtete flohen sie vor ihren Verächter:innen auf die offene See.  

Sie bewahren von der Han-Kultur abweichende Überlieferungsformen. Dazu gehören Lieder mit tonalen Spezialitäten. Die lässt sich Erica vorsingen. Am eifrigsten singt eine Austernfarmerin, die als Aktivistin des in China inferioren Christentums auftritt. Als hochvitale und völlig entriegelte Repräsentantin von vermutlich einem halben Dutzend gravierender Abweichungen vom Hongkonger Normalverlauf, dreht sie ihr Riesenrad der Differenz mit närrischem Frohsinn.