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15.05.2021, Jamal Tuschick

Mammut der Moderne

„Wir können nicht über die Kunst schreiben, ohne uns auf die Schönheit zu berufen.“ Adam Zagajewski

Die Vorzeichnungen zur Recherche erscheinen in Feuilletons. Zehn Jahre nimmt Proust Anlauf, bevor er den Mammut der Moderne in Personalunion zeugt und gebiert. Die ersten Skizzen publiziert der Meister aller Klassen 1912/13 im Figaro. Die Vorproduktion trägt den Titel Der gewendete Tag. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in den Vorabdrucken.  

Früher Wahrnehmungsrausch

Beim Anblick einer Blume wird das Kind wiedergeboren, das sie einst zum ersten Mal sah. So beginnt das erste Stück im Vorgriff auf die Proust'schen Madeleines. Das erzählende Ich assoziiert Weißdorn mit den Mysterien einer Marienandacht vor langer Zeit. Die Initialzündung eines frühen Wahrnehmungsrauschs öffnet in ihm eine Tür.

Entstellende Sichtweisen

„Das Gehäuse, in dem ... Proust dichtet, ... entspricht ... dem Cordon Sanitaire, den Prousts Vater als Arzt entwarf.“  Alexander Kluge

„Wir Menschen sind ... kognitiv ... weiter als ... unsere Biologie. Trotzdem spüren wir die Auswirkungen der neurophysiologischen und hormonellen Grundlagen des Fight-or-Flight-Geschehens, denn sie sind in uns veranlagt.“

*

„Wir ... (erleben gleichzeitig) widersprüchliche Gefühle und Impulse ... Bei uns ist (es) komplexer als beim Hund, dem nicht klar ist, ob er aus Angst oder Wut bellt.“ 

Aus „Burn On: Immer kurz vorm Burn Out. Das unerkannte Leiden und was dagegen hilft“, von Bert te Wildt und Timo Schiele  

Baron Charlus vermisst das ein oder andere Herzogtum, das lange im Besitz seiner Familie war. Er entwickelt eine absurde Melancholie ob solchen - den persönlichen Spielräumen kaum zurechenbaren - Verlusten. Sein Schöpfer erkennt in der Erschöpfung des alternden Snobs die wahre Eleganz. Charlus' effektivste Gegenspielerin ist Gilberte Swann. Die Tochter einer Kurtisane ersten Ranges steigt zur Marquise de Saint-Loup auf und überstrahlt schließlich die Pariser Gesellschaft. Gilbertes Vater erlebt seine Ehe als Fehlgriff, die Prousts eigene Ehelosigkeit in gewisser Weise erklärt. Der Autor lagert Kalamitäten in der Konsequenz erwachsener Entscheidungen aus; er deponiert sie bei anderen. 
 
Marcel Proust,„Der gewendete Tag. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in den Vorabdrucken“, aus dem Französischen von Christina Viragh, Hanno Helbling, Menasse, 24.90 Euro
 
„Bei Der gewendete Tag handelt es sich um ein Mosaik aus neunzehn Prosastücken, die von 1912 bis 1923 in Zeitschriften erschienen und Die Suche nach der verlorenen Zeit eindrucksvoll vorbereiten und ergänzen.“ (Aus dem Pressetext)

 

Anders angesteuert:

Joyce verdoppelt sich im „Ulysses“. Stephen Dedalus trägt die schöne Jugendstirn eigensinnig zur Schau. Leopold Bloom verkörpert den gehörnten Narren, der sich seelisch von Kleinanzeigen ernährt und seiner Frau Molly als Beispiel für die fadeste Impotenz dient. Joyce spaltet einen Dubliner Bürger in alt und jung, in hochfahrend und gedimmt.

Proust beharrt auf jüngere Selbstausgaben. Der alternde Autor spiegelt sich flüchtig im alternden Personal. Geschwätzig werden lässt er den deklassierten Baron beim Herunterbeten dynastisch-anachronistischer Privilegien zu Beginn eines „Abend(s) bei den Verdurins*“.

Mit einer kuriosen Ableitung reklamiert der von Bequemlichkeit gleichermaßen zersetzte und aufgetriebene Charlus für sich immer noch das Recht, überall der Erste zu sein. Dies sei geboten, da „wir“ in allen (Charlus' trauriger Gegenwart vorangegangenen) Jahrhunderten die kriegerischen Sturmspitzen bildeten.

*„Die Recherche (wird) ... zu einem Roman sozialen Wandels, des langsamen Zusammenbruchs gesellschaftlicher Stratifikationen, der Umkehrungen all dessen, was (Proust) bislang von gleichsam ontologischer Gültigkeit erschienen war. Gegen Ende ... kulminiert diese Bewegung in einer Figur radikaler Entropie: Mme Verdurin, deren Salon zu Anfang noch so unendlich weit vom Faubourg Saint-Germain entfernt gewesen war, entpuppt sich zum Erstaunen Marcels als die neue Prinzessin von Guermantes.“ Quelle/Reynaldo Hahn

Mütterlicher Fürsorgeexzess

Madame Proust reist mit ihrem leidenden Sohn nach Venedig. Die Frau eines Epidemiologen, der schon mit knapp dreißig Chef der Pariser Charité war, und im Augenblick des Geschehens ein General des französischen Gesundheitswesens mit ungeheuren Verdiensten ist, lieferte ihrem Mann bereits Anlässe für die Vermutung, Neurasthenie sei eine Folge mütterlicher Fürsorgeexzesse.

Adrien Achille Proust (1834 - 1903) ist ein unfassbar tüchtiger Mann und insofern das schiere Gegenteil seines Sohnes Marcel, der von den flüchtigsten Erscheinungen des Lebens förmlich aufgehalten wird. Der alte Proust findet in der Hygiene einen Zivilisationsschlüssel. Seine titanische Natur versichert Frankreich gegen manchen Schrecken, der sich im Schatten von Seuchen vorschleicht. Außerdem verfasst der Supersenior ein Standardwerk zur Behandlung von Neurastheniker:innen.

Die Mutter hält an ihrer (das Kind überthronenden) Praxis fest. Sie ist für Marcel, was Adrien Achille P. für Frankreich ist. In Venedig beginnt Marcels Tag mit der Aussicht auf „den goldenen Engel des Campanile von San Marco. Schimmernd in einer Sonnenhelle, die seinen Umriss dem Blick beinahe entzog, verhieß er mir mit seinen weit geöffneten Armen“. Und so weiter. 

Kanäle ohne Boulevardcharakter
 
Der Erzähler nimmt die Aussicht und den Einfall des Lichts selbstverständlich (noch) liegend zur Kenntnis. Er stellt Stimmungsvergleiche an. Vor allem feiert er den Auftritt biederer Familien etwa vor dem Relief einer Renaissancefassade oder unter dem Schild eines Friseurs. Aus Baudelaires Fleurs du Mal macht der Erzähler „blaue Blümchen“.
Die Mutter folgt dem Kranken zärtlich in die Ausweglosigkeit. Er hat sie mit Schwäche erobert und triumphiert über den omnipotenten Vater, der als Gatte längst ins zweite Glied der Bedeutung zurückgestoßen wurde. Die den Weltmann fabelhaft abspaltende Komplizenschaft liefert Proust Gelegenheiten, seinem Vergnügen an Valeurs des Unterschwelligen nachzugeben.
Sein kindliches Ich genießt die mit einer komplizierten sozialen Mechanik verbundene Macht über die Mutter. Das Arrangement erinnert an archaisch-terrassenförmige Bewässerungsanlagen, ein System mit Kanälen, Dämmen und Klappen.
Seine Vorliebe für Pagen maskiert der Erzähler mit einem Interesse an „jungen Frauen aus dem Volk, solche, die Streichhölzer verkaufen, Perlen aufziehen, Glas bearbeiten oder Spitzen herstellen, kleine Arbeiterinnen mit großen schwarzen, gefransten Umhängen“.
Der Erzähler sieht diese Personen auf oder neben Kanälen ohne Boulevardcharakter, die in den Darstellungen etwas Geisterbahn-Labyrinthisches kriegen.

Verdeckte Manöver

Die Spielfigur der große Liebe des Erzählers heißt zunächst Gilberte* und erscheint als Tochter des Lebemannes Charles Swann. Gilbertes Mutter Odette hat eine Vergangenheit als Sexarbeiterin der gehobenen Klasse. Swann heiratete erst nach der Verflüchtigung des Liebeswahns. Sein Beobachter Proust verliert sich in Feinzeichnungen der Groteske.
Alexander Kluge schreibt in seinem Vorwort zu Ulrike Sprengers Proust-ABC, das „Gehäuse, in dem der Hieronymus Proust dichtet, ... entspricht ... der Cordon Sanitaire, den Prousts Vater als Arzt entwarf. Er identifizierte Ägypten als Einfallstor der Erreger der Cholera. Er half, einen Ring der Abwehr zu errichten, reichend über Persien und Südrussland. (Das Pariser Korkzimmer) in das sich der Sohn des Epidemiologen einschloss, ist (gleichwohl) ein öffentlicher Raum“, nämlich ein markanter Schauplatz des Welttheaters in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin).
Précaution inutile/Pagenliebhaber
*Gilberte verkörpert sich später in Albertine. Hinter der gegengeschlechtlich-schicklichen Liebe verbirgt und offenbart Proust sein Verhältnis zu Alfred Agostinelli.
Mit Thomas Mann teilt Proust eine Vorliebe für Pagen. Er schwelgt in Emanationen des Subalternen. Das Kellnergenre entspannt ihn. Es entlastet einen Mann, der sein Ungenügen kennt. Er umkreist seine Inferiorität, wenn er keinen Zweifel daran lässt, dass er als Verehrer Gilbertes Familie nicht angenehm ist.
Die Umworbene gibt sich wenig Mühe. Gilberte erweist sich als kaum einnehmbar von dem kurios-komplizierten Patron, der sich ihren Launen unterwirft.
 
Informativer Vorwitz
 
Räumlich residieren die Guermantes' unter den Prousts. Gesellschaftlich stehen sie aber turmhoch über den Großbürgern, die sich den informativen Vorwitz ihrer Magd Françoise gefallen lassen. Françoise verausgabt sich in Beobachtungen des Treibens der herzoglichen Guermantes'. Der Erzähler bestimmt die Gefühlslage der Subalternen als Wechselbad zwischen Leidenschaft und Verachtung. Es wäre falsch, daraus leidenschaftliche Verachtung abzuleiten. Im Abendglanz der Belle Époque sind Bedienstete die wahren Erben der Aristokratie. Der Dünkel wohnt jetzt fest bei ihnen. Ihre Herrschaften spornen sie zu größerem Snobismus an. Jede Bescheidenheit der Argbeitgeber:innen beschämt sie. Proust erheitert die reaktionäre Attitüde. Er rühmt Françoises dumme Agilität, ihre Selbstverleugnung und den Hass auf die eigene Klasse. Er präsentiert sich schon als indolenter Zuschauer häuslicher Spektakel. Die Guermantes verkörpern eine unerreichbare Nähe. Die Nachbarn könnten nicht weiter weg wohnen, so fern stehen sie dem bourgeoisen Betrieb. Proust teilt mit Françoise die Begierde, den Unterschied auf die Spitze zu treiben. Auch ihm kann die Differenz nicht steil und schroff genug sein. Er weidet sich an der Unerreichbarkeit der fürwahr Nobilitierten. Die Errungenschaften der Französischen Revolution schätzt er mutwillig gering.

Das Alter macht Françoise schlechte Laune. Manchmal versäumt sie es, der Koketterie ihrer jungen Jahre rasch genug den Riegel der Gesetztheit vorzuschieben. Proust erfasst die Nuancen.

Proust registriert Zuträgereien und verdeckte soziale Manöver. Er sieht Anmut, Liebreiz und entzückendes Gebaren, wo andere eine speichelleckende Durchtriebenheit erkennen würden. Françoise verkörpert eine Prachtausgabe der auch in ihrer seelischen Begrenztheit unterworfenen Dienerin. Mitunter maskiert sie ihre Stellung auf der Gesindeleiter mit einem herrisch-harschen Auftritt. Der junge Herr lässt ihr das durchgehen ... in einem Spiel, dessen Regeln er bestimmt.

Putzig findet Proust, dass Françoises Wert darauf legt, von ernsthaft reichen Leuten unterdrückt zu werden. Nicht allein nach ihren Begriffen zeigt sich der Rang einer Familie an der Noblesse ihres Maître d'Hôtel. Große Leute beschäftigten regelrechte Herren, die sich für vieles zu fein sind und sich mit Ihresgleichen nicht gemein machen. Sie streben danach, arroganter zu wirken als die Herzöge, deren Stiefel sie wichsen.

Ich musste sechzig Jahre alt werden, um zu erkennen, wie ausdauernd Proust in Machterotik schwelgt. Die arbeitende Bevölkerung fasziniert ihn wie die Ethnologin die Steinzeitgesellschaft. Er folgt Françoise in jeden Winkel ihrer kiebigen Recherchen. Man könnte von Stallmeistereien reden. Lauter informelle Mitarbeiter:innen werden nicht müde, auch noch das Letzte in Erfahrung zu bringen.

Proust stellt Françoise kauzig dar. Die Frösche von Combray sind ihre venizianischen Gondeln: eine Sehnsuchtschiffre.

Das Material des Himmels

Der „unermüdliche Flug der Mauersegler“ vor seinen Pariser Fenstern erscheint dem Debütanten als ein „Feuerwerk von Leben“.

Ist das eine prosaische Übertreibung? Oder eine Indolenzfeststellung ex negativo? Proust kommt leidend auf die Welt. Er leidet mit beachtlicher Ausdauer. Seine Familie überzieht er mit dem Geflecht der Schonung. Seine Krisen geben den Takt an. Die Mutter stellt die fadenscheinige Gesundheit ihres Sohnes in das Zentrum eines gehobenen Fin de Siècle-Alltags. Sie nährt die Dünkel des Sohns und formt seinen Snobismus nach den Regeln einer herablassenden Gesellschaftsschicht.

„Manchmal füllte der Ozean fast mein ganzes Fenster, das durch einen Streifen Himmel besonders hoch erschien.“

Der Horizont „absorbiert und verflüssigt Schiffe“ aus dem Hafen einer vom Erzähler imaginierten Gemäldegalerie. „Der Bug und das Tauwerk“ sind aus dem Material des Himmels. Dessen Blau gewinnt die Konsistenz von Baustoffen.

Das Regime der Krankheiten

„Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus Tugend machen: aber ich durchschaue euerSelbstloses ... Aber du fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.“ Nietzsche

Der Künstler als Knabe gibt in der Sommerfrische den abgebrühten Beobachter. Er bemerkt „unfreundliche“ Hügel am Strand von Balbec. Den Bahnhofsvorsteher verortet er „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelt auf den „künstlichen Marmor“ der Monumentaltreppe im Grandhotel seines Aufenthalts herab. Den Direktor, „ein Fettwanst im Smoking“, verdächtigt er „einer kosmopolitischen Kindheit“.

„Nicht das ‚Ich’ setzt sich zuerst ... sondern das ‚Nicht-Ich’ ... als der Halt gebende und bergende Widerstand ... Der ‚haltende’ Widerstand des Anderen ist älter als das ‚gegen’ dieses ‚Andere’ geborene ‚Ich’.“

Diese Klärung von Horst Tiwald bestätigt Marcel Proust auf jeder Seite der ausufernden Vorzeichnungen zurRecherche. Ohne die umfassende Gegenwart naher Verwandter droht das Kind augenblicklich zu erlöschen. In der Sommerfrische dient eine Großmutter als Ambulanz gegen die Panik. Es steht nicht zu befürchten, das sie mit der Unwillkürlichkeit einer Ahnungslosen Schäden am Enkel anrichtet.

Die Ahne verabredet mit dem vielschichtig Leidenden eine Reihe von emergency measures, darunter so archaische wie Klopfzeichen. Die Stunden der Abgeschiedenheit im Bett stellen für sich genommen bereits einen Notfall dar. Im Regime der Krankheiten ist Marcel fern der Mutter stets nah dem Tod. Der Schlaf bringt die Gespenster der Angst.

„Ein Verständliches muss dem Verstande gegeben sein, und er versteht es nur durch Unterscheidung. Das Unterschiedene aber muss er verbinden; sonst kam er nicht zum Verstande des Ganzen.“ Johann Gottfried Herder

Der Erzähler verkörpert eine ideale Fin de siècle-Figur. Er erscheint als geborener Snob in einer Umgebung, die sich an seinen Extravaganzen nicht stößt.

Das Hotel in Balbec beherbergt Provinzfürsten, auf die Marcel herabzusehen geneigt ist. Mit seiner falschen Marmorempore entbehrt das Haus jene Pariser Herrlichkeit, die außer Marcel vor Ort keiner entbehrt. Altmeisterlich charakterisiert der Erzähler den Typus und seine Varianten.

Er würde sich lieber „in einer vornehmeren Gesellschaft ... präsentieren ... als in der (seiner) Großmutter“, die ihre Sparsamkeit zur Schau stellt und so den Enkel beschämt.

Vorläufige Endgültigkeit

„Die Sprache wird zum ‚Nervensystem der Menschheit’.“ Horst Tiwald

„Der Edle lässt das, was er nicht versteht, ... beiseite. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande.“ Konfuzius

Jede Trennung von der Mutter verschärft die Dauerkrise des Daseins. Die ständige Atemnot und eine solide Hinfälligkeit signieren einen Zustand, dessen Ladungen nur mit komplizierten Narrativen gesichert werden können. Die fadenscheinigste Normalität hält wie eine zu kurze Decke notdürftig her. Das kranke Kind entgeht allein in der Gegenwart der zu äußerster Fürsorge entschlossenen, restlos alarmierten und in permanenter Bereitschaft gehaltenen Mutter der Panik eines Ertrinkenden. Falls sich eine Unterbrechung der Symbiose nicht abwenden lässt, treten Vorkehrungen in Kraft, die das schlafende Genie mit doppelten Belichtungen herausfordern. Die Mutter verabschiedet sich zu einem so frühen Zeitpunkt, dass dem Abschied wenigstens eine Dimension fehlt; so dass die vorläufige Endgültigkeit sich wie in einem Jahrmarktsschwindel auflöst. Man ist eben erst auf dem Bahnsteig angekommen; der Zug fährt noch gar nicht ab. Die Frist wirkt als Puffer. Erst als der halbwüchsige Erzähler seinen Platz im Coupé einnimmt, beweist sich die Abwesenheit der Mutter „in einem Moment ohnmächtiger Klarsicht“ als unabweisbare Tatsache. Der Mutter als Ersatz dient eine Großmutter. Mit ihr reist Marcel in die Ferien.

„Meine Mutter, die mich mit meiner Großmutter nach Balbec schickte und allein in Paris zurückblieb, konnte sich denken, wie verzweifelt ich war, sie verlassen zu müssen; sie beschloss deshalb, uns lange im Voraus ... Adieu zu sagen.“

Aus der Ankündigung

Die «Recherche» en miniature

Zum 150. Geburtstag des großen französischen Romanciers am 10.7.2021 erscheint hier ein Destillat von Prousts siebenbändigem Hauptwerk in Neuausgabe. Darin begegnet man bereits den Guermantes und Verdurins, Albertine und vielen anderen bekannten Figuren aus dem Proust-Kosmos, oft in überraschender Beleuchtung und reizvoller Akzentuierung. Bei «Der gewendete Tag» handelt es sich um ein Mosaik aus neunzehn Prosastücken, die von 1912 bis 1923 in Zeitschriften erschienen und «Die Suche nach der verlorenen Zeit» eindrucksvoll vorbereiten und ergänzen. In der kongenialen Übersetzung von Christina Viragh und Hanno Helbling bietet dieser spezielle Band Kennern wie Entdeckern einen komprimierten Proust. 

«Keine schönere Einladung zur Lektüre Prousts scheint denkbar als diese von ihm selbst ausgewählten Begegnungen eines vielschichtigen Bewusstseins mit einer unendlich genau erfassten Wirklichkeit.» Karlheinz Stierle, NZZ

Marcel Proust (1871-1922) wuchs in Paris auf und studierte dort Jura, war aber nur kurze Zeit als Anwalt tätig, da er als Sohn eines wohlhabenden Arztes finanziell unabhängig war. Er verkehrte in den Pariser Salons und führte das mondäne Leben eines Dandys, bis er im Alter von 35 Jahren wegen seines schlimmen Asthmaleidens zum Rückzug aus der Gesellschaft gezwungen war. In der Einsamkeit seiner Wohnung am Boulevard Haussmann verdichtete er seine Beobachtungen und Erlebnisse zu seinem Hauptwerk «A la recherche du temps perdu» (7 Teile, erschienen 1913-1927), das er erst wenige Monate vor seinem Tod beendete. Marcel Proust, 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, gilt neben Joyce und Kafka als Begründer der literarischen Moderne.