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20.05.2021, Jamal Tuschick

Aus dem Roman

»Schlimmer als unser Auto kann es auch nicht sein.«
»Stimmt.«
»Wenn es liegen bleibt, können wir mit Bus und Zug weiterfahren.«
»Mit dem Bus?«
»Stell dir doch bloß vor, wie viele Leute wir kennenlernen würden.«
»Ja«, sagte er. »Ich kann es mir lebhaft vorstellen.«
Sie tranken ihren Kaffee aus und fuhren wieder los. Beim Fahren war es zu laut für eine Unterhaltung. Bea breitete die Landkarte vor sich aus, glich sie mit dem Navi ab, träumte vor sich hin. Lastwagen überholten sie, und Dan umklammerte das Lenkrad wegen der Luftwirbel. Ein seitlicher Wind fegte Regen und Dreck über die Straße. Dann veränderten sich Landschaft und Wetter. Sie machten Halt, nun fuhr Bea und fädelte sich in den Verkehr ein. Mittlerweile war es heiß im Auto, deswegen machten sie die Fenster einen Spaltbreit auf. Bea wollte die Klimaanlage nicht anschalten, es hätte ihr Schuldgefühle bereitet.
»Ja, Süße, jedes Mal, wenn jemand die Klimaanlage benutzt, stirbt ein Eisbär«, sagte Dan schwitzend.

Negierte Herkunft

“It's a book about a young couple ... she comes from a ... wealthy family, he comes from poverty.” Sadie Jones

Beatrice Adamson, kurz Bea, negiert ihre Herkunft. Die Prinzessin aus angelsächsischem Geldadel erschöpft sich in der (fürsorglich interpretierten) Rolle einer Psychoanalytikerin (in einer Beratungsstelle in Stamford Hill). Den prekären Existenzen ihrer Klientel schenkt sie so viel Aufmerksamkeit, dass man den Aufwand degoutant finden kann. Ständig ist Bea am Helfen. Sogar in der Mittagspause; in einem Gebrauchtwarenladen an der Holloway Road Station (London Borough of Islington) bewahrt sie eine überforderte Mutter vor sich selbst. 

Sadie Jones, „Die Skrupellosen“, Roman, aus dem Englischen von Wibke Kuhn,  Penguin Verlag, 22,-

Die Frau, sie heißt Emma, argumentiert mit einem Messer in der Hand. Bea übertrifft sich mit einem Mix aus Deeskalation und Moderation. Zuhause wartet ein erschöpfter Möchtegernmaler. Nein, Daniel Durrant, kurz Dan, ist ein richtiger Künstler, der sein Geld in der Immobilienbranche verdient. 

Sadie Jones erzählt, wie sich Bea und Dan zum ersten Mal begegneten: in einem fabelhaften Art goes Clubbing-Moment im Bussey Building. Dan trat als ausstellender Künstler auf; ein schöner junger Mann direkt aus der Nachbarschaft von Peckham. 

„Bea hatte Dans Mutter kennengelernt, lange bevor er ihre Eltern traf. Jean hatte vor ihrem Besuch aufgeräumt und geputzt und neue Schoner auf die Sessel- und Sofalehnen gelegt, und es gab frisch gebackenes Bananenbrot, warm und gebuttert. Dan hatte Beas Eltern nur einmal getroffen, in einem Café in der Marylebone High Street, kurz nach ihrer Verlobung. 'Wenn wir heiraten, lässt es sich wohl nicht umgehen, dass du sie kennenlernst, aber das muss auf neutralem Terrain passieren', erklärte Bea. 'Ich fahre nicht in die Holford Road.'“

Aus der Ankündigung

Familiengeheimnisse können tödlich sein – der neue große Roman von Sadie Jones

Dan ahnt nicht, wie millionenschwer die Familie seiner Frau Bea ist. Das junge Paar lebt bescheiden in einem kleinen Apartment in London. Um der Enge zu entfliehen, nehmen sich die beiden eine Auszeit. Ihre Reise durch Europa führt sie zuerst zu Beas Bruder nach Burgund. Gerade bei Alex angekommen, kündigen sich zu Beas Entsetzen die Eltern Adamson zu einem Überraschungsbesuch an. Plötzlich wird Dan klar, dass er ein ganz anderes Leben führen könnte – warum nur distanziert sich Bea so sehr von ihrer Familie und deren Reichtum? Als ein Mord geschieht, bricht das jahrelange Schweigen auf, und weder Bea noch Dan können der Wahrheit mit ihren furchtbaren Konsequenzen entfliehen … 
Mit feinem Gespür erzählt Sadie Jones davon, wie schwer es ist, den Verlockungen des Geldes zu widerstehen – soghaft und atemberaubend spannend.
»›Die Skrupellosen‹ ist ein beängstigender Roman über die zerstörerische Kraft von Geld und Macht; so spannend und beklemmend wie die Bücher von Ian McEwan.« The New York Times Book Review

»Famos und in immer wieder überraschenden Wendungen weiß sie Spannung zu entwickeln, bis sich Verdrängtes und Unterschwelliges hin zur Katastrophe verselbstständigt.« WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ulrich Steinmetzger (15. Mai 2021)

Sadie Jones, 1967 in London geboren, arbeitete als Drehbuchautorin, unter anderem für die BBC. 2005 verfilmte John Irvin ihr Drehbuch „The Fine Art of Love“ mit Jacqueline Bisset in der Hauptrolle. Ihr preisgekröntes Romandebüt „Der Außenseiter“ (2008) wurde in Großbritannien auf Anhieb ein Nr.-1-Bestseller und war auch in Deutschland ein großer Presse- und Publikumserfolg. 2012 erschien bei der DVA "Der ungeladene Gast". „Jahre wie diese“ ist ihr vierter Roman.