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21.05.2021, Jamal Tuschick

Madison denkt nicht weiter als sie gucken kann und ist doch so umsichtig wie eine Baumwipfelbewohnerin auf dem Waldboden. 

© Jamal Tuschick

Genie der Wandlungsfähigkeit

Zur Zeit nennt sich Madison Kaskaskia aka Acadia Hogan Taconia Vermont. Sie präsentiert sich als ledige Weißnäherin an der Schwelle zur Überfälligkeit. Arglosen Zeitgenoss:innen gaukelt die Gangsterin eine konventionell Verzweifelte auf Bräutigamschau vor.

”The helicopters are vulnerable birds.”

Sie ist ein Genie der Wandlungsfähigkeit. Im Juni 1969 schlüpft die wegen zig Delikten in den Vereinigten Staaten zur Fahndung ausgeschriebene Madison Kaskaskia über die Grenze nach Kanada. Sie nennt sich Acadia Hogan, vielleicht, so spekuliert Gloom Costigan, in Anlehnung an die Zydeco-Ikone Acadia-Bajou Oghan. Wieder erfindet sich Madison neu, diesmal als sniffende und kiffende Köchin, die keine Kneipe links liegenlassen kann. Nach einem Raubüberfall in Winnipeg staffiert sie ihre Legende mit Krokodillederstiefeln aus.

Madison denkt nicht weiter als sie gucken kann und ist doch so umsichtig wie eine Baumwipfelbewohnerin auf dem Waldboden. Längst ist ihr die Angst zur Gewohnheit geworden. Mit Übungen hält sie ihre Form. Als totale Außenseiterin der zivilisierten Welt balanciert sie auf einem Grat zwischen Verbrechen und Selbstisolation. Sie verbirgt das archaische Programm unter einer Maske der exaltierten Unauffälligkeit.

Madison ist das Produkt einer katholisch-walisisch-schottisch-irischen Migration. Das betrifft lauter unterdrückte und auf eine Staatsnorm getrimmte Minderheiten im Dunstkreis englischer Suprematie. Madisons Vater ist ein anmaßender Mann; ein krimineller Spinner, frei von Verantwortungsgefühl. In seinem Tross wechselte die Familie Städte, Staaten und Namen in einem Potpourri des rußschwarzen Schwachsinns. In Massachusetts endete Madisons Kindheit. Ihre kriminelle Karriere startet 1958 in Kalifornien. Von da an ist das Gefängnis ihr zweites Zuhause. Es dient Madison als Akademie.  

In der Gegenwart von Neunundsechzig sind alle Ausbildungen abgeschlossen. In Kanada erlebt Madison zum ersten Mal die Liebe als solide Veranstaltung. Eine Weile schwebt sie über den Dingen. Unter Verkrachten erscheint sie als etwas Besonderes. Madison kauft ihrem Geliebten ein Auto, angelt einen Führerschein und legt sich eine Filmkamera zu.

Madison wähnt sich auf einer Kreuzung. Sollte sie den Weg in die Legalität einschlagen wollen, wäre der Augenblick günstig. Doch dann bricht die Einzelgängerin auf Speed wieder aus. In weniger als dreißig Stunden reißt Madison knapp dreitausend Kilometer ab, um mit einem gestohlenen 1969er Ford Mustang Mach 1 428 Cobra Jet Fastback in Portland (im US-Bundesstaat Oregon) aufzukreuzen.