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22.05.2021, Jamal Tuschick

Als Geschlagene verlieren die Griech:innen zwar ihre politische Bedeutung, doch zwingen sie ihren römischen Bezwinger:innen einen Maßstab auf, der wie ein Staffelstab über das Imperium hinausgetragen wird. Keine militärische Macht kommt gegen das Wort an. Wer als Römer etwas auf sich hält, spricht Griechisch.

© Jamal Tuschick

Programmatischer Titel

„Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn“

Irgendwo sagt Jorge Luis Borges, er habe nie aus der Bibliothek seines Vaters in Buenos Aires herausgefunden. Er arbeitete als Bibliothekar in einer Zeit „soliden Unglücks“. Ab 1955 leitete Borges die argentinische Nationalbibliothek. In seinen Gesprächen mit Osvaldo Ferrari äußert er sich zu einem Bonmot von Verlaine. Adam Zagajewski hielt das Wort solange für eine Erfindung des Argentiniers, bis es ihm im Internet begegnete.

Unter dem programmatischen Titel Art Poétique verfasst Paul Verlaine im April 1874 ein Gedicht, das seither als symbolistische Manifestation kursiert. Auf den Symbolismus angesprochen, behauptet er, das Wort sage ihm nichts; es müsse wohl Deutsch (eine ihm nicht verständliche Sprache) sein - ça doit être un mot allemand.  

Zagajewski dient die paradoxe Antwort (in einem Essay) als Hinweis auf den Hunger nach „individuellen und konkret-greifbaren Lösungen“ echter Künstler:innen. Begeistert baut der Pole die Polarisierung aus. Die Echten seien sogar Verächter:innen solcher Ismen, die sie selbst zur Welt gebracht hätten.  

Adam Zagajewski, „Poesie für Anfänger“, Essays, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Edition Akzente Hanser, 24,-

Hochmütige Verlierer:innen

In den Jahrhunderten des Übergangs zeigt sich die Macht da, wo die (mit dem Nachdruck einer Panzerarmee vorgetragene) Expansion des Christentums eine zurückschlagende Kraft entgegengesetzt werden kann. Die mit der neuen Religion belasteten Kaiser (und nach dem Niedergang Roms auch wieder Könige) stehen unter einem peinlichen Legitimationsdruck gegenüber der polytheistischen Vorgängerprominenz. Adam Zagajewski erinnert an Flavius Claudius Iulianus (331 - 363) aka Iulianus Apostata. Der  Abtrünnige auf dem Thron hasst den Gott der Christen und sehnt sich nach der antiken Vielfalt im Himmel wie auf Erden.

Man könne nicht zu einem Zustand zurückkehren, der bereits überwunden sei, so Zagajewski mit Hegel. Der kaiserliche Renegat (und glücklose Feldherr) habe sich zum Gespött der Gebildeten gemacht. Gleichzeitig dient er einer Großartigkeit des Scheiterns als Vorbild, die zumal Konstantínos Pétrou Kaváfis besingt. Eleganz der Niederlage/Hochmut der Verlierer:innen: Zagajewski schöpft aus dem Vollen, wenn es um die subtile Rache der Unterlegenen geht.

Stoischer Gleichmut im Verein mit ästhetischer Anmut als Schmuck der Geschlagenen, die viel klüger sind als ihre Bezwinger:innen. 

Kaváfis „ist der Dichter jener (Verlierer:innen), die über den (Sieger:innen) stehen“.

Als Geschlagene verlieren die Griech:innen zwar ihre politische Bedeutung, doch zwingen sie ihren römischen Bezwinger:innen einen Maßstab auf, der wie ein Staffelstab über das Imperium hinausgetragen wird. Keine militärische Macht kommt gegen das Wort an. Wer als Römer etwas auf sich hält, spricht Griechisch.