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25.05.2021, Jamal Tuschick

Ausgrenzender Verwaltungsstil

„Die meisten Italiener (wussten) nichts von Südtirol. Kaum jemand war sich darüber im Klaren, dass es ... ganz im Norden eine entlegene Ecke gab, wo die Leute Deutsch sprachen.“ 

Im Gegenzug erleben die Tiroler:innen ihre italienischen Nachbar:innen als Repräsentant:innen eines Usurpator:innenregimes. Sie verweigern die Floskeln der Höflichkeit und begrenzen jedes Entgegenkommen nach Kräften. Die Amtsgewaltigen quittieren den Widerstand mit schikanösen Verordnungen und einem ausgrenzenden Verwaltungsstil. Es gibt protofaschistische Restaurationsversuche. Man schickt reaktionäre Polizei- und Militäroffiziere nach Tirol. Manche erledigen ihre Aufgaben mit Hinrichtungsbereitschaft. Andere nehmen berufliche Nachteile in Kauf, um den Staatsterror nicht ins Kraut schießen zu lassen.  

Vito Anania ist aus anderem Holz. Der Brigadiere aus Reggio Calabria sucht die Verständigung „im Land der Sauerkraut- und Knödelesser:innen“ schließlich auch im intimen Verhältnis mit einer einheimischen Schönheit. Als Tochter eines Ausgestoßenen und Schwester eines Terroristen bewegt sich (die zur Köchin aufgestiegene Küchenhelferin) Gerda an einem Rand. Doch widersteht sie dem Unglück. Sie bewahrt ihr Gleichgewicht. Ledig brachte sie eine Tochter zur Welt, die als Erzählerin fungiert. 

Francesca Melandri, „Eva schläft“, Roman, aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Verlag Klaus Wagenbach, 432 Seiten, 15,90 Euro

Vito dient dem Kind, das Eva war, als Ersatzpapa. Er spielt mit der ganz und gar Unverwöhnten. Vor allem regt Vito eine schulische Förderung an, die weit über Gerdas Horizont geht. Für die gebeutelte Mutter liegen Abitur und Studium der Tochter zunächst außerhalb des sozialen Rahmens. Indem Vito Gerda eine bürgerliche Existenz als Gattin eines Carabinieri aus dem Süden in Aussicht stellt, hebt er auch die Tochter an. 

Zum zweiten Mal hört Gerda ihre Hochzeitsglocken läuten. Beim ersten Mal wurde sie von Evas Erzeuger, dem Sohn eines zum Großunternehmer aufgestiegenen Bettelbauernsohn (und Klassenkameraden ihres Vaters) enttäuscht, nun hofft sie auf das kalabrische Wunder Vito.  

Sture Schönheit

Die Enkeltochter eines leidenschaftlichen Faschos fährt zum Vergnügen mit der Schneeraupe über Steilhänge, die einst ihre bäurischen Besitzer:innen arm hielten. Während Eva pubertiert, verdienen sich die Erben der Armen goldene Nasen. Sie vermarkten die unwirschen Flächen als Pisten. Eines Nachts findet Eva auf einem besonders schroffen Hang „einen spitzenbesetzten Büstenhalter“. Die Sache gibt ihr Rätsel auf.

Die Autorin folgt Lebensläufen in einer Postkartenlandschaft mit hoher Selbstmordrate. Das Textmassiv erreicht Bernhard'sche Höhen. Melandris Erzählerin schaut auf Verhältnisse, unter denen ihre Vorfahren litten. Sie selbst erscheint solvent und aus dem Schneider. 

Als unehelich zur Welt gekommene Tochter einer Ausgeschlossenen fehlt Eva die familiäre Gravitation.

Nach den Gesetzen der Bergwelt gilt Evas Mutter als „Niemand“, da ihr Herkunftsfaden riss. In den Südtiroler Dolomiten registriert man den Nachwuchs nach einer antiken Klanordnung. Ein uferloses Verwandtschaftsgeflecht konkurriert mit transgenerationalen Zerwürfnissen. In der Handlungsgegenwart verfügt Eva über den höchsten Standard in einer Umgebung, in der ihre Vorfahren bettelarm waren.

Das Romangeschehen dreht sich um Evas Mutter. Gerda Hubers Geschichte bildet einen vorläufigen Schlusspunkt archaischer Kämpfe vor alpiner Kulisse - in einem abgeschlossenen Raum. Das sture Wirtschaften auf kargen Böden - dieses Festhalten am ewigen Zuwenig -prägt die strahlend zur Welt gekommene Gerda und macht aus ihr eine sture Schönheit; obwohl ihr Vater schon kein Bauer mehr ist. 

Doppelschlag des Schicksals

1919 verliert Hermann Huber seine Eltern an die Spanische Grippe. Ihr Tod erfolgt als Doppelschlag des Schicksals in einer Nacht. Am Vortag war der Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye unterzeichnet worden. Die Vereinbarung regelt unter anderem die Abtrennung Tirols von Österreich-Ungarn zugunsten des italienischen Königreichs. 

Hermanns älterer Bruder Hans übernimmt das kleine, an einem Steilhang gelegene Anwesen mit allen Rechten des Alleinerben. Jeder Starkregen spült die Krume vom Acker. Die Erde muss in Bastkörben aufgelesen und zurückgetragen werden.

Hermann verzieht sich und verdingt sich als Knecht bei reichen Bauern. Die Armut versklavt ihn. Hermann campiert in Schobern seiner Arbeitgeber:innen. Er nicht auf, sich nachts einzupissen. 

Schließlich erreicht der Faschismus auch den unwirtlichen Etsch-Zipfel. Mussolinis Pläne für Südtirol sehen eine lückenlose Romanisierung der Gegend bis zum Brenner vor. Die Leute sollen nicht einmal mehr privat Deutsch sprechen dürfen. Einheimische, für die eine so drastische Italianisierung nicht in Frage kommt, dürfen für das Großdeutsche Reich optieren. Wer seinen in einer langen Generationenreihe auf ihn gekommenen Hof nicht aufgeben will, wird unter Druck gesetzt. Hermann findet als brutaler Mitläufer eine neue Rolle.  

„Er beschmierte mit seinen Exkrementen die Türpfosten jener Hofbesitzer, die nicht fortzuziehen gewillt waren“; seinem Klassenkameraden Sepp halb er mit Gewalt auf die Sprünge.

Dann bricht der Krieg aus und niemand interessiert sich mehr für die Umsiedlung der Deutschstämmigen. Auch viele Migrationswillige bleiben. Nach dem Krieg begrüßen sie die Zurückkehrenden als Verräter:innen. Die geschlagenen Optanten finden ihre Häuser und Höfe von Italienern besetzt. Sie ballen sich in einem Slum, dem Schanghai aka Revolverviertel aka der Hungerburg. Da wächst auch Gerda unter den Vorzeichen der Ächtung auf.  

Aus der Ankündigung 

»Nur einmal in ihrem Leben konnte sich meine Mutter Gerda der Liebe eines Mannes gewiss sein, und ich der eines Vaters. All die anderen kamen und gingen wie ein Wolkenbruch im Sommer.«

Eva ist Anfang vierzig, als sie einen Anruf von dem Mann erhält, der in ihrer Kindheit eine Zeitlang die Rolle des Vaters einnahm, bevor er scheinbar für immer verschwand: Vito Anania. Er liegt im Sterben und möchte Eva noch einmal sehen. Sie reist mit dem Zug von Südtirol quer durch Italien in den äußersten Süden.
In ihrer Vorstellung entfaltet sich ihre ganze Kindheit in Südtirol: Sie wuchs im Schatten der politischen Verwerfungen einer Region auf, die drei Jahrzehnte lang der Spielball bedrohlicher Allianzen war und dann endlich den Aufbruch in die Autonomie wagte. Doch noch stärker wurde Evas Kindheit geprägt von der Liebe ihrer Mutter, der im Leben nichts geschenkt wurde.

Der Roman einer Provinz ohne Vaterland und eines Mädchens ohne Vater.

Francesca Melandri, geboren in Rom, hat sich in Italien zunächst als Autorin von Drehbüchern für Kino- und Fernsehfilme einen Namen gemacht. Mit ihrem ersten Roman »Eva schläft« wurde sie auch einem breiten deutschsprachigen Lesepublikum bekannt. Ihr zweiter Roman »Über Meereshöhe« wurde von der italienischen Kritik als Meisterwerk gefeiert. Ihr drittes Buch »Alle, außer mir« stand zehn Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.