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26.05.2021, Jamal Tuschick

Herolde der Gentrifizierung sind die Whitmans. Sie tarnen sich zwar nach Kräften, doch ist das nicht mehr als vorgetäuschte Anpassung. Schließlich stehen sie am Ende der Nahrungskette. 

„Intelligentes Habitatmanagement“

Erhitzt vom Erdofen/Vulkanischer Aufstieg

„Subduktion ... ist ein fundamentaler Prozess der Plattentektonik. Der Begriff bezeichnet das Abtauchen ozeanischer Lithosphäre (Erdkruste und der oberste Teil des Erdmantels) am Rand einer tektonischen Platte in den darunter liegenden Teil des Erdmantels.“ Wikipedia 

Auf der bolivianischen Altiplano-Hochebene drängt Wasser durch Gesteinsrisse, dessen chemische Signatur seine pazifische Herkunft verrät. Der stille Ozean unterspült die amerikanische Landmasse, steigt vierhundert Kilometer hinter der Küstenlinie vulkanisch auf und tritt in einer vom Jahrhunderte währendem Bergbau verschrundeten Landschaft zu Tage. Der erdgeschichtliche Vorgang im Dunstkreis einer Subduktion bietet sich als eskapistische Analogie zu einem narrativem Phänomen an, das mir in Therese Anne Fowlers Roman „Gute Nachbarn“, auf Deutsch von Nicole Seifert, Droemer Knaur, 20,- begegnet.

„Intelligentes Habitatmanagement“

Über hundert Seiten plätschert das Geschehen wie über eine TV-Showtreppe, die kaum nachdrücklich ihre Bedeutung im Nachmittagsprogramm erheischt. Schauplatz milder Alltagsverläufe ist eine Vorstadt tief im Süden von North Carolina. In Oak Knoll leben in gediegener, aber keineswegs hochgestochener Nachbarschaft die verwitwete und alleinerziehende Forstwissenschaftlerin Valerie Alston-Holt und ihr Sohn Xavier in einem kleinen Haus mit einem großen Garten. Ein die Gegend prägender, bemerkenswert in die Jahre gekommener Baumbestand beglückt Valerie, bis eines Tages Bulldozer das nächste Grundstück planieren und folglich da auch die Flora ausradieren. 

Valerie blutet das Herz. 

Bald sprengt eine (für das Quartier untypisch) luxeriöse Villa den Rahmen des Vertrauten. Die neuen Nachbarn kaschieren das Gefälle so gut sie es eben vermögen. Ihre Zugänglichkeit wirkt überzeugend und besänftigend. Weit weg von angestammten Verbreitungsgebieten verändert der plötzliche Reichtum die soziale Raumtemperatur. Barrieren fallen, Bollwerke werden porös. 

Herolde der Gentrifizierung sind die Whitmans. Sie tarnen sich zwar nach Kräften, doch ist das nicht mehr als vorgetäuschte Anpassung. Schließlich stehen sie am Ende der Nahrungskette. 

Brad Whitman führt ein Unternehmen. Er glaubt zu wissen, wie man mit Leuten klarkommt. Brads sozialer Radar erfasst von Valerie aber nur einen Bruchteil. Für die Eingesessene gehören Pflanzen zum Milieu. Davon zeugen  Reaktionen, denen Brad zunächst wenig Beachtung schenkt. Als er seine Ziehtochter Juniper und die leiblich in der Familienkonstruktion ankernde Lily vorstellt, erklärt Valerie:  

„Wacholder und Lilie. Pflanzen sind mein Ding.“   

*

„Die Eiche (in ihrem Garten) war der Grund gewesen, aus dem Valerie und Tom dieses Haus gewählt hatten.“ 

Valerie, die Kurse zum Thema nachhaltige Waldbewirtschaftung gibt, überprüft die Eiche „auf Anzeichen von Stress“ infolge der gewaltsamen Veränderungen im Schatten des Baums. Mit dem Fernglas observiert sie die Krone. Was sie sieht, deprimiert sie. 

Valerie diagnostiziert einen Riesenschaden „für das Wurzelsystem“; entstanden bei dem Aushub für das Schwimmbad der Whitmans. Sie verknüpft die Eiche mit dem Lebenslauf ihres Sohnes und der Geschichte des Südens aus der Perspektive soeben frei gewordener, doch weiterhin furchtbar drangsalierter Sklav:innen um 1866.

Brad fehlt jede Ahnung von Valeries inneren Dramen. Er ist auf einem ganz anderen Dampfer, als seine Nachbarin den Anwalt Wilson Everly konsultiert, der gleich mal einen „emotionalen Schaden“ von einer halben Millionen Dollar konstatiert. 

Rumms. Da tritt der Pazifik weit weg von seiner Küste aus den Anden. Er schießt mit Vulkanemergenz durch Felsrisse und tritt auf einem Plateau aus, das von oben betrachtet erst einmal keine Verbindung mit dem Meer zu haben scheint. Wie denn auch? Anders gesagt, mit allem hat Brad gerechnet, nur nicht mit einem (wegen ihm) tödlich erkrankten Baum. 

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Ein Gesellschaftsroman, den man nicht aus der Hand legen kann, weil er auf schmerzliche Weise unsere heutige Zeit verhandelt.

In Oak Knoll, einem Vorort in North Carolina, ist das Leben noch in Ordnung: Die Nachbarschaft ist grün und der Zusammenhalt zwischen den Nachbarn eng. Hier zieht die alleinerziehende Forstwirtschaftlerin Valerie Alston-Holt ihren Sohn Xavier groß. Er ist ein Musiktalent und das College-Stipendium ist ihm so gut wie sicher. Dennoch hat er zu kämpfen, denn Valerie ist schwarz, Xaviers Vater weiß, und er selbst passt nirgends so richtig hin.
Als auf dem Grundstück nebenan die Whitmans mit ihren Töchtern einziehen, verändert sich langsam, aber stetig die Gemengelage in dem kleinen Vorort. Sie sind die scheinbar perfekte weiße Familie, die den amerikanischen Traum lebt. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn hinter der Fassade verbirgt sich manches Geheimnis. Manchmal braucht es nur noch eine sterbende Eiche und eine Teenager-Liebe, um eine hübsche Nachbarschaft von einer Katastrophe erschüttern zu lassen.
Mit chirurgischer Präzision nimmt Therese Anne Fowler ihre Charaktere Stück für Stück auseinander und zeichnet mit ihrem Roman ein erschreckendes Bild des heutigen Amerika, das noch immer von Rassismus, Sexismus und Vorverurteilungen geprägt ist. Ein Buch, über das man sprechen möchte.

Therese Anne Fowler, Jahrgang 1967, ist eine amerikanische Autorin. Sie hat Kulturwissenschaft und Kreatives Schreiben an der North Carolina State University studiert und ist Mitglied des Amerikanischen PEN-Zentrum. Sie lebt mit ihrer Familie in North Carolina.