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26.05.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Lebendes Steifftier

“If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite.” William Blake

Als Elevin in der Ferienschule von Madame Goncharova gibt Michaela Pougny in der Sommerfrische die abgebrühte Beobachterin. Die Direktorin beschreibt Michaela als Repräsentantin der elegischsten Emigrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Goncharova feiere sich selbst als Beispiel für den Elitenverlust in der Sowjetunion. Michaela erkennt einen Willen zur erhabenen Physiognomie bei der alten Russin. 

Die Erbin der Pougny-Werke sieht sich versorgt von ihrer Nenn-Schwester Nana; der gekauften Tochter einer tief im Wald von Brocéliande lebenden Köhlerin. Da findet man „Merlins Grab und (die Kate) der Fee Viviane“. Zitiert nach Die schönsten Wälder Frankreichs.

Vielleicht ist auch Nana eine Fee. Jedenfalls steht sie für alle Verrichtungen zur Verfügung. Nachts dient sie als lebendes Steifftier.

Nana verabredet mit ihrer vielschichtig leidenden Michaela ständig neue emergency measures, darunter so archaische wie Klopfzeichen. Die Stunden in der Schule stellen für sich genommen bereits einen Notfall dar. Im Regime der Einbildungen ist Michaela fern von Nana stets nah dem Tod.    
 

„Ein Verständliches muss dem Verstande gegeben sein, und er versteht es nur durch Unterscheidung. Das Unterschiedene aber muss er verbinden; sonst kam er nicht zum Verstande des Ganzen.“ Johann Gottfried Herder

Michaela verkörpert eine ideale Fin de siècle-Figur, obwohl Fin de siècle seit zwanzig Jahren vorbei ist. Sie grassiert als geborene Snob* in einer Umgebung, die sich an Extravaganzen nicht stößt, sofern Geld sie begleiten. 

Das Grandhotel nahe Saint-Pierre-de-Chartreuse beherbergt Provinzfürst:innen, auf die Michaela herabzusehen geneigt ist. Mit seiner falschen Marmorempore entbehrt das Haus jene Pariser Herrlichkeit, die außer Michaela vor Ort keine entbehrt. In Altmeisterinnenmanier charakterisiert die Pubertierende das Personal und die interessanteren Gäste.  

Sie sei es leid, sich vor der schäbigen Kulisse nicht angemessen präsentieren zu können. Das vertraut Michaela ihrem Tagebuch an.