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29.05.2021, Jamal Tuschick

Ihre Mutter zwang sie, dem Vater nachzustellen. Als Agentin in Familienmission wurde Yayoi Kusama Zeugin des Affärenbetriebs ihres Erzeugers. Der Verrat schockierte sie. Die Künstlerin als Debütantin konterte Zumutungen des Unverstandenen mit „Angst vor Sexualität“. Sie cocoonierte sich in einer Obsession (für endlose Netze, in denen sie sich verfing). Sie verwandelte ihre Krise in Kunst. Yayoi Kusama ist das heimliche Original in einer Urszene des modernen Welttheaters. Stellen Sie sich Kusama an der Stelle von Yoko Ono im Bett mit John Lennon vor. Den Soundtrack liefert eine Litanei zwischen Hare Krishna und Give Peace A Chance.  

Yoko ohne Ono

Acht Räume des Berliner Gropiusbaus zeigen unter dem Banner „Made by Kusama” Rekonstruktionen wegweisender Ausstellungen © Jamal Tuschick

Japan feiert den Konformismus. Ein Nagel, der raussteht, wird reingeschlagen, sagt man da. Ein harter Riegel der Regulation ist die Scham. Leute, die sich in der Leistungsgesellschaft nicht bewähren, lösen sich von den Ankern der Zugehörigkeit. Der Wille zur Homogenität ist so groß, dass sich alte Japaner:innen lieber von Roboter:innen versorgen lassen als von Migrant:innen. In diesem Klima explodieren Künstler:innen. Sie drehen förmlich durch und starten Insane-Offensiven. 

Auch Yayoi Kusama überwindet die Schranken der Scham in einem Sturmlauf der Zwanghaftigkeit. 

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Die Ausstellung stellt Triumphe und Wegmarken der Künstlerin nach. Sie reproduziert die großen Schauen auf dem Weg zum Weltruhm, nicht aber die Atmosphären. Man ahnt eine tiefe Depression in der Restauration des Anfangs. Es folgen die Befreiungsschläge des gesellschaftlichen Aufbruchs von Neunundsechzig. Yayoi Kusama kritisiert den Vietnamkrieg. Sie schreibt Nixon einen Brief. Sie glaubt an die Macht der Liebe im Mantel der Kunst. Sie wirkt ungeheuer typisch. Im Betrachtungsnachgang ploppen lauter Documenta-Momente auf. Yayoi Kusama präsentiert sich als Zeremonienmeisterin von Bodypainting-Sausen. 

Dann ist die Party vorbei. 

Ein Muster begleitet Yayoi Kusama durch alle Perioden. Die Künstlerin beschreibt es selbst als endloses Netz. Die Betrachterin sieht Punkte auf rauen Flächen. 

© Jamal Tuschick

Pressetext des Gropiusbaus

Yayoi Kusama (geb. 1929, Matsumoto, Japan) zählt zu den bedeutendsten Künstler*innen der Gegenwart. Yayoi Kusama. Eine Retrospektive umfasst Arbeiten aus ihrem 80-jährigen Schaffen und bietet einen Überblick über das Werk der Künstlerin. Von der Entstehung früher Gemälde und Skulpturen bis zu ihren raumgreifenden Installationen wird das breite Spektrum ihrer Kunst in Deutschland und Europa sowie in Japan und den Vereinigten Staaten nachvollziehbar.

Aufgewachsen in Matsumoto während der japanischen Expansionspolitik der 1940er Jahre, verdiente Kusamas Familie ihren Lebensunterhalt mit dem Betrieb einer Samengärtnerei. 1948 zog sie im Alter von 19 Jahren nach Kyoto, um an der damaligen Kunsthandwerksschule den traditionellen nihonga-Malstil zu studieren. Später erlernte sie die yōga-Technik, eine japanische Malweise in westlichem Stil. Diese gewann zeitgleich mit Japans rasanter Modernisierung an Bedeutung. Ein Briefwechsel mit der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe bestärkte Kusama in den späten 1950er Jahren in die Vereinigten Staaten zu ziehen. In den 1960er Jahren wurde sie auch zunehmend in Europa bekannt. Ihre Werke wurden in Städten wie Amsterdam, Bern, Den Haag, Essen, Mailand, Rotterdam, Stockholm, Turin und Venedig ausgestellt. Die chronologisch angelegte Retrospektive im Gropius Bau zeigt Kusamas künstlerisches Schaffen von 1952 bis 1983 auf.

Acht Räume mit dem Titel „Made by Kusama” zeigen Rekonstruktionen Kusamas wichtigster Ausstellungen. Jeder dieser Räume wurde durch umfangreiche Recherchen auf der Grundlage von historischen Texten, Fotografien und Grundrissen realisiert, um erstmals Originalausstellungen der Künstlerin nachzubilden.

Kusama hat mit vielen verschiedenen Medien wie Malerei, Collage, Skulptur, Film, Performance, Installation, Mode, Literatur und Musik gearbeitet. Ihre Infinity Mirror Rooms und großformatigen Installationen schaffen Welten, die alle Sinne ansprechen. Die neueste dieser Installationen ist im Lichthof des Gropius Bau zu sehen. Unendlichkeit und Selbstauflösung sind Motive, die in Kusamas Werk immer wiederkehren. Ausufernde Punkt- und Netzmuster bedecken Oberflächen in ständiger Wiederholung. Spiegel erzeugen schwindelerregende Räume, die unseren Blick vervielfachen. In ihren Ausstellungen setzt Kusama den eigenen Körper stellvertretend für die der Betrachter*innen ein. Sie lässt so die Grenzen zwischen der Figur und der sie umgebenden Welt verschwimmen – ein Streben nach der allumfassenden Ausdehnung ins Unendliche.

Neben dokumentarischen Fotografien und Filmen zieht sich eine Zeitleiste durch die Ausstellung, um Kusamas Leben und Werk in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen. Außerdem wird die Zeitleiste um Archivbilder von künstlerischen Ereignissen und Ausstellungsstationen ergänzt.

Die großformatige Fotografie im Treppenhaus zeigt Kusama vor einem Ölgemälde aus ihrer aktuellen Serie My Eternal Soul. Diese ist als vollständige Gruppe im letzten Raum der Ausstellung zu sehen.