MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.05.2021, Jamal Tuschick

Im Geschwätz der Leute bleibt Damals auf ewig das Willroder Aussterben von 1350Die Pest tötete das Dorf, wie man bei uns sagt, und ließ am Leben nur Leute der Familien Treusch, Mansfeld und Amelungen. Die Überlebenden nährten die Mär vom dänischen Ursprung der Seuche. König Waldemar sollte sie persönlich eingeschleppt haben.  

© Jamal Tuschick

Das Willroder Aussterben von 1387

Kurz sind die Willroder Wege vom Scherz zum Spott. Heiter fangen wir an, hämisch machen wir weiter. Dem Argwohn folgt das Gerücht. Das Leben wiederholt sich in der Weitergabe von Vorwürfen. Es vollzieht sich in Wechselbädern aus Anspannung und Anpassung. Allein die Nachkommen der Überlebenden von Damals* halten Vorsprünge des Eigensinns. Zugezogene bleiben auf dem Prüfstand.

*Damals bleibt auf ewig das Willroder Aussterben von 1350. Die Pest tötete das Dorf, wie man bei uns sagt, und ließ am Leben nur Leute der Familien Treusch, Mansfeld und Amelungen. Die Überlebenden nährten die Mär vom dänischen Ursprung der Seuche. König Waldemar** sollte sie persönlich eingeschleppt haben.  

**„In die Regentschaft Waldemar Atterdags fällt der erste Ausbruch der Pest in Europa 1348–1350.“  Wikipedia 

Den Wetterauer Weiler Willrod rahmt schiere Lieblichkeit. Streuobstwiesen, Äcker und bezwungene Wälder gliedern sich zu Verherrlichungsansichten. Die Römer besangen eine von Schroffheit unberührte Landschaft, die sich ihrer Zivilisation förmlich anbot. Schriftsteller:innen zerrissen sich in Schilderungen der maßvollen Natur. Die Gegend dient drohenden Taunushängen arglos als Vorland. Nichts weiß sie von den widrigen Windverhältnissen in höheren Lagen. Im Akut dieser Geschichte befährt eine amerikanische Dichterin vollgedröhnt ihre Treckerpisten in meinem Volkswagen. Es hat lange nicht geregnet, die malerisch ausgefahrenen, im Glutofen des 69er-Sommers hart gebackenen Spuren haben ihren eigenen Reiz. Kies haftet sich an die Reifen und penetriert Profillücken.

Addison Harper (siehe Im Klammergriff der Spezies) kann Willroder Vorfahren der dritten Ordnung nachweisen. Nach den strengsten Maßstäben zählen jene aus der Fuldaer Gegend um 1600 bei uns untergekrochenen Willichs, von denen Addison nachweislich abstammt, schon zu den Altzugezogenen. Ihre Erben müssen sich wenigstens von den ursprünglichsten Willrodern milde Herabsetzungen gefallen lassen. In freundlicher Falschheit steckt echte Gemeinheit. Ich melde das als Zaungast. Als Sohn italienischer Einwanderer trage ich nicht schwer an den Bürden der Willroder Zugehörigkeit. 

Addison schwärmt für die beleuchtete Einsamkeit der Telefonhäuschen im Nachtschatten der Dorfgemeinschaftshäuser. Sie liebt das in der dritten Generation von den Teichmanns geführte Wirtshaus mit Fremdenzimmern für Durchreisende, in dem sie untergekommen ist. Wehe, du willst bleiben. Am Herd steht drakonisch Erika T. Zu Hand gehen ihr die ledig gebliebene Tochter Erna und die verlangsamte Else. Eine Null im XXL-Format ergänzt die W...wirtschaft. Heimlich macht sich Elmar seinen Flachmann voll mit dem Fusel aus der Dreiliterflasche, die mit dem Hals zum Boden am Buffetschrank jedenfalls mehr leistet als er. Elmars mondgesichtige Nachahmungen männlicher Schaffenskraft täuschen in Willrod keine Sau.

Für Elses Enttäuschungen sorgen Fernfahrer und Vertreter.

Addison studiert den Verband unter vielen Vorwänden. Sie beschreibt ihn in einer Ballade auf Englisch. Sie zitiert sich bei unseren Erkundungsfahrten. Sie scheitert an Redensarten. Eben sagte sie: Du gehst mir auf keine Hutschnur.