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07.06.2021, Jamal Tuschick

Überall bilden sich Gemeinschaften © Jamal Tuschick

Westliche Spätantike

Simone de Beauvoir erklärte die Biene „zur Kronzeugin des Matriarchats seit der Kreidezeit“

Jemand stößt einem Oldtimer am Kinderwagen Bescheid: „Wenigstens einmal etwas hingekriegt, das Hand und Fuß hat.“ Kinder von Greisen nennt der Prenzlauer Berg „Knackerkinder“. 

Der zurechtgewiesene Babyboomer saftet in so viel Selbstgefälligkeit, dass ihn das vernichtende Urteil kaum erreicht. Jimin registriert die gescheiterte Obstruction aus den Augenwinkeln. Ihre Weggefährtin und Wohngenossin Yejin musste sich heute schon sagen lassen, dass sie in einer kulturellen Absteige beschäftigt sei, und dies mit den Fähigkeiten einer blinden Fotografin. Eine Terroristin der Verachtung traf mit einem Schlag zwei Schmerzpunkte. 

Das Couple streunt zu Juhee, es wohnt praktisch. Vor der Tür hält eine Vietnamesin den täglichen Bedarf in Vorrat, daneben brummt die „Zweiradzentrale“ wie verrückt, und daneben warten (Film-)„Delikatessen“. Die Biologin Jimin weiß nicht, ob man zu so einer Ausleihe noch Videothek sagt. 

Während Jimin und Yejin ihren Quartierskontrollgang absolvieren, agiert Jimins Schwester Puma, auf koreanisch heißt Puma Liebe, vor einem (wie aus einem Eisblock geschnittenen) Prospekt. Die Stimmung ist maritim, aber nicht mediterran. Da, wo Puma interveniert, friert nicht das Mittelmeer ein, vielmehr rollt der Atlantik an. Die Theatralik des Wetters steigert die Erwartungen. Schauplatz der folgenden Szenen ist Saint-Hilaire-de-Riez, einer Gemeinde an der Côte de Lumière mit dem typischen Pinien- und Dünen-Mix. Jedes Revers, jede Häuserzeile, jede Kontur, jede Böe und jede fliegende Zeitung bietet sich als Merkwürdigkeit an. Ich komme darauf zurück.

*

Jimin und Yejin sitzen vor Juhees Imbiss und trinken Eistee in Erwartung von Bibimbap mit Tofu. Zur gleichen Zeit feiern Grace und Glen in ihrem Penthouse über einer Kneipe, die italienische Biere zu ihrem Alleinstellungsmerkmal gemacht hat, ihre Silberne Hochzeit in dem Bett für (hauptsächlich) außerehelichen Beischlaf. Es steht in Graces Atelier und darf von Glen nur mit Grace gemeinsam benutzt werden. Das Künstlerpaar hat spät geheiratet; in der westlichen Spätantike bleibt kein Tabu außer Sex im Alter.

Im Weiteren erlebt Grace ihr Eheschicksal ohne geistigen Mehrwert. Sie leidet nicht, lernt aber auch nichts dazu. 

Überoptimale Attrappen

In diesem Augenblick fällt Jimin ein, dass Christoph Konrad Sprengel (1750-1816), einst Direktor der lutherischen Realschule zu Spandau, die ideale Beziehung zwischen Blume und Biene in einer Co-Evolution entdeckte. Sprengel bemerkte, dass „viele der spektakulärsten Orchideen gar keinen Nektar“ spenden – die Natur als Ninja-Meisterin der Täuschung. Sprengel: „Ich muss gestehen, dass diese Entdeckung mir keineswegs angenehm war.“

Die Pflanze organisiert ihre Befruchtung, indem sie einnehmend wirkt. Der Fliegen-Ragwurz präsentiert sich als „potentielle Partnerin für Grabwespen“. Er lädt die Wespe mit Mimikry zur Kopulation ein. Die Täuschung geht soweit, dass Bienenmännchen der Gattung Andrena die entsprechenden Ophrys-Blüten sogar einem Weibchen vorziehen. Solche überoptimalen Attrappen können auch unter Menschen zur Verwirrung führen. Ob dann von Betrug die Rede sein muss?  

Jimin erwägt, die Frage Yejin vorzulegen. Eine Biene kommt der Erwägung in die Quere. Als Schmuckstück ist die Biene Herrschaftszeichen seit den Merowinger:innen. Napoleon berief sich auf die Biene bei der Begründung imperialer Ansprüche. Simone de Beauvoir erklärte die Biene „zur Kronzeugin des Matriarchats seit der Kreidezeit“.

Der Imbiss summt wie ein Bienenstock.