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10.06.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Ohnmächtiges Paris

Hasserfüllt bestaunen wir paradierende Wehrmacht vor dem Arc de Triomphe. Paris ist entblößt und ohnmächtig. Das freie Frankreich geht am Stock. Die Okkupation entspricht einer Serie brutaler Verwaltungsakte.

Ich befinde mich in der Gesellschaft von Dauphiné Clermont-Tonnerre. Sie ist schrecklich in ihrer Unabhängigkeit. Wäre sie ein Mann, würde man sie als Bulle oder Bruch-Typ beschreiben. Dauphiné passt in kein bürgerliches Kostüm. Sie verkörpert die gesellschaftliche Grenzgängerin zwischen Élysée und Pigalle. Ihr könnte ein Club in Marseille gehören als Fassade für ein Schwarzmarkt- und Schleuserköniginnenreich. Während Flüchtlinge aus ganz Europa in ihrem Laden auf falsche Papiere und eine Passage nach Übersee warten, fordert Dauphiné die Pianistin auf: „Play it again.“  

Dauphiné lehnt sich nicht nur gegen einen übermächtigen Feind auf. Vielmehr repräsentiert sie eine autokratische Regierung im Untergrund. Sie zweifelt nicht an ihrer Legitimation. Sie fühlt sich aber auch nicht berufen. Dazu fehlt ihr die Phantasie. An keiner Stelle tritt Dauphiné mit einer aus-Sorge-um-Frankreich-Attitüde auf. Sie entscheidet über Leben und Tod aus einem administrativen Selbstverständnis. Ihre Haltung sagt: Ich unterwerfe mich nicht. Vielleicht denkt sie an Malraux, der einen Helden sagen lässt: „Kein Unglück soll weiter reichen als der Lauf meines Revolvers.“

Frankreichs Notlage öffnet Dauphiné für zweifelhafte Allianzen, doch ihr Standpunkt bleibt fest. Widerwillen erfüllt sie angesichts der Schleicher:innen, die sie in das Boot zur Rettung der Nation holen muss. Wenn sie sich auch mit diesen und jenen verbündet, besteht sie doch auf den Abstand zwischen den Ansichten. Das heißt, unter anderen Umständen könnte eine Alliierte Feindin sein. Wenigstens ist sie in jedem Fall Französin.

Was für ein mediokrer Verein desolat-impertinenter Landsleute.   

Ich überspringe eine Reihe persönlicher Dramen. Sie führen auf die schmalsten Grade zwischen Vertrauen und Verrat. In der Summe suggerieren sie, dass jede(r) VerräterIn werden kann; dass es nicht unbedingt die besten Frauen und Männer sind, die am längsten durchhalten. Gestern hat Dauphiné eine schwer bewaffnete Wache erstochen. Das war weder eine patriotische Tat noch eine militärische Maßnahme. Die Bürgerin wird zur Würgerin in den Zwängen einer illegitimen Herrrschaft.

Dauphiné gibt solchen den Vorzug, die mit leichter Hand und schwerem Herzen das Richtige tun. 

*

Da kommt Adélaïs Viennois. Sie organisiert den Widerstand an der Côte d'Azur. Mit der Chefin der Résistance war sie letzte Woche in London. Man hat de Gaulle gesehn. Der General aller freier Franzosen rühmte die englische Gelassenheit im deutschen Bombenhagel. 

Neben Dauphiné wirkt Adélaïs wie eine deprimierte Dorfpfarrerin. Ihre Fähigkeiten liegen im Verborgenen. Sie hat uns in den Besitz der Baupläne der Lyoner Heeressanitätsschule gebracht. Da logiert die geheime Staatspolizei.