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17.06.2021, Jamal Tuschick

„Das elektrische Licht ist nichts weiter als eine Untermalung des Kerzenscheins.“

Entkernte Herrschaftsstruktur

Lusie Rinser feierte Nordkorea.

„Kein anderes Land … hat so viele positive Züge … keine Arbeitslosen, keine Wohnungsnot, keine Mafia, keine Korruption, keine Art von Armut, keine Drogensucht.“

Hagel, Starkregen und Dürre vernichteten die Ernten. Die biblischen Plagen erzeugten eine illegale, aber unaufhaltsame Armutsmobilität. Zum ersten Mal reisten Nordkoreaner:innen – vom Hunger getrieben – durch ihr Land.  

Bussmann weist daraufhin, dass dieser Systembruch, der vom Staat nur eine „entkernte Herrschaftsstruktur“ übrigließ, in der westlichen Auffassung unterging. Niemand machte sich die Mühe, die Zäsur analytisch einzuordnen. Man ignorierte eine humanitäre Katastrophe, die, je nach Schätzung, zwischen fünfhunderttausend und drei Millionen Opfer forderte. Für sie wurden Massengräber an Siedlungsrändern ausgehoben. Kein Friedhof gibt Aufschluss.

Das Zuteilungswesen endete schlagartig.

Nordkorea nach 1989

Der Zusammenbruch des Zentralismus erzwang steinzeitliche Eigeninitiativen im Tauschhandelsmodus. Jeder Flecken diente dem Anbau von Obst und Gemüse. Man sammelte Beeren und Kräuter und verarbeitete Rinde zu Mehl. In diese Depression hinein starb 1994 „der Vater der Nation“ Kim-Il-sung. Sein Sohn änderte den Gesellschaftsvertrag. Kim Jong-il drehte das Rad zurück in die Zeit des Befreiungskampfes gegen die japanischen Usurpatoren. Er restituierte Nordkorea als Militärstaat. Fortan stand das Wohlergehen der Armee im Vordergrund aller Bemühungen.

„Die Sŏn’gun-Politik (sŏn = ‚zuerst‘; gun = ‚Militär‘; „Militär zuerst!“) ist seit einer Verfassungsänderung 2009 zusätzlich zur Juche-Ideologie Leitlinie der Politik Nordkoreas.“ Wikipedia

Rudolf Bussmann, „Herbst in Nordkorea: Annäherung an ein verschlossenes Land“, Rotpunktverlag, 212 Seiten, 25,-

De facto bestimmte Sŏn’gun die Politik seit den Neunzigerjahren. Zu dieser Verschärfung kamen „schwerste Naturkatastrophen“. Zumal die Landbevölkerung erlebte sich in dem traumatischen Zustand vollständiger Rückhaltlosigkeit – nach Jahrzehnten in einem rigiden Wohlfahrtsregime, das nach dem Prinzip der Zuweisung mehr oder weniger schlecht funktionierte.

Steinzeitliche Eigeninitiativen im Tauschhandelsmodus

Bussmann landet in Rajin, einem Bezirk von Rasŏn, einer Hafenstadt und Freihandelszone, zwanzig Kilometer vor der russischen Grenze. Das Hotelzimmer lässt sich nicht öffnen. Die Leute verkeilen sich auf den Bürgersteigen, während die - für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen verbotenen - Straßen kaum befahren sind.

Der Autor recherchiert in einem Restaurant. Die Ausländer:innen speisen separiert von den Einheimischen. Das steinzeitliche Management eines Stromausfalls beweist einen routinierten Umgang mit technischen Pannen. Die Kellnerinnen kommen mit Öllampen und Kerzen an.  

„Das elektrische Licht ist nichts weiter als eine Untermalung des Kerzenscheins.“

In Alltagsszenen erschließen sich dem Reisenden in einem verschlossenen Land „die spirituellen Wurzeln“ eines Volkes, das sich vor dem Konfuzianismus und Buddhismus bereits als Einheit im Verein mit Animismus und Ahnenkulten wahrgenommen hat. Auf der Folie fossiler Gemeinsamkeiten erscheint Bussmann die Teilung Koreas als „Episode“. Weder der Kalte Krieg noch das Blockdenken seien in der „koreanischen Seele“ verankert. In lauter Nebenhandlungen nimmt sich die antike Geschwisterlichkeit schon einmal die Freiheit, ein utopisches Gestaltungsrecht anzudeuten. 

Ich denke an die von Superminister Schiller einst im BRD/DDR-Kontext gepredigte Konvergenztheorie. Stichwort Annäherung im Wandel. 

Nordkoreanischer Betonbrutalismus - Was zuvor geschah

Ein paar Tage später erfolgt die offizielle Einreise. Die Kontrollen zielen auf die restlose Erfassung eingeführter Fotoapparate, Speicherkarten und Bücher. Bussmann erkennt: „Wichtig für die ... (Beamt:innen) ist weniger, was man einführt, als dass man es wieder mitnimmt. Nichts soll dableiben, was Bilder, Wissen, Unterhaltung aus dem Rest der Welt ins Land bringen könnte.“

Demarkationslinie des Grauens

Seit dem 10. Jahrhundert erheben Koreaner:innen staatlichen Anspruch auf ein Territorium, das von drei Seiten ozeanisch eingeschlossen wird. Die nordkoreanischen Grenzen zu China und Russland markieren die Flüße Yalu und Tumen. Den Tumen* kümmern die aus dem größten Unglück geronnenen Legenden von Flucht und Fluchtvereitelung nicht. „Sein Wasser fließt ungerührt dem Japanischen Meer zu.“ 

So poetisch verkleidet Rudolf Bussmann seine Erfahrungen an einer Demarkationslinie des Grauens; einem touristischen Hotspot einerseits. „Man (steigt) am chinesischen Ufer an Land, ohne von einer Kugel getroffen zu werden, nur weil man die richtige Staatsbürgerschaft besitzt.“

Der Autor klärt die Topografie.

*„Der Tumen fließt überwiegend in östlicher, nordöstlicher Richtung und bildet schon nach wenigen Kilometern die nordkoreanisch-chinesische Grenze.“ Wikipedia

Sonderwirtschaftszone Rasŏn

Ein paar Tage später erfolgt die offizielle Einreise. Die Kontrollen zielen auf die restlose Erfassung eingeführter Fotoapparate, Speicherkarten und Bücher. Bussmann erkennt: „Wichtig für die ... (Beamt:innen) ist weniger, was man einführt, als dass man es wieder mitnimmt. Nichts soll dableiben, was Bilder, Wissen, Unterhaltung aus dem Rest der Welt ins Land bringen könnte.“

Bussmann landet in Rajin, einem Bezirk von Rasŏn, einer Hafenstadt und Freihandelszone, zwanzig Kilometer vor der russischen Grenze. Das Hotelzimmer lässt sich nicht öffnen. Die Leute verkeilen sich auf den Bürgersteigen, während die - für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen verbotenen - Straßen kaum befahren sind.

Bussmanns Aufzeichnungen leben von solchen Details. Der Autor fasst die Phänomene defensiv auf. Er beansprucht keine Deutungshoheit. Er ergründet die Wege, auf denen ausländische Investor:innen unterwegs sind. Wie kommt man zu einer Baugenehmigung? Welche Macht hat die Provinzregierung? 

Der Hotel- und Kasinoklotz an einem leeren Strand gehört einem Hongkonger Unternehmer. Das liest sich jetzt auch anders als vor der Pekinger Vereinnahmung der ehemaligen britischen Kronkolonie. Vielleicht nimmt Nordkorea im Schlepp der erwachten Riesin so viel Fahrt auf, dass es zu Hongkongs Wirtschaftsmacht aufschließt. Das Land kennt jedenfalls keine Adaptionsschwierigkeiten mit autoritär-chinesischen Strukturen. 

Der Kasten entspricht mit seinem wuchtigen Komplexcharakter dem Betonbrutalismus der 1950er Jahre. Er steht nur Ausländer:innen offen. „Chinesische Firmen dürfen unbegrenzt eigenes Personal einsetzen.“ - Und die Gewinne ausführen.

Arbeiter:innenarmeen werden kolonnenförmig von beiden Seiten der Grenze an die Schaltstelle einer rigoros gelenkten Zukunft herangeführt. 

Bussmann spricht von Wirtschaftskolonialismus, aber auch von dem zaghaften Frühling einer Tourismusindustrie, die im Sanktionssog ums Überleben kämpft. 

Strategische Konzilianz

Was macht man, wenn offizielle Stellungnahmen nur mit verschleiernden Absichten oder propagandistischen Zielen abgegeben werden? Dann studiert man die Valeurs der Gesten und dechiffriert den Symbolgehalt von Potentatenauftritten. Ganz am Anfang seiner Reise ans Ende der koreanischen Nacht begegnet Rudolf Bussmann der Südkoreanerin Yu-mi, die das europäische Greenhorn in die Zeichensprache der Macht einweist. Bei einem Gipfel der Präsidenten beider Korea 2018 verneigt sich Moon Jae-in in Pjöngjang vor den nordkoreanischen Jubelperser:innen. So nötigt er Kim Jong-un zumindest zu der Andeutung einer Respektsbezeugung vor dem Volk. Anders als sein Vater und sein Großvater hält der amtierende Diktator Pressekonferenzen ab. Er simuliert Öffentlichkeit, Transparenz und Diskussionsbereitschaft. Das ist eine Variante des Greenwashings, folglich ein Zugeständnis an demokratische Gepflogenheiten.    

Kim Jong-un läuft ständig Gefahr, in einer südkoreanischen Umarmung erdrosselt zu werden. Die strategische Konzilianz des stärkeren, von einem Menschenrechtsanwalt geleiteten Staates stellt den Nordkoreaner vor Herausforderungen im Spektrum von Beweglichkeitsbeweisen, die lange nicht nötig waren. Solange Südkorea autoritär geführt wurde, bot ein einigermaßen offener KonfrontationskursJong-uns Vater und Großvater Möglichkeiten, ihr Profil zu schärfen.

Noch stecken die aktuellen Regierungschefs in der Klemme mangelnder Souveränität. China und die Vereinigten Staaten entscheiden über den Grad der Annäherung bis auf Weiteres. 

Höhepunkt des Spitzentreffens ist die Begehung des Paektusan, der höchsten Erhebung im Changbai-Gebirge.

„Nach einer koreanischen Überlieferung ist der Berg die Gründungsstätte des koreanischen Volkes.“ (Wikipedia)    

Insofern stellen die verfeindeten Brüderführer da ein überpolitisches Einvernehmen zur Schau. Die Szene sagt: Wir sind ein Volk. 

Vibrierende Imagination

Bussmanns Annäherungen sind vordergründig anekdotisch und pointillistisch. Im Nachgang wirken sie aber analytisch. Yu-mi erscheint als wunderbare Reisegefährtin. Sie interveniert, als der Autor am chinesischen Ufer des Grenzflusses Tumen zögert, in ein Boot zu steigen, dass die Tourist:innen bis zur Flussmitte fährt. Yu-mi überredet ihn zu der Zwanzigdollarnepptour. 

„Hier bleibt (Nordkorea) eine vibrierende Imagination. Sobald du (im Land) bist, wird es simple Wirklichkeit.“ 

Aus der Ankündigung

Der Autor Rudolf Bussmann ist 2018 in den kaum besuchten Norden des Landes gereist. Seither lässt ihn dieses vereinsamte Land nicht mehr los. Aus seinen Tagesnotizen und all seinem Hintergrundwissen ist ein bildstarker, berührender, nachdenklicher Reiseessay entstanden. Aus Nordkorea dringen kaum gesicherte Nachrichten zu uns. Wie sehen die Verhältnisse fernab der Hauptstadt aus? Bussmann hat zusammen mit der in der Schweiz lebenden südkoreanischen Journalistin Hoo Nam Seelmann die abgelegene Nordprovinz bereist. Die beiden haben Schulen und Fabriken besucht, Wanderungen in die Berge unternommen. Sie sind Menschen begegnet, die aber kaum auf sie reagierten, Gesichtern, die Fragen aufwerfen – zum Beispiel nach der Situation von Minderheiten und auch danach, was Freiheit in einem Land wie diesem eigentlich bedeutet. Und hier in der Ferne scheint die Mentalitätsspanne zwischen den Freunden in jedem ihrer mit feiner Selbstironie dokumentierten Gespräche auf – mehr als je in Europa.
Da von ihren zwei Führern nur spärliche Auskünfte über Kim Jong-uns Staat zu erhalten waren, machte sich der Autor auf eine zweite Reise, die in die Geschichte Nordkoreas führte, in Statistiken und Wirtschaftsdaten, in die Erzählungen geflohener Nordkoreaner. Seine Reportage zeigt ein Land voller Schönheit und voller Rätsel, mit einer unbewältigten Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. 

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, ist ein Schweizer Schriftsteller. Er hat Geschichte, deutsche und französische Literaturwissenschaften studiert, an der Universität Basel promoviert, Romane und Gedichte veröffentlicht, mit Hoo Nam Seelmann den südkoreanischen Prosaautor Kim Young-ha übersetzt und ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Er lebt in Basel und im Jura.