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18.06.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Grandiose Null

Leopold Bloom repräsentiert die Auslieferung des Lebens an einen unerheblichen Alltag. Der Anzeigenakquisiteur ist eine grandiose Null.

"Stop ignoring your own potential." Gesehen auf Instagram. Quelle: YogaOfficial

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Stephen Dedalus ist Hilfslehrer mit literarischem Ehrgeiz. Seine Schüler:innen findet er „weder unschuldig noch erfahren”. Sein Land erscheint ihm „wie der zerbrochene Spiegel einer Magd”. Seine Freund:innen nennen ihn einen Ketzer. Am Totenbett der Mutter verweigerte er das Gebet. Stephen verkündet seine Mutlosigkeit: „Ich bin kein Held.”
Das weiß man, wenn man die ersten dreißig Seiten des „Ulysses” gelesen hat. James Joyce schildert einen indolenten Charakter, „von des Gedankens Blässe” in Form gebracht. Er wohnt in einem Wehrturm aus der Zeit napoleonischer Kriege und lebt in einem Tagtraum. Stephen sagt: „Die Geschichte ist ein Alptraum, aus dem ich zu erwachen suche.”
Das ist der erste Satz in einer „Ulysses”-Adaption von Puma Pride und Jane Jakarta mit Brain (nicht Brian) Thundergod* und Arizona Coogan als Leopold Bloom und Stephen Dedalus.
Der durch sämtliche humanen Zustände mäandernde Roman spielt 1904 an einem Sommertag. Die Nacht nimmt der Bewusstseinsstrom mit bis zur Mündung.
Der Roman beginnt auf den Klippen über der See (in der Gegend von Dublin). Eine Einspielung deutet das auf der Bühne des Rufina-Dmitrijewna-Nifontova-Theaters an, dann kommt die Gegenwart ins Spiel. Leopold Bloom repräsentiert die Auslieferung des Lebens an einen unerheblichen Alltag. Der Anzeigenakquisiteur ist eine grandiose Null. Er studiert die Tageszeitung wie eine Wissenschaft. Er lobt sich für seinen abergläubischen Skeptizismus. Aus allem zieht er ungehobelte Schlüsse. Die Joyce-Forschung weist Leo (Poldi) den Platz des vulgarisierten Stephen zu – der Künstler als alter Mann. Sein Stigma ist allgewaltige Impotenz. Stephen spricht sie an, sobald er seinem verworfenen Alter Ego begegnet. Es ist eine Leistung dieser Inszenierung, dass man die wie aus einem Bombenschacht ragende Darstellung einer leisen Verachtung (für Leos Eifer) im Roman sieht.
Leopold heißt nach Sacher-Masoch so, seine Frau Molly ist eine andere Venus im Pelz. Leo kriecht vor lauter Beflissenheit in die gelangweilte Aufmerksamkeit des jungen Genies, das auf der Bühne aber bloß ein anderer Blödmann ist. Die Selbstverherrlichung des Autors Joyce in Stephen kommt nicht vor.
Das Stück gelingt auf Europaletten vor Leinwänden. Den Stream of Consciousness gibt es als Video. Man bemerkt Molly (Grand Slam Coogan) in ihren lunaren Stimmungen, die Adaption macht aus M. eine halbe Schwedin. „Die spanische Rose” (bei Joyce) bleibt als Unvollendete und hypertroph Sehnsüchtige identifizierbar. Szenenapplaus gibt es für einen präzisen Vortrag.