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22.06.2021, Jamal Tuschick

Brighton 1968

„Als die sommerlich strahlende Morgensonne ins Zimmer fiel und neben ihrem Kopfkissen eine Art Rechteck  aus leuchtend zitronengelbem Licht auf die olivgrün gesprenkelte Tapete zeichnete, zuckte Elfrida Wing, ächzte und warf sich verschlafen in ihrem Bett herum.“

So beginnt William Boyds Roman „Trio“, aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer, Kampa Verlag, 22,-

Die Eröffnungsszene spielt in Brighton 1968. Elfrida startet ihren Tag mit einem schlechten Gewissen. Offenbar steckt sie in einer Nachlässigkeitsfalle. Zu ihrer Erleichterung bemerkt sie die Abwesenheit des ehelichen Zeugen ihrer Versäumnisse. 

„Sie konnte die Zügel schleifen lassen.“ 

Sie frühstückt Wodka. Der Autor schildert ein Suchtprogramm. Elfrida tarnt ihre Vorräte. Sie verwahrt den Schnaps in Weißweinessigflaschen hinter Zuckerpackungen im Gewürzschrank. Im weiteren Verlauf trinkt Elfrida Gin Tonic in ihrem Lieblingspub. Da hat sie sich schon mit einer Flasche Wodka für die Handtasche gegen den Suchtdruck versichert. Auf dem Heimweg angelt sie Sherry in einem Spirituosenladen, etwas viel zu Gutes für das prosaische Regime, dem sie unterworfen ist, „eine Flasche Amontillado-Sherry  der Marke Tio Pepe (als) Requisite ihrer – wie sie  meinte – so trickreichen Inszenierung für (ihren Mann) Reggie“.  

Der Regisseur Reggie Tipton aka Rodrigo Tipton und die bockierte, einst als neue Virginia Woolf gefeierte Schriftstellerin Elfrida Wing leuchten den Zeitgenoss:innen als Paar nicht ein. Reggie-Rodrigo gibt den unbeliebten, notorisch krummtourigen Marottenkasper. Elfrida verbirgt und verleugnet sich nach Kräften. 

Aus der Ankündigung

Ein mit allen Wassern gewaschener Filmproduzent. Eine betörende junge Schauspielerin, die sich an kein Drehbuch hält und der das FBI im Nacken sitzt. Eine Schriftstellerin, die nicht mehr schreiben kann und vor dem Aus steht.

Es ist der Sommer 1968: In Paris gehen die Studenten auf die Straße, in Vietnam wütet der Krieg, Martin Luther King wird ermordet. Während die Welt in Aufruhr ist, wird im sonnigen Brighton ein aparter Kinofilm gedreht. Hier kreuzen sich die Wege eines Filmproduzenten, einer Schriftstellerin und einer Schauspielerin. Alle drei führen ein Doppelleben: Elfrida, der keine Zeile mehr einfällt und deren Ehe zerrüttet ist, ertränkt ihren Frust in Wodka. Talbot, der Filmproduzent, hat ein geheimes Hobby und macht gute Miene zum bösen Spiel, denn er weiß, dass sein Geschäftspartner versucht ihn auszubooten. In Anny, die umwerfende Hauptdarstellerin, ist die ganze Welt verliebt, aber ihre Liebschaften bereiten dem Filmstar nur Scherereien. Sie hat eine Affäre mit ihrem Filmpartner, und natürlich taucht ihr Liebhaber, ein Philosoph aus Paris, überraschend am Set auf. Außerdem sitzt Anny ihr Ex-Mann im Nacken – und das FBI. Während die Dreharbeiten bei scheinbar ausgelassener Stimmung voranschreiten, rumort es hinter den Kulissen gewaltig. Die Geheimnisse des Trios drohen aufzufliegen. Wie lange kann jeder seine Rolle spielen? Und wer inszeniert das größte Drama?

*

Reggie-Rodrigo dreht in Brighton „Emily Bracegirdles außerordentlich hilfreiche Leiter zum Mond“ mit der schwedischstämmigen Amerikanerin Anny Viklund und (dem von Anny auch privat als Liebhaber eingesetzten) Troy Blaze in den Hauptrollen. Als Antagonist des Regisseurs tritt Produzent Talbot Kydd auf. Die beiden Altgedienten beharken sich, angetrieben von einem erfahrungsgesättigten Misstrauen gegenüber  allen artistischen Emanationen und Akteuren. 

Anny fürchtet fasziniert ihren soeben aus dem Gefängnis entlassenen Exmann Cornell Weekes: einst „dämonischer Geliebter ... Guru, Erzfeind“. 

William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. Zuletzt erschienen in der Reihe Der kleine Gatsby die Erzählung »All die Wege, die wir nicht gegangen sind« und im Kampa Verlag sein Roman »Blinde Liebe« und »Die blaue Stunde«, außerdem Neuausgaben von »Brazzaville Beach«, »Die neuen Bekenntnisse« und »Ruhelos«. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält – er geht für sein Leben gern spazieren.