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28.06.2021, Jamal Tuschick

Ahnungswissen

Schreiben in Oberhessen

Aus der Ankündigung

„Mit der Reihe Rabenbetrachtungen. Notizen aus dem Otto Ubbelohde-Haus stellt der Verein Zwei Raben: Literatur in Oberhessen Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur vor, die Writing in Nature für jeweils drei Monate erleben und dabei literarisch der Verbindung von Natur und Kunst nachgehen.“

Das Zwei-Raben-Programm kommt mir wie ein wahrgewordener Traum vor. Naturnahes Schreiben in Hessen: das beschreibt mein produktives Sein auf einem Höhenzug von Liebe und Leidenschaft.   

Die tote Eule

Vermutlich ist er der markanteste Mensch in dem Weiler an der Lahn. Otto Ubbelohde zieht das Interesse der Kinder von Goßfelden auf sich. Ihr Ahnungswissen weist ihnen einen Weg. Niemals werden sie den Horizont des Künstlers erreichen. In gewisser Weise macht ihn das zu einer fernen Gestalt, obwohl er doch zum Greifen nah ist. 

Der Dorfschwarm dreht dem Berühmten eine tote Eule an. Ubbelohde notiert die Höhe des Trinkgeldes, mit dem die Beutegreifer:innen abziehen.

Christoph Peters kolportiert das in seinem Beitrag. Er hält sich mit der Summe auf.  

„Rabenbetrachtungen. Notizen aus dem Otto Ubbelohde-Haus“, Hrsg: Erika SchellenbergerGabriela Ociepa, Verlag Das Wunderhorn, 48 Seiten, 18,-

Die Provinz saugt an Beobachtungen und Bemerkungen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Goßfelden im Jahr 850 bei einem Schenkungsakt, der das damals hundert Jahre alte Kloster Fulda begünstigte.

Ubbelohde zupft den frischen Kadaver zurecht; das Gefieder scheint über dem erstarrenden Leib noch zu atmen. Er malt die Eule 1919 (im Alter von zweiundfünfzig Jahren) am frühen Lebensabend. Im ersten Jahr der Spanischen Grippe folgt er einmal wieder einem (seit Dürer ausgetretenen) Darstellungspfad, wie Peters feststellt. Der Referent entdeckt eine „Spiegelung dunkler Gemütszustände“ und einen Memento-mori-Symbolismus. 

Ubbelohde malt in Akten „unmittelbarste(n) ... Weltaneignung“. Er fasst das Übersehene und gleichgültig Liegengelassene genauso wie die Prunkstücke ruraler Rituale und bäurischer Traditionen auf. Peters spricht vom „empfindenden Sehen“ eines Künstlers, der sich für jede Dimension seines existenziellen Rahmens entscheiden konnte.  

Ubbelohde agiert aus Überschüssen. Er schöpft aus dem Vollen. Er muss in Goßfelden in keinen sauren Apfel beißen. Er wirkt da nicht als Abgesprengter, Unverstandener, Mittelloser. Die Kinder kommen halbwegs vertrauensvoll zu ihm. Wahrscheinlich bietet das tote Tier ihrer Neugier auf das Außerordentliche in der Gestalt des Malers einen Anlass. 

Weiter aus der Ankündigung

»Im Angesicht der selbstzerstörerischen Ökonomie unserer westlichen Gesellschaften wird auch der Kunst ihr eigener Fortschritt fragwürdig, und so versammeln sich unter dem Schlagwort Nature Writing seit einigen Jahren ganz verschiedene literarische Wiederannäherungen an den utopischen Naturraum.« – Genau diese von Thomas Hettche im Nachwort von Rabenbetrachtungen benannten Koordinaten gelten für die ersten Stipendiaten*innen des Vereins Zwei Raben: Literatur in Oberhessen. Die Texte von Marion PoschmannChristoph Peters und Marcus Braun treten in Dialog mit dem bildnerischen Werk Otto Ubbelohdes und bieten drei individuelle Zugänge zu Kunst und Landschaft aus heutiger Perspektive an.