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30.06.2021, Jamal Tuschick

Das Lob der Anderen

Aus meiner Besprechung von Kerstin Cantz' Roman „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“ zitiert der Knaur Verlag: 

„Rassismus in all seinen Spiel- und Tonarten ist ein großes Thema in Kerstin Cantz' grandioser Boulevardrevue.“  Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

„Mit Proust‘scher Präzision beschreibt Kerstin Cantz nächtliche Sensationen um 1960 in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland.“ Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

Autoritäres Krisenmanagement

„Die Revolution braucht nur zwei Instrumente, das Gewehr und die Gehirnwäsche.“ Ungefähr Mao

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„Deutschland verzeichnet … siebzehn Mal so viele (Corona-)Tote wie China.“

In China deklariert man die Differenz als Triumph der Kommunistischen Partei. Um die Welt gehen Bilder, die zeigen, wie binnen Tagen „Krankenhäuser aus dem Boden gestampft werden“. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić küsst vor Dankbarkeit wegen Hilfslieferungen die chinesische Flagge. Virologe Drosten lobt den chinesischen Regierungskurs. Das autoritäre Management in Kombination mit einer radikalen Digitalisierung sei geeignet, dem Virus Klarekante zu zeigen.   

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Das war doch der stärkste Eindruck, nachdem wir begriffen hatten, dass das Virus nicht auf China fixiert ist. Dass wir die Orwell’sche Dimension einer gleichgeschalteten Gesellschaft niemals erreichen würden, weil unterwegs (gemeinsam mit der Verfassungsessenz) das gute Deutschland auf der Strecke geblieben wäre.

Das Wort gewordene Achselzucken

Den Gipfel der Belanglosigkeit feiert der Volksmund in der Wendung: „Was juckt es uns, wenn in China ein Sack Reis umfällt.“

Das Wort gewordene Achselzucken überschreibt den Einstieg der Aust/Geiges-Analyse, die sich auf allgemein zugängliche Quellen stützt. Eine Antwort auf die rhetorische Floskel, in der sich eine anachronistische und ex-imperialistische Zentralperspektive verbirgt, lautet nach Aust und Geiges:

„Heute kann es die ganze Welt erschüttern, wenn in China jemand hustet.“  

Stefan Aust, Adrian Geiges, „Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt“, Analyse, Piper, 22,-

Die westlichen Asienstandardbegriffe haben zwei Wurzeln: den Exotismus und den Kolonialismus. Beide Hebel funktionieren nur auf dem Sockel der Suprematie. Der westliche Überlegenheitssockel besitzt musealen Charakter. Wir sind Spielfiguren auf dem chinesischen Brett.

Die Macht im Haus der Welt gehört China. Sie personalisiert sich in Xi Jinping. Die Autoren haben recht, wenn sie darauf hinweisen, dass die meisten Westler:innen bereits am Namen des neuen Master of the Universe scheitern. Sie halten den Vornamen für den Familiennamen.  

Alles hätte auch anders kommen können - Pandemische Frühphase

Xi Jinpings Omnipotenz beweist sich in der Tatsache, dass er einen in westlichen Augen tödlichen Fehler politisch mühelos überlebt hat. Er unterwarf den pandemischen Informationsdiskurs der Staatsräson. Kein westlicher Regierungschef wäre mit diesem Kurs so einfach durchgekommen wie der Rote Riese.

Aust und Geiges skizzieren den Ausbruchsverlauf auf den Virusstartbahnen von Wuhan. Sie erinnern an eine gegängelte und dann auch wieder alleingelassene Bevölkerung in der pandemischen Frühphase. Jede, die Aufklärung betrieb, geriet in die Rolle einer Dissidentin. Nicht jede Aufklärerin überlebte. 

Das volkstümliche Korrektiv zu der offiziellen Kanonenrohrlinie, die jede Kritik als Insubordination verdammt, lässt sich kaum als demokratische Druckwelle darstellen. Der Wahrheit verpflichtete Ärztinnen laufen Gefahr, alles zu verlieren, sobald sie der Partei widersprechen. 

Xi Jinping ist die Person gewordene Partei in der zweiten Morgenröte der chinesischen Revolution. Der Konsum funktioniert in China als kapitalistischer Weichmacher totalitärer Modalitäten, die vom Geschichtsverlauf bestätigt und angehoben zu sein scheinen. In diesem Kanonisierungskonzept bleibt die Wahrheit eine Variable. 

Die große Depression von Wuhan als Dystopie-Vorzeichnung

Was wahr ist: entscheidet die Partei; alle Grenzen überschreitend. Im Kampf um die Deutungshoheit verlieren Aufrechte an Boden. Eine so moderate Autorin wie die Ur-Wuhanerin Fang Fang wurde isoliert und kaltgestellt. Aust und Geiges zitieren Fang Fang. Sie beschrieb die Situation nach der Abriegelung am 23. Januar: „Stille und Leere, als habe man auf die Stopptaste gedrückt“.

„Wuhan wurde angehalten.“

Die Stadt fällt in Agonie und Depression. Eine Dystopie zeichnet sich ab. 

Eine Abschweifung im Dystopie-Präsens von Damals:

So stelle ich mir das Grauen vor. Auf der Suche nach einem freien Bett irren Infizierte von einem Krankenhaus zum nächsten. „Sie tragen das Virus überall hin.“ In welchem Horrorfilm haben wir das schon gesehen?

Der Shutdown stellt elf Millionen Bürger:innen schlagartig unter Quarantäne. Ich konsumiere den Vorgang als TV-Nachricht. Obwohl die Katastrophenolympiade meinen Horizont übersteigt und ich keinen Vergleich anstellen kann, stellt sich noch nicht einmal Ratlosigkeit ein. Ich ordne das Virus-Drama dem globalen Süden zu und verknüpfe die Seuchensuada unspezifisch mit Defiziten, die wir nicht haben. Dabei sehe ich im Fernseher Leute, deren qualifizierter Opfermut in meiner Umgebung ohne Beispiel ist.

Fang Fang, „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe, 380 Seiten, 25,-

Fang Fang memoriert „all die unnötig Gestorbenen, all die traurigen Tage und Nächte“.

Die Chronistin fängt immer wieder von vorn an, sich im Virusland zu verorten und zu etablieren. Sie stützt sich ab und geht in die Schonhaltung kaum noch brauchbarer biografischer Gewissheiten. Ja, Fang Fang hat fast ihr ganzes Leben in Wuhan verbracht „und die Stadt nie mehr verlassen, seit ich als Zweijährige mit meinen Eltern von Nanjing hierhergezogen bin“.

Sie zieht den Kindergarten und die Grundschule heran. Sie erwähnt eine Zeit als Packerin im Viertel Baibuting. Seufzend sehnt sie sich nach dem unspektakulären Alltag zurück, der sie Jahrzehnte in der Spur hielt. Sie besingt den patriotischen Konformismus und das Glück, „an buchstäblich jeder Straßenbiegung Bekannte zu treffen“.

„Die Wurzelfasern (ihrer) Erinnerungen sind in (städtischen) Tiefen“ verankert.“

Das beschwört Fang Fang.

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Aus der Ankündigung

Xi Jinping - der mächtigste Mann der Welt - Der lächelnde Unbekannte

China wächst weiter unaufhaltsam, ist aus der Corona-Pandemie sogar noch gestärkt hervorgegangen. Der Westen hingegen versinkt in Krise und Chaos. Mächtigster Mann der Welt ist heute nicht mehr der Präsident der USA, sondern Xi Jinping, Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Staatspräsident Chinas. Wie funktioniert der Funktionär, der eine Machtfülle auf sich vereint wie vor ihm nur Mao? Welche Rolle spielt seine Frau Peng Liyuan, Chinas bekannteste Volkssängerin und Sonderbotschafterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO)? Wie wurde er, wer er ist? Was hat er vor? Wie hält er es mit der Ökologie? Warum schafft er eine neue Seidenstraße? Was bedeuten seine Pläne für uns? Stefan Aust und Adrian Geiges zeichnen das faszinierende Porträt einer Persönlichkeit, die unser aller Leben beeinflusst.

Zu den Autoren

Stefan Aust, geboren 1946, ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Er begann bei der Zeitschrift konkret und arbeitete dann viele Jahre bei Panorama, wo sein Bericht über ein verschwiegenes Todesurteil, das der Marinerichter Filbinger im Zweiten Weltkrieg gefällt hatte, zu dessen Rücktritt als Ministerpräsident führte. Er gründete Spiegel TV und war 12 Jahre lang Chefredakteur des Spiegel, später Mitinhaber des Fernsehsenders N24 und Herausgeber der Welt. Er ist Autor zahlreicher Dokumentationen und Bücher. Sein Buch Der Baader-Meinhof-Komplex, erstmals 1985 erschienen, gilt als „Klassiker“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Adrian Geiges, 1960 in Basel geboren, berichtete als Fernsehkorrespondent aus Moskau, Hongkong, New York und Rio de Janeiro. In Shanghai leitete er die Tochterfirma eines großen deutschen Unternehmens. Dann war er viele Jahre Peking-Korrespondent des „Stern“. Er hat Chinesisch studiert, ist mit einer Chinesin verheiratet, sie haben zweisprachig aufwachsende Töchter und leben heute in Hamburg. Er ist Autor zahlreicher Bücher.