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01.07.2021, Jamal Tuschick

Das Lob der Anderen

Aus meiner Besprechung von Kerstin Cantz' Roman „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“ zitiert der Knaur Verlag: 

„Rassismus in all seinen Spiel- und Tonarten ist ein großes Thema in Kerstin Cantz' grandioser Boulevardrevue.“  Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

„Mit Proust‘scher Präzision beschreibt Kerstin Cantz nächtliche Sensationen um 1960 in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland.“ Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

Bürgerliches Britannien

Elfrida Wing wittert Morgenluft. Nach einer Langenweile künstlerischer Lähmung regen sich nun wieder die schriftstellerischen Glieder.  

Solange sie gefeiert wurde, fehlte in keinem Feuilleton der Vergleich mit Virginia Woolf. Elfrida fühlt sich von der Zuschreibung verfehlt. Woolfs „hauchige, neurasthenische Bangigkeit vor der Welt, all dies feinnervig kribbelnde Gewahrsein, diese hochgestochene Empfindsamkeit,“ stößt die zu Lebzeiten Vergilbte ab.

Klandestines Refugium

William Boyd verfolgt sein Personal mit den Aspirationen eines langatmigen Nachgängers. Angelpunkt direkt aufeinander zulaufender Lebensläufe bildet Brighton als Schauplatz einer Filmproduktion. Die Stadt schillert zwischen Modhochburg und Durchschnittsbürger:innenparadies mit anachronistischem Seebadflair. Produzent Talbot Kydd residiert standesgemäß in London: geschäftlich in Soho und privat offiziell in Chiswick. Der Autor schildert die Architektur gewordene (anti-feudalexzentrische) Zurückhaltung der gehobenen Mittelschicht. 

„Ein Backsteinbau mit gefliestem Giebel und einem Türmchen, das die Symmetrie des Dachs auf ansprechende Weise durchbrach. Diverse Kletterpflanzen (Wilder Wein, Rosen, sorgfältig beschnittener Efeu) verschönerten die Wände.“  

Außerdem besitzt Talbot eine „Maisonettewohnung in einem viktorianischen Endreihenhauses mit Stuckverzierung in einer ruhigen Nebenstraße der King Henry’s Road … Vom kleinen Garten - einem rechteckigen Rasen voller Unkraut, gesäumt von Hortensien und mit einem uralten Apfelbaum …  - führte auch eine Tür zu umgebauten Pferdeställen in der Hintergasse. 

Talbot verschafft sich auf die unauffälligste Weise Zutritt. Er schleicht sich förmlich an. Das klandestine Refugium nutzt er als Mr. Eastman. In der Romangegenwart verkörpert er den von üblen Gesetzen und menschenverachtenden gesellschaftlichen Spielregeln seelisch deformierten Homosexuellen, den die Freiheit von Achtundsechzig in ein Wechselbad der Gefühle stürzt.

Talbot beschäftigt den Regisseur Reggie Tipton aka Rodrigo Tipton. Reggie-Rodrigo gibt den tollpatschigen Schwerenöter und zwanghaft umständlichen Manienmaniac. Noch interessanter ist seine Ehefrau, die einst verehrte, nun vom Alkohol abgehalfterte Schriftstellerin Elfrida Wing.

Boyd schenkt Elfrida eine versierte Aufmerksamkeit zwischen Zynismus und Zuneigung. Die Heldin trinkt von morgens bis abends. Trickreich tarnt sie die Sucht auch vor Reggie-Rodrigo. Extra für ihn öffnet sie eine Edelflasche, verzehrt einen Schluck und dekoriert mit der kaum angebrochenen Sache jene Situation, in der sie zum Feierabend angetroffen wird. Elfrida verschleiert den Umstand, dass sie sich in Erwartung des Ehemanns vorsorglich einen vierstöckigen Wodka reingehauen hat, um gleichermaßen in glänzender Laune und auf der sicheren Suchtseite zu sein.

Eines Tages fährt sie an den Ouse*. Unterwegs landet Elfrida in Rodmell. Eine steinalte Kirche zeichnet den Ort aus. Ein Anwesen gehörte Virginia und Leonard Woolf. Ab 1940 lebte das Paar fest in Monk‘s House.  

*Virginia Woolf beging am 21. März 1941 im Ouse** Selbstmord.

**„River Ouse (abgeleitet vom keltischen Wort für Wasser) ist ein Fluss in Yorkshire.“ Wikipedia

Trostlose Eskapaden

Von einer Recherchereise kehrt Elfrida zurück nach Rottingdean, wo sie, gemeinsam mit ihrem Mann, für die Dauer von Dreharbeiten (in Brighton) komfortabel untergebracht wurde. Ihr Mann führt Regie. Elfrida verblasst in den Frustrationen einer links liegengelassenen Ehefrau. Sein Vergnügen sucht Reggie Tipton aka Rodrigo Tipton bei einer Drehbuchautorin, die er an Bord geholt hat. Das Verhältnis von Zugänglichkeit und Berechnung bleibt unbestimmt auf beiden Seiten. 

Elfrida erholt sich von allen möglichen Missständen am liebsten in einem Pub, dessen gediegene Provenienz von den Erscheinungen des historischen Augenblicks düpiert wird. Die jungen Männer im Repulse tragen ihre Haare bis zum Gürtel. Das ist 1968 für das bürgerliche Britannien noch befremdlich bis zum Aufruhr. 

Nasser Tresen

Die seit Jahren blockierte Schriftstellerin fährt nach Rodmell, einer an jenem Ouse gelegenen Weiler, in dem sich Virginia Woolf das Leben nahm. In der Flussaue begegnet ihr Leonard Woolf. Der Witwer zeigt Elfrida die kalte Schulter. Sie erholt sich von der Abfuhr im nächsten Pub. Während viele Kneipen, Filme und vorgebliche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte im Roman erfunden sind, könnte es das Lokal tatsächlich geben. Die Rede ist von The Abergavenny Arms/ The Abergavenny Arms. Im Roman heißt es zwar nur „Abergavenny Pub“, doch bestehen in Rodmell kaum zwei Gaststätten mit nahezu demselben Namen. 

“The pub is situated in the small village of Rodmell which is famous for being the home of writer Virginia Woolf and her husband Leonard. A traditional inn, parts of which date from the Norman Conquest ...”  Quelle

Elfrida hellt sich mit Gin Tonic auf. Boyd schreibt die Umgebung: „Der Tresen war nass, voller nicht abgewischter Bierlachen, und das Lokal wirkte insgesamt schmutzig und verwahrlost. Eine Runde junger Burschen hier aus der Gegend, alle mit langen Haaren, vertrieb sich lautstark die Zeit.“  

*

In zeitlicher und räumlicher Nähe zu Elfridas trostlosen Eskapaden schlägt sich die Hauptdarstellerin des in Brighton entstehenden Kunstwerks mit den Folgen unbedachter Entscheidungen herum. Ihr als Bombenleger weltweit gesuchter Exmann Cornell Weekes kommt auf der Flucht vorbei, um Anny Viklund anzuschnorren. Er präsentiert sich in einer Anny kitzelnd vertrauten „Mischung aus Verbitterung und Großspurigkeit“. Gleichzeitig verlangt ihr amtlicher Liebhaber, ein französischer Philosoph namens Jacques Soldat, sie gerade in der heißesten Phase ihrer Set-Affäre mit Troy Blaze zu sehen. 

Troy dient dem Film, um den sich alles dreht, als Co-Star. Boyd beschreibt ihn als alerten Bettgenossen ohne Anlaufschwierigkeiten und Ritualgedöns. Sobald er die nackte Anny erblickt, ist er „klar zum Gefecht“. Das ist die Formulierung eines weißen alten Mannes, wie er im Buch steht. 

„Wir sind wie zwei Tiere bei der Paarung“, behauptet Anny. Troy widerspricht mit einer populärwissenschaftlichen Binse, die schon lange angezweifelt wird. 

„Tiere paaren sich nur zur Fortpflanzung.“

William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. Zuletzt erschienen in der Reihe Der kleine Gatsby die Erzählung »All die Wege, die wir nicht gegangen sind« und im Kampa Verlag sein Roman »Blinde Liebe« und »Die blaue Stunde«, außerdem Neuausgaben von »Brazzaville Beach«, »Die neuen Bekenntnisse« und »Ruhelos«. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält – er geht für sein Leben gern spazieren.