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02.07.2021, Jamal Tuschick

Das Lob der Anderen

Aus meiner Besprechung von Kerstin Cantz' Roman „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“ zitiert der Knaur Verlag: 

„Rassismus in all seinen Spiel- und Tonarten ist ein großes Thema in Kerstin Cantz' grandioser Boulevardrevue.“  Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

„Mit Proust‘scher Präzision beschreibt Kerstin Cantz nächtliche Sensationen um 1960 in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland.“ Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

Kerstin Cantz © Jorinde Gersina

Aufreizende Schäbigkeit

Drehscheibe des Geschehens ist der Münchner Cool Club, wo Legenden wie Chet Baker und Lionel Hampton auftreten. Eine Freundin der Titelheldin arbeitet da als Bardame. Ihr Chef, ein Mann mit stabilen Ansichten, kursiert als „Shorty“ unter den Jazzfans. Einer seiner Stammgäste fehlt wenig zum Baby Schimmerlos. Hinter Ludwig Maria Seitz liegt ein Aufstieg vom Kleinkriminellen zum Kriminalreporter. In einer stillen Stunde hört er Ahmad Jamal: At The Pershing. 

Eingebetteter Medieninhalt

Kerstin Cantz, „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“, Roman, Knaur, 10,99,-

Elke Zeisig schläft mit dem Journalisten. Von Liebe ist nicht die Rede. Noch nicht. Man hört die Nachtigall aber trapsen, sobald Lieutenant Otis Painter die Bühne betritt. Der Schwarze Offizier formuliert das Smart-Force-Programm für den Social Fight Club:

„Ich lasse mich nicht provozieren. Ich lasse mich durch keine Demütigung davon abhalten, das Beste zu leisten. Jede Verletzung, jeder Versuch, mich in meine vermeintlichen Schranken zu weisen, spornt mich an. Und wenn ich weiß, dass meine Wut mir schaden wird, dann halte ich sie zurück.“

So spricht ein Mensch nach meinem Herzen. Der Roman saugt mich an. Die Autorin trifft die Blue Notes des gesellschaftlichen Übergangs von der Restauration im Adenauerland zum antiautoritären Aufbruch von Achtundsechzig.

Ein anonymer Hinweis führt Kommissarin Zeisig in eine amerikanische Siedlung. Die Frau eines hohen Offiziers soll ihr (von einer Cornelia Maichlböck in die Welt gesetztes) Pflegekind vernachlässigen. Im Haus der angezeigten Loretta Williams erfährt Zeisig:

„Kennedy has been shot.“ 

In zeitlicher und räumlicher Nähe zu Zeisigs Ermittlungen kommt Hauptkommissar Manschreck ins Spiel. Der Leiter der Münchner Mordkommission untersucht einen schweren Angriff auf einen Schwarzen GI. Das Opfer einer Messerattacke überlebte knapp im Cool Club - einer Kellerbar von aufreizender Schäbigkeit. 

Staubgrauer Besuchsansporn

Amerikanische Clubs und ein toter GI - Münchens erste Mordermittlerin löst ihren zweiten Fall. Ein heikler Auftrag führt Kommissarin Elke Zeisig 1963  zum Perlacher Forst.

*

Zeisigs Mutter trat ihren staubgrauen Volkswagen mit der Erwartung ab, so einen Besuchsansporn im Alltag ihrer Tochter zu platzieren. Doch Elke wird von ihren Aufklärungsaufgaben förmlich verschluckt.   

Der Roman fängt gut an. Ältere sind sofort im Bild. Ein für die amerikanischen Sieger:innen aus dem Boden gestampftes Quartier entfaltet den Charme der Suprematie an jeder Ecke. Die an sich in allem firme und weitläufig ortskundige Ermittlerin verfranzt sich erst einmal. Eine freundliche Besatzergattin lotst Zeisig zu der richtigen Adresse. 

„Die Siedlung war ... nach amerikanischem Vorbild angelegt worden. In dem schachbrettartigen Grundriss diente die Nummerierung der Wohngebäude zur Orientierung.“

...

„Die Bremslichter in den Heckflossen einer lang gestreckten Limousine glommen wie die schräg stehenden Augen eines Raubtiers.“

Das beschreibt sehr schön eine nächtliche Sensation in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland. 

Die anrauschende Heckflossenästhetik affiziert Zeisig am 22. November 1963; dem Tag des Kennedy-Attentats. Ein anonymer Hinweis führt sie an Ort und Stelle. Die Frau eines hohen Offiziers soll ihr Pflegekind zumindest vernachlässigen. 

Franziska Sailer als Erika Ode

Bericht erstattet Zeisig Hauptkommissarin Franziska Sailer, die weniger raucht als einst Erik Ode nicht nur als Herbert Keller zu rauchen beliebte, unser aller Kommissar, wenn man sechzig ist. Die Beamtinnen gehören zur WKP. Wikipedia weiß: „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die WKP in den drei westlichen Besatzungszonen ... beibehalten. Einstellungsvoraussetzung ... war eine vorherige Ausbildung in einem sozialen Beruf.“ 

„Die Stunde Null*“ liegt achtzehn Jahre zurück. Das strikte Regime der Adenauer-Ära bestimmt die Verhältnisse. Die ledige Beamtin Zeisig firmiert offiziell als Fräulein und wohnt zur Untermiete bei der Witwe Mauser.

Ihr Bruder Volker entzieht sich der Wehrpflicht in Berlin. 

Die Wiederbewaffnung wurde parlamentarisch durchgepeitscht, da sie im Interesse unserer großen Freund:innen liegt. Die wirtschaftswunderbare Gemütlichkeit hält man besser für ein zartes Pflänzchen. Sowohl die Amerikaner:innen als auch die Sowjet:innen liebäugeln mit taktischen Atomwaffen. Zu gern überschlügen sie im Feld die Kosten eines begrenzten Atomkriegs. Im Weiteren gilt die Logik: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter. 

Es herrscht die MAD-Doktrin - Mutually Assured Destruction aka verrückt (mad). Das Gleichgewicht des Schreckens erscheint erschreckend instabil. 

*Der Lieblingseuphemismus von Millionen. 

*

Aus der Pressemitteilung

Zweiter Fall für Fräulein Zeisig: Münchens erste Kriminalkommissarin auf Spurensuche im Perlacher Forst

...

Während Elke immer tiefer in die isolierte Parallelwelt der Soldatenfrauen eintaucht, wird in einer Schwabinger Wohnung ein afroamerikanischer GI erstochen. Steckt Rassismus dahinter? War der Tote in die Drogengeschäfte eines bekannten Jazz-Clubs verwickelt? Und was verheimlichen die Soldatenfrauen? Bei ihren Ermittlungen mit Hauptkommissar Manschreck blickt Münchens erste Mordermittlerin in menschliche Abgründe, die sie an ihre Grenzen bringen.

Auch in Band 2 ihrer facettenreichen Krimi-Reihe versteht es Kerstin Cantz, einen außergewöhnlichen Schauplatz in München der 60er Jahre zu schaffen. Zu einer Zeit, als Frauen im polizeilichen Dienst noch keineswegs selbstverständlich waren, lässt die Münchner Autorin Fräulein Zeisig in einer von Männern dominierten Welt ermitteln. Zeitgleich gibt sie gekonnt und detailreich das deutsch-amerikanische Leben in München und damit ein Stück deutscher Zeitgeschichte wider.

Kerstin Cantz, geboren in Potsdam, wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach dem Publizistik-Studium arbeitete sie als freie Journalistin, war Redakteurin bei einem privaten Fernsehsender und ist heute Drehbuch- und Romanautorin. Ihr erster Roman "Die Hebamme" wurde auf Anhieb ein großer Erfolg. Kerstin Cantz lebt in München.