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07.07.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

„In diesem Krahl hausen die Wölfe“

Die Sprechmaschine des SDS und Big Theo, der Mann von dem Kojak lernte

Über seinen klügsten Schüler sagte Adorno: „In diesem Krahl hausen die Wölfe.“

Hans-Jürgen Krahl starb in der Nacht des 14. Februar 1970. Nach seiner Beerdigung löste sich der SDS auf. 

Nicht nur SDS-Bundesvorstandsmitglied Krahl hatte Adorno vorgeworfen, das Vokabular der kritischen Analyse zwar auszugeben, sich jedoch einer Praxis der Konsequenzen zu enthalten. Als er nach Adornos Tod, 1969, von dessen intellektueller Biografie behauptete, sie sei „bis in die ästhetischen Abstraktionen hinein von der Erfahrung des Faschismus gezeichnet“, redete er zugleich über sich. Virulenzvermutungen, die das gedeihliche Überleben des Faschismus in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft betrafen, provozierten in der außerparlamentarischen Opposition ein Katastrophenempfinden, das man heute nicht mehr begreift.

Krahl wurde siebenundzwanzig. Er stammte aus Sarstedt bei Hannover. Seinen politischen Einstieg (in einen kirchennahen Zusammenhang) nannte er „rechtsorientiert“. Der Niedersachse fand den Weg zum SDS via Junge Union und schlagender Verbindung. Die Kritische Theorie führte ihn zum Meister nach Frankfurt am Main. Er war der beste Kopf der APO und galt als schwer verständlich. Den neuen Wörtern stand ihre Entzauberung erst noch bevor. Siebenundsechzig redete „die Sprechmaschine des SDS“ den Frankfurter Campus leer: anlässlich eines Termins zum Tod von Benno Ohnesorg.

„Ruhe, der liebe Gott spricht“, hieß es, wenn Krahl ein Mikrofon ergriff.

Krahl hatte ein künstliches Auge, noch war akut Nachkrieg, einschlägige Beschädigungen nicht nur Merkmale alter Leute. Von seiner Prädestination zur sagenhaften Figur zeugte die Spekulation, er sei in Wahrheit ein Hardenberg und insoweit ein Graf, der sein Inkognito pflegt. Doch sah der Tribun so aus, als sei er noch unter den Bürger gesunken. Dicke Ränder unter den Fingernägeln bemerkte ein Chronist, der sich Krahl so schmächtig nicht vorgestellt hatte, wie er ihn traf auf der Höhe der Zeit in abgewetzten Hosen und grüner Cordjacke. Schnittreif das Haar. Revolutionär diktierte Krahl einem Journalisten das Berufsziel, wohl deshalb auch, weil einer Laufbahn in Academia Prozesse entgegenstanden. Im Sommer Achtundsechzig liefen bundesweit achthundert Prozesse gegen APO-Aktivisten. Professorenkarrieren fingen so an.