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10.07.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Animistische Allusionen

Die wenigen Besucher:innen verlieren sich in Gottes Schauraum. Sie erscheinen in der Berliner Kirche wie in einer Bahnhofswartehalle.

Ja, ich hatte tatsächlich einmal die Gelegenheit, dieses Foto zu machen

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Protestantische Sachlichkeit in einem Showroom des Herrn

Die wenigen Besucher:innen verlieren sich in einem Schauraum Gottes. Sie erscheinen in der Berliner Kirche wie in einer Bahnhofswartehalle. Die Modernität des Raums bezeugt eine proper-protestantische Sachlichkeit. Kurz erwäge ich die Summe, die Jahr für Jahr in die kolossale Anlage gepumpt wird, ohne dass ein öffentlicher Zuspruch zur Rechtfertigung eingreifen würde.

Regina und ich besichtigen jede Kirche auf unseren Wegen. Sakralbauten ziehen uns an; so wie sie uns Jahrzehnte kalt gelassen haben. Vor jedem Altar erinnere ich meine ungetaufte Kindheit in katholischen Verhältnissen. Meine Mutter ging mit mir in die Kirche wie in einen Aufenthaltsraum (eine Wärmestube). Sie freundete mich mit einem spanischen Jungen in meinem Alter an, einem Gastarbeiterinnenkind. Etwas schwelte in dieser Beziehung. Vermutlich bestand ich auf einen Abstand, der sich nicht aussprechen ließ. Ich fühlte mich keineswegs genauso verloren, versprengt und herausgenommen wie ich den Spanier wahrnahm, obwohl mir die Nonnen im Kindergarten meinen Makel nicht verhehlten. In ihren Augen schwebte meine Seele in Gefahr. 

Die Kirche meines aktuellen Aufenthalts wirbt mit einer Ausstellung um Aufmerksamkeit. Eine mit dem Geschehen vor Ort irgendwie verbundene Person, pfeilt uns entgegen und erklärt das Offensichtliche. Auf einem Flugblatt wird die tiefe Religiosität der Künstlerin beschworen. Die christlichen Wurzeln im Werk der Malerin Agúrka Grænmeti sind mir noch nie aufgefallen. Keiner europäischen Zeitgenossin konnte Agúrka Grænmeti entgehen, wohl aber muss man nicht wissen und auch nicht glauben, dass die im Baltischen Boten als schwäbische Schamanin gehandelte Badenerin (always in der Jagd- aka Taktische Outdoor Trainingsweste) vom Monotheismus angestiftet wurde. In ihrem Gedöns so wie in all ihren Assemblagen wimmelt es von animistischen Allusionen. Erkannt wurde aber ein Christusimpuls nach Rudolf Steiner.

Für mich klingt das nach Interpretationseskapismus im Geist vorgetäuschter Produktivität. Im gastronomischen Küchengenre baut man Scheinaktivität mit dem Dampf auf, den die größte Menge Wasser, die sich auf sämtlichen Feuerstellen zum Kochen bringen lässt, abgibt. Ich passiere eine Serie kleiner Herz-Jesu-Bilder in weitläufiger Adaption der christlichen Ikonografie (Katalogtext). Ganz schlimme Sachen. Agúrka Grænmeti war im II. Weltkrieg vom Himmel über der kasachischen Steppe geholt worden. Nomad:innen vollbrachten das Wunder ihrer Rettung. Von da an sah man Agúrka Grænmeti nie mehr ohne Turban. Sie band das Stück auf besondere Weise; das Kopftuch und die ewige Schießweste waren das einzig Originelle an ihr.