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14.07.2021, Jamal Tuschick

David Hockney, Bigger Splash, gesehen 2016 in London © Jamal Tuschick

Der Künstlerinnenflüsterer

„Beliebige Rekombinationen fieberhafter prekärer Aktivität haben das politische Bewusstsein ... verdrängt.“ Franco Berardi

Wo ist jetzt noch mal die Galerie? Geyer sagte doch, man müsse lediglich ...

Die Galerie ist im richtigen Leben ein Steuerbüro in einem seit Jahren eingerüsteten Haus. Wir haben das Haus schon ein paar Mal erst einmal nicht gefunden.

Ich gehe an allen Leuten vorbei auf die Bilder zu. Von Kontakten verspreche ich mir nichts mehr. Die Künstlerin spielt mit ihrer Tochter, außer mir schaut sich niemand die Bilder an. Dicle unterhält sich mit Wochenmarktfetischist:innen. Sie sind hager, truthahnig, halsstarrig. Der Faltenwurf der Haut passt zum verknitterten Leinen.

Ich bin so weit, dass ich barfuß in Sandalen die Hässlichkeit meiner Füße als Instrument des Terrors einsetze. Die Lust am stillen Krawall; vermutlich gedeihen Dicles Macken auf einem ähnlichen Misthaufen der Regression. 

Das Bildgeschehen erscheint auf den ersten Blick fortlaufend wie eine Comic-Geschichte. Die Kulissen erinnern mich in jedem Fall an David Hockneys Bigger Splash. Zu den Beweisfotos meines Lebens zählt Ich vor Hockney in London.

Die Aufnahme dokumentiert meine Zufriedenheit. Für mich war das im Augenblick des Schnappschusses ein abgehakter Punkt. Ich habe meine Liste maßgeblicher Kunstwerke im Verlauf eines halben Jahrhunderts abgearbeitet. Kein Bild in unserer Wohnung bedeutet mir so viel wie die gedankliche Kurzaufnahme eines Goyas, Velazquez' oder Caravaggios auf einem öffentlichen Schauplatz. Selbst den in meiner Jugendwahrnehmung zur Tapete heruntergekommenen Dalí rückten Museumsbesuche in eine höhere Ordnung. Die Originale wirken blasser und gezeichneter als die gepimpten Artposter der Siebzigerjahre. Mich erinnert der Discount-Surrealismus von Damals heute weniger an Kunst als an Motorradtankverzierungen. 

Als die Pet Shop Boys jung waren, gab es einen Weltzusammenhang zwischen handgemachten Schuhen, die manche Leute in London kauften, Anzügen von Yōji Yamamoto und David Hockneys Bigger Splash.  

Dann gibt es noch A Bigger Splash. Der Film reagiert auf eine 69er-Piscine-Petitesse mit Romy Schneider, Jane Birkin, Maurice Ronet und Alain Delon. Siehe Der Swimmingpool. Maurice und Alain schwimmen in dieser Badeschlappe ständig gegeneinander und sobald sie aus dem Bassin kommen, rauchen sie los wie von der Tarantel gestochen. Das hat mich beim Zuschauen vor vierzig Jahren gestört: dass die Zeit des Abatmens so knapp gehalten wurde. 

Die Aktualisierung geht als mediterranes Inseldrama über die Bühne. Flüchtlinge und einheimische Reinigungskräfte spielen emsig-desolat ihre ewigen Rollen, während die Herrschaften im durchbrochenen Licht von der Mittagssonne heimgesuchter Schlafzimmer erwachen. Nach Berardi wurde „im Zeitalter des Finanzkapitalismus“ die Geschichte abgeschafft. Der italienische Marxist datiert den Wendepunkt auf das Jahr 1977. Damals habe die Evolution den Rückwärtsgang eingelegt.  

Die Künstlerin reagiert nicht auf das Remake. Sie nimmt nur die Hockney-Metaphorik, die ich mit einem Tête-à-Tête in einem hellen Raum assoziiere. Vor dem offenen Fenster hört man Poolwassergeplätscher und Beckenrandgeplauder. Eigenartigerweise siedeln meine Assoziationen dichter an dem späteren Film; während die Künstlerin eindeutig die Vorlage zur Grundierung einer Geschichte verwendet, die im Grunde nichts anderes erzählt als Regisseur Jacques Deray im Original. 

Mir gefällt die Idee. Das sage ich der Künstlerin trotz der Angst, sie glaube, ich wolle anwanzen; ein alter Sack in Sandalen, der einen auf Künstlerinnenflüsterer macht.