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15.07.2021, Jamal Tuschick

Narrative Flaute*

*„Wenn Suchtgeschichten sich von der Dunkelheit nähren, von der hypnotisierenden Spirale einer fortgesetzten, sich ausweitenden Krise, dann erscheint die Genesung oft als narrative Flaute, als glanzloses Territorium des Wohlergehens.“ 

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Iowa Apartments Near Campus – So heißt eine Agentur, die den Wohnraum für Studierende in Downtown Iowa City makelt. Da landet die Kalifornierin Leslie Jamison in der Dodge -, Ecke Burlington Street. Sie ist einundzwanzig und von jetzt auf gleich ständiger Gast auf den Gartenfesten der Nachbarschaft. Die akademischen Zerstreuungen folgen einem schlichten Schema mit Leuchtgirlanden, Glühwürmern, Grillgut, Stechmücken und „Einmachgläser voller Rotwein“. 

„Ich war hier, um am Iowa Writers’ Workshop meinen Master in Kreativem Schreiben zu machen, einem Studiengang, der vor Geschichtsträchtigkeit nur so strotzte. Ich hatte den Eindruck, als verlangte der Studiengang in einem fort Beweise, dass man es verdient hatte, hier zu sein.“

Jamison bewegt sich in einem Milieu, das täglichen Alkoholkonsum als Normalität im Rahmen einer aufgeschlossenen Gemütlichkeit erscheinen lässt.

Nachts treibt die angehende Schriftstellerin Unruhe auf die Straße. „Ich (fuhr) raus aus der Stadt, vierzig Meilen auf der Interstate 80 nach Osten, zur größten Lkw-Raststätte der Welt“. 

„IOWA 80 - der größte Truckstop der Welt - Nach seinem Ausbau 1996, der etwa 3,5 Millionen Dollar kostete, ist der Iowa 80 auch offiziell der größte Truckstop der Erde und allein schon aus diesem Grund ein Paradies für Trucker.“ Quelle

Jamison lässt ihre Rauschzeit aufleben. Vor einer Kulisse aus Campus und Maisfeld kokst sie zum ersten Mal in der Gesellschaft eines Kommilitonen, dessen Interesse ihr interessant genug erscheint. 

„Eigentlich waren es ja immer die anderen, die wahrgenommen wurden, die Felicitys dieser Welt, aber jetzt legte dieser Typ hier Blood on the Tracks auf.“

Eingebetteter Medieninhalt

Rituelle Überschreitung

Mit fünfzehn trinkt sie zum ersten Mal heimlich. Die Überschreitung vollzieht sich beinah rituell in einer Gemeinschaft Gleichaltriger. Die Heranwachsenden formieren sich zu einer Geheimgesellschaft im Schutz eines Elternhauses. Abwesende garantieren die Abschirmung, während alle Anwesenden nicht wissen, wohin die Reise geht. 

Leslie Jamison, „Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“, aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 18.-

In dem Verstoß steckt ein Vorstoß. Die Autorin schildert die Begleitumstände einer Unvermeidlichkeit. Die Jugendlichen trinken, was die Bestände hergeben, und so auch den „Chardonnay, der zwischen Orangensaft und Mayonnaise im Kühlschrank“ steht.

Perfekte Punkte

Fortan liegen Drogen nah. Ihre besitzergreifende Wirkung kommt nicht im Bewusstsein der Gefährdeten an. Die Sachen sind einfach nur in ihrer Reichweite. Eine Konfrontation mit der richtigen Reihenfolge, nach der sie in die Reichweite und in den Sog von Suchtstoffen geraten ist, käme ihr wie eine Verkehrung der Realität vor. Als die Pubertierende zum ersten Mal dem Begehren eines Jungen einen Finger reicht, ist Alkohol im Spiel. Der erste feste Freund „schießt sich gern ab“. Den Point of no Return überschreitet Jamison vollkommen arglos: 

„Vielleicht hat der Beginn meines Trinkens auch weniger mit konkreten Momenten zu tun als mit dem Einschleifen von Verhaltensmustern – dem täglichen Trinken. Das begann in Iowa City“. 

Die Autorin erreicht in den Zirkeln der lokalen Avantgarde „perfekte Punkte“ erst zwischen dem zweiten und dritten, dann zwischen dem dritten und fünften Wodka Tonic. Auf der Ziellinie „leuchtet (das) Leben von innen“.  

Redundanz versus Originalität

Es ist gewiss auch für (wie mit der Brechstange) brutal Belehrte schwer, sich den suggestiven Wirkungen dieser Erinnerungen zu entziehen. Die meisten Alkoholiker:innen in meinen Fächern haben als Aktivsüchtige  Meister:innenwerke der in mehr als einer Hinsicht ertrunkenen Literatur gelesen, ohne selbst die Flasche abzusetzen. Ich nenne Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“. Der Roman schmeckt wie Tequila.

Das Fest des Lebens besteht für süchtige Schriftsteller:innen darin, Trinken, Schreiben und Lesen zu können so viel sie wollen/müssen. 

Auf die Reihenfolge kommt es an.  

„Von außen betrachtet mag das Trinken als willentliche Selbstzerstörung erscheinen – für (Alkoholiker:innen) ist es so unausweichlich wie der nächste Atemzug“, schreibt Jamison in einer Vorbemerkung. 

Der Satz hat es in sich. 

Die Brüder Grimm verwahrten sich gegen modische Originalität. Sie wollten die treue Überlieferung, die in der mündlichen Wieder- und Weitergabe den narrativen Kern im traditionellen Kleid transportierte. Märchenerzähler:innen legten ihren Stolz dahinein, feststehende Formulierungen variantenfrei (vulgo fehlerfrei) zu repetieren. 

Der Text war Allgemeingut so wie die liturgische Liedlyrik. 

In den Kreisen der Anonymen Alkoholiker:innen ächtet man die Eloquenz zugunsten der braven Einsicht, als Alkoholiker:in nichts Besonderes zu sein; keine besondere Geschichte zu haben. Das meldet jedenfalls Jamison. 

Aus der Ankündigung

Manchem Künstler, von Raymond Carver über Billie Holiday und David Foster Wallace bis Amy Winehouse, erschien (Alkohol) gar ein Quell der Inspiration. Und auch Leslie Jamison trank, weil sie ihre Mängel verbergen und um jeden Preis besonders sein wollte. Doch dann war das Ausmaß der Selbstzerstörung so groß, dass sie sich Hilfe suchen musste. Und sie erkannte, dass sie erst genesen würde, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte.

Mitreißend erzählt Leslie Jamison von ihrer Abhängigkeit und dem harten Weg hinaus. Davon, dass die Loslösung vom Alkohol bedeutet, sein Bild von der Welt und von sich selbst radikal zu hinterfragen und zu verändern. Die Klarheit ist eine persönliche und kollektive Geschichte des Trinkens und des nüchternen Lebens – klug, bewegend aufrichtig und von unverhoffter Schönheit.

Der einsamste Wal der Welt

Leslie Jameson spekuliert nicht. Sie vermeidet steile Thesen und verrät ihre Gegenstände nicht an feuilletonistisch knallende Formulierungen. Im ersten Essay beschreibt sie die Wirkung, die ein niemals von Menschen visuell identifizierter, nur auf der Basis von Audiodaten bekannter Wal zumal in den sozialen Netzwerken auslöste. Niemand weiß, ob der Blauwalbulle tatsächlich so isoliert existiert, wie es  Tontechniker:innen auf einer Marinebasis vor der Küste von Washington vorkommt. Seine Stilisierung zum einsamsten Wal der Welt fußt auf einem kleinen Ausschnitt aufgeschnappter Signale. Die Autorin schreibt: „Die natürliche Welt hat sich immer als Fläche für menschliche Projektionen angeboten. Die Romantiker nannten es den pathetischen Irrtum ... Wir projizieren unsere Ängste und Sehnsüchte auf alles, was wir nicht sind.“

Der Kampfpilot im Kinderzimmer

Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771 – 1833) träumte so. Sie schloss den interessantesten personellen Konstellationen einer Ära Räume auf. Mit zwanzig gründete die Berlinerin ihren ersten Salon. Clemens Brentano und Friedrich Schleiermacher kamen. 1806 marschierte Napoleon unter den Linden auf und Varnhagen begegnete ihrem Mann. Er war vierzehn Jahre jünger. Varnhagen erlebte mit ihm eine soziale Talfahrt, bevor sie wieder als gastgebende Hausherrin in der Französischen Straße Hof hielt.

In ihrem Tagebuch meldete sie ihre Träume, von denen fünf zentral waren. Sie wurden 1812 notiert. Im Briefwechsel mit Alexander von der Marwitz visualisierten sich die Träume neu: „Hören Sie diesen Traum. Es war ein großes Diner, man hatte auch schon Licht, denn es war Abend.“

Varnhagens Handschrift ist kaum zu entziffern. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen.

„Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“

Varnhagen ließ sich im Alter von dreiundvierzig Jahren taufen. Sie strebte Assimilation (vergeblich) an. In den Träumen trat ihr Zorn auf: „Der Traum schreckt vor nichts zurück.“

Leslie Jameson, „Es muss schreien, es muss brennen“, Essays, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Berlin, 25.-

Mit den gestalteten Träumen reagierte Varnhagen auf gesellschaftliche Gestaltungshemmnisse. Das lässt sich leicht verstehen. Weit schwieriger fällt eine plausible Erklärung für die phantasmagorische Traumproduktion eines amerikanischen Kindes. In dem Essay „Wir erzählen uns Geschichten, um wieder zu leben“ ergründet Leslie Jameson erstaunliche Vorgänge.

„Im April 2000 begann der kleine James Leininger aus Louisiana regelmäßig von Flugzeugabstürzen zu träumen.“

Da ist James noch nie geflogen. Eine bizarre Präzision schleicht sich in seine Deutungen. Schließlich verkündet er seinen Eltern visionär, in einem früheren Leben Kampfpilot gewesen und abgeschossen worden zu sein. Die Schote garniert er mit schwer errreichbarem Wissen.  

„Er sei eine Corsair geflogen ... (und) von einem Schiff namens Natoma gestartet. Seine Eltern hatten nie mit ihm über den Zweiten Weltkrieg gesprochen.“

James trifft lauter Nägel auf den Kopf. Er erinnert die Namen seiner gleichfalls abgeschossenen Kameraden. Sein Vater verifiziert die Richtigkeit der Erinnerungen auf einem Veteranentreffen.

Im Auftrag eines New Yorker Magazins besucht Jameson den Psychiater Jim Tucker, der „eine Datenbank von Kindern mit Erinnerungen an frühere Leben“ aufgebaut hat, in einem Forschungsinstitut namens Division of Perceptual Studies (DOPS) in Virginia. Die Autorin weiß, dass von ihr ein kritischer Beitrag erwartet wird. Sie sperrt sich gegen die rationale Automatik und reißt en passant den Horizont ihrer Alkoholsuchtbekämpfung durch dirigierte Abstinenz im Kreis der Anonymen Alkoholiker:innen auf. Sie will für Ungewöhnliches (Seelenwanderung inklusive) offen sein, um von einer Genauigkeit zu profitieren, die sich in den Nebeln einer aufgeklärten Existenz einfach übersehen lässt. 

Jameson besucht Leute, die sich an frühere Leben erinnern und als Kinder (angeblich) mit „alten Seelen“ Anpassungsschwierigkeiten an die Gepflogenheiten Gleichaltriger hatten. Sie entdeckt einen Mechanismus: die Dynamik der Selbstverstärkung. Bei den Leiningers dreht sich alles um James' „Reinkarnation“. Man korrespondiert sogar mit der Schwester jenes Piloten, den James (angeblich) inkarniert. Merkwürdigerweise zeigt der Heranwachsende das geringste Interesse am Thema.

Der Vater klebt obsessiv daran. Er vermarktet die Geschichte und geht in ihr auf, während James sie gerade hinter sich lässt. Der Sohn braucht sie nicht mehr. 

Jameson analysiert die Verlockungen und Fallstricke überfrachteter Interpretationen kindlicher Phantasieproduktionen.  Sie isst mit den Leiningers in einem kreolischen Restaurant zu Abend. Unter einem ausgestopften Alligator erkennt sie den grotesken Transfer. Der Vater nutzt den Unsinn seines Sohnes, um dem eigenen Leben Sinn zu geben. Das funktioniert natürlich nur auf einer Folie wahnwitziger Verblendung. Der Nutznießer bewegt sich längst auf einer Metaebene. Da rettet er als Spezialist von eigenen Gnaden amerikanische Geschichte vor dem Vergessen. Herr Leininger spielt sich als Bewahrer auf.   

Leslie Jamison, 1983 geboren, wuchs in Los Angeles auf, studierte in Harvard und promovierte in Yale. 2010 erschien ihr Roman The Gin Closet. Jamison ist die Autorin von Die Empathie-Tests, einem der meistdiskutierten Bücher 2015. Sie lehrt an der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.