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16.07.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Monotonie des Mangels

Julia führt das Leben einer sesshaften Landstreicherin, gedeckt vom Laissez-faire der Bockenheimer Milieus – einer soften Melange, produziert von griechischen Wirt:innen, türkischen Gemüsehändler:innen, Spontis, Studierenden und Rentner:innen. Langzeitstudierende („vom BaföG in die Rente“, Norbert Blüm) bilden einen eigenen Stamm zwischen „Distel“ (Naturkost), „Albatros“ (Café), „Tannenbaum“ (Kneipe) und ein paar malerisch aufgelassenen, mysteriösen Nutzungen offen stehenden Fabrikhallen, deren Star das Bockenheimer Depot ist. Julia ist doppelt so alt wie die Bildbestimmer:innen ihrer Umgebung. Sie sickert durch subkulturelle Schichten. Sehr genau registriert Julia, wer wem voran und wer wo hingeht. Das campusnahe italienische Restaurant für den akademischen Mittelbau hat andere Farben als der abgabenpflichtige Fresspopulismus nebenan.

Im sagenhaften „Doctor Flotte“ erscheint Julia als Fuselgespenst; eine Weile im Rang einer Geliebten des rätselhaft situierten Ludwig Walter, genannt Lullo-Walter. Von ihm heißt es, er habe ausgesorgt. Er eröfffnet Julia eine Perspektive. Er richtet den Schaden an, ohne es zu merken. 

Für Lullo-Walter gibt es auf der Welt nur Kneipe, einmal im Jahr auch auf Mallorca.

Julia ist die Tochter einer vom Wirtschaftswunder konsequent abgeschnittenen Flüchtlingsmutter. Zwanghaft wiederholt sie das Drama der Entwurzelung in diversen Konstellationen. Die Trennung von Lullo-Walter schneidet Julia nicht nur von der problemlosen Versorgung ab. Sie löst auch einen vertrauten Degradierungsschmerz aus.

*

Es ist alles so mühsam und es ist alles zu viel. Julias Alltag fehlt der Schongang. In jeder Stunde packt sich die Welt aus, ob man sie so umfassend sehen will oder nicht. Ständig findet eine Notzucht der Sinne statt; in einer Diktatur des Erlebens.

Das Leben macht keine Pause. Das Laub raschelt immer weiter. Der Wind kann nicht anders. Julia steht auf der Adalbertstraße und sieht die Taunuskämme am lichten Horizont. Sie ist klamm und stier, eingeklemmt von Verpflichtungen gegenüber einem unerbittlichen Fürsten. Der Suchtdruck treibt sie.     

Da biegt keine Flaneurin um die Ecken. Da überwintert eine im Sommer; ausgetrocknet von erzwungener Abstinenz; die Saufchancen der anderen zählend. Immer kriegt die Bianca noch einen Amaretto von Kurz, dem Wirt des „Alten Drehstuhls“. Wer da verkehrt, ist ganz unten angekommen, um doch noch turmhoch über den Rucksacktrinker:innen zu balancieren. Julia nutzt eine zusätzliche Unterkunft von Kurz, um in Frankfurt zu campieren; der Obdachlosigkeit auf den Wegen freundschaftlicher Wohlfahrt soeben entgehend. Wieder mit knapper Not nur.

Julia schiebt sich aus einer Not in die nächste … eine trubelfeste Einzelgängerin in ihren Vierzigern; eine Erfrierende.

Dünne Linien

Erschöpft lernt Julia ihr auf Feldwegen und anderen Nebenstrecken absolviertes Leben auswendig. So ergeben sich dünne Linien zwischen Friedberg in der Wetterau, wo die Flucht der Mutter einst endete, als wäre kein Zug mehr weitergefahren.

Wasserhähne tropfen, Türen schlagen und Glühbirnen zerbrechen in endlosen Aufzählungen. In der Monotonie steckt eine Psychologie des Mangels. Julia beschreibt Formen der sozialen Auszehrung am Saum des studentisch-alternativen Betriebs mit seinen Campus-Penner:innen. Die meisten Leute in Julias Dunstkreis leben unauffällig prekär. Das ist im Frankfurt der Siebziger- und Achtzigerjahre schon nicht einfach. Die Metropole sperrt sich gegen Experimente. Zumindest bekäme man alles Mögliche in den Frankfurter Randgebieten mit eigenen Stadtrechten (Offenbach, Hanau) weit günstiger.   

*

Die Lagerfeuer auf den ausgebrannten Bahnhöfen der Nachkriegsvertreibungsflucht aus einem verlorenen Osten sind in Julia nie erloschen. Sie ist eine Geflüchtete geblieben, eine, die sich durchschlägt; eine, die sich ihre Gönner:innen mit Geschichten gewogen hält; eine, die Gönner:innen nötig hat in ihrer Alltagsuntauglichkeit. Als Unterstützer hält Kurz am längsten durch. Konsequent bleibt er in der Rolle eines schwach interessierten Zuhörers. Julias Erzählgenauigkeit kommt aus einer Überforderung. Sie leidet unter Reizüberflutung. Das Zuviel kanalisiert sie mit sortierenden Schilderungen. Sie verfährt so, wie Molly Bloom in dem Ulysses-Soliloquium. Sie registriert, filtert, zerlegt, ornamentiert, frisiert und lotet aus. Sie fängt immer wieder von vorn an, auch in der Darlegung ihres Unglücks.

*

Im Juni sind die Menschen am schönsten. Das ist jedes Jahr so. Immer sind die Menschen im Juni am schönsten. Julia weiß das auf den Tag genau. Mit Menschen meint sie vor allem die Müßigganger:innen in Bockenheim, wo Julia jetzt lebt, nach den Jahren in Friedberg mit den Touren nach Frankfurt auf einer sich durch die Wetterau schlängelnden Landstraße, deren gefällige Kurven von Zigarettenautomaten, Dorfgemeinschaftshäusern, Heuschobern, Telefonzellen und landwirtschaftlichen Nutzflächen gesäumt werden. Überall gehen Feldwege und Schotterpisten ab. Saumpfade und Nebenstrecken sind Julias Schicksal. Sie ist keine Frau der Magistralen. Baudelaires Boulevards verwandeln sich in Julias Wahrnehmung in Fährten aus niedergedrücktem Gras, quer über eine vorstädtische Wiese verlaufend. Wo sie Staub aufwirbelt und das Laub singen lässt, fahren Traktoren lautlos über die Horizontlinie. Julia verschattet ihre Augen. So steht sie da, mit zig Sachen im Verzug. Eben war noch gestern, und jetzt kommst du. Die Studentinnen im Juni 1982 fördern die Wehmut im Straßenverkehr und erzwingen einen Abstecher ins Café Berger. Nur schnell einen Schnaps zum Espresso. In einer Überblendung fährt sie von Gießen in die Stadt. Die Straßendörfer schwimmen wie Seerosenkolonien in den Landschaftstümpeln.

Nichts vergessen zu dürfen, ist Last und Lust. Julia bietet sich eine Gelegenheit nach Okzitanien abzurauschen, als Copilotin von Tillmann Tüchtig, den die praktische Seite des Lebens nicht nur nicht verstimmt. Sie hellt ihn sogar auf. Sie hält ihn in Form. Julia vertraut sich Tillmann trotzdem nicht an. Besser, sie schlägt die Gelegenheit aus und fährt nicht mit einem Überflieger nach Toulouse.

Lieber versäumt Julia Termine in der trägen Hektik eines griechischen Familienbetriebs in einem alten deutschen Wirtsgarten. Sie guckt durch die Gegenwartsblende und sagt nicht viel. Plötzlich weiß Julia etwas über das Mittelalter und ein Rittergut in der Schloßstraße (Bockenheim). Doch da ist niemand, der ihr im Augenblick zuhört.