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17.07.2021, Jamal Tuschick

Demographische Menagerie

Eine Weile jobbte Leslie Jamison als „Darstellerin von Krankheiten“. „(Medizinstudent:innen) mussten erkennen, woran sie (vorgeblich) litt.“ Nicht nur die diagnostischen Fähigkeiten wurden beurteilt. Auch das Einfühlungsvermögen unterlag einer Schätzung. Nach der viertelstündigen Begegnung füllte die Simulantin einen Evaluationsbogen über die Performances der angehenden Ärzt:innen aus. 

Gemeinsam mit Kolleg:innen erfüllte/erfühlte Jamison Funktionen in einer „demographischen Menagerie: Da (gab) es die Sportskanone mit dem Kreuzbandriss und den Manager mit dem Koksproblem. Die Tripper-Oma (hatte) gerade ihren Ehemann betrogen, mit dem sie seit vierzig Jahren verheiratet (war)“. 

Die Darsteller:innen verfügten über eine eigene Druckkammer im Krankenhaus; einen Raum, um Dampf abzulassen. 

Am liebsten bewies Jamison ihr Mimikry-Talent in der Rolle einer „Dreiundzwanzigjährigen, die an einer sogenannten Konversionsstörung leidet. Die Trauer über den Tod ihres Bruders äußert sich bei (Stephanie Phillips) in Krampfanfällen.“

Leslie Jamison, „Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer“, aus dem amerikanischen Englisch von Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, 12,-

Soziale Lähmung

Laut Skript weiß Stephanie nicht, woher die Zuckungen kommen. Jede Verbindung zwischen ihrer Trauer und körperlichen Reaktionen erscheint ihr abwegig. Die Anfälle und den Verlust kriegt Stephanie nicht zusammen. 

Bei einer ausufernden Party war der Bruder betrunken ertrunken. Bruder und Schwester hatten einen gemeinsamen Nebenverdienstarbeitgeber. Inzwischen geht Stephanie gar keiner Beschäftigung mehr nach. Ihr fehlt selbst die flachste Reflexionsebene. Deshalb versteht sie nicht, wie weitreichend ihre soziale Lähmung ist.  

Aus der Ankündigung

In einer virtuosen Mischung aus Reportage, Kulturkritik und persönlichem Erzählen schreibt Leslie Jamison ein radikal aufrichtiges Buch über Empathie – und wird verglichen mit Susan Sontag, Joan Didion und David Foster Wallace. 

Ist Empathie eine naturgegebene Qualität oder eignen wir sie uns kulturell an? Ist sie wirklich immer von Vorteil oder kann sie auch destruktiv wirken? Wo fängt Mitgefühl an, wo endet es? In ihren fesselnden wie schonungslosen Essays lotet Leslie Jamison genau diese Grenzen aus. Sie schreibt über das Verhältnis von Ärzten und Patienten, über Elendstourismus, über weiblichen Schmerz. Und sie führt ihren eigenen Körper ins Feld, beschreibt persönliche Leidenserfahrungen und beobachtet sich im Umgang mit sorgenvollen Mitmenschen.

Immer wieder stellt sie dabei die Frage, wie weit wir dabei gehen können, wie sehr wir uns in andere hineinversetzen können und weshalb sich Empathie zu dem Modephänomen unserer Zeit entwickelt hat. 

Leslie Jamison, 1983 geboren, wuchs in Los Angeles auf, studierte in Harvard und promovierte in Yale. 2010 erschien ihr Roman The Gin Closet. Jamison ist die Autorin von Die Empathie-Tests, einem der meistdiskutierten Bücher 2015. Sie lehrt an der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.